Freies Magazin FM5

Plattform für Kunst und Jugendkultur

ohne Nav

 

musik

Drei Tage, viel verpasst.

2008-08-23 20:11:59

  • frequency Zelt deko

Waiting For Pete Doherty To Die: Ein kurzer Erlebnisaufsatz vom Salzburgring, subjektiv und unvollständig.

Weather Report

Tag eins: Es ist heiß, heiß, heiß. Die Schlangen sind endlos, das Gelände aber noch nicht mit Betrunkenen geflutet. Positiv denken.
Blood Red Shoes, Wombats sowie We Are Scientists rocken sich weg, dass es eine Freude ist. Travis, aus der Konserve bekannt konservativ, sprudeln ebenfalls über vor Energie und Charme.

You love us.

Tag zwei: Eine Flut, diesmal im klassischen Sinn, von oben. Die Kälte hält sich noch in Grenzen, aber die armen Tröpfe, die heute Nacht in ihren im Schlamm versunkenen Zelten nächtigen müssen, verdienen Mitgefühl. Und wahrscheinlich Aspirin+C.
1984 machen im Weekenderzelt schon am frühen Nachmittag den Tag zum Konzertabend. Überhaupt profitieren die Zeltbühnen wohl am ehesten von den akuten Inkontinenzerscheinungen des Himmels.

Leider aber erfordern Must-Acts wie die Charlatans oder die Manic Street Preachers ein Stehen im Regen, nicht sprichwörtlich, wohlgemerkt. Und ebenfalls leider spielen die Charlies gleichzeitig mit den White Lies, weshalb Letztere ausgelassen werden. Tut aber gleich viel weniger weh, wenn man Tim Burgess und seinen Mannen zuhören und zusehen darf – wunderbar. Manics brechen fast das Konzert ab, wegen grottigem Sound, erbarmen sich aber dann unser und beschallen uns feinst.
Zu faul, zu nass und zu frierend, um zur Green Stage zu gehen.

Have you had enough of this whiny indie sh*t? Why don’t you listen to the Ting Tings instead.

Last, but most certainly not least: The Indelicates – die Hoffnung für noch nicht gehirnamputierte Musikkonsumenten. Im Interview, bald zu lesen auf dieser Website.

When I say, "Frequency, go crazy!", you go absolutely crazy!

Tag drei: Bedeutend trockener, trotz des ab und zu einsetzenden feinen Sprühregens. Jene Regionen des Geländes, die nicht asphaltiert sind, gleichen den Sümpfen der Traurigkeit aus der Unendlichen Geschichte – allerdings bestreut mit wesentlich mehr Abfall. Der Preis für das trockenere Wetter ist eisige Kälte.
A propos Preise: Die Inflation ist leider nicht über Nacht erfroren, und wer nicht mit Proviant und gefüllter Thermoskanne ausgestattet ist, zahlt sich nach wie vor dumm und dämlich für ein bisschen Wärme im Magen.

Der musikalische Tag beginnt für mich mit The Lines – ein Urknall quasi, eine Rundumwatschen, die erinnert, dass man sich auf einem Festival für Rockmusik befindet. Sie klingen wie ein Upgrade von The Music mit Spuren von etwas, das sich anhört, als wären U2 in einen Starkstromkreislauf geraten. And them boys, they went absolutely nuts.

Die überwältigend-träumerische Klangwand-Musik von The Lea Shores muss zugunsten des ungebändigten Rock’n’Rolls der Subways ausgelassen werden – bei der Kälte braucht es einfach Zappelmusik. Billy Lunn und Charlotte Cooper von The Subways bewegen sich so schnell, dass einem schwindlig werden kann.

We’ve come a long, long way from Norway, just for you. To entertain you. Do you feel entertained? Good!


Dann die Ankündigung, auf die jeder gewartet hat, weil es eh alle gewusst haben: Das Aushängeschild der weltweiten Klatschpresse, Peter Doherty, hat geschätzte hundertfünfundzwanzig Flieger verpasst und daher gibt es kein Babyshambles-Set. Warum seine Kollegen nicht ohne ihn spielen, ist nach kurzem Überlegen leicht zu verstehen: Es geht ja im Fall ’Shambles längst nicht mehr um Musik, sondern um Personenkult. Für das Festival bedeutet es ein besonderes Zuckerl: Doppelt so lange Sets von den wunderbaren, küssenswerten, absolut grandiosen Kaizers Orchestra und den äh, Publikumslieblingen Dropkick Murphys.

Because we – are – your friends.

Für den aufmerksamen Beobachter (also am Frequency, am letzten Tag, zu solch fortgeschrittener Stunde, geschätzte fünf Leute) gibt es das Spektakel einer partiellen Mondfinsternis zu bestaunen.
Aber dann: Justice. Zuckaus. Zuckein. Zuckung. Sonic assault. Die Kamera hängt sich schwer an, alles tut weh, und doch bleibe ich. Zucke mit.

Eine Blitzimpression der Killers vom Wall aus: Nett, nett. Klingt gar nicht so schlecht. Aber Tricky ruft. Nicht persönlich natürlich, wenn es nach seiner Ausstrahlung beim Konzert geht, wäre er wohl gerne anderswo. „Turn off the white lights“, ist der einzige Satz, an den ich mich erinnere. Als ob es nicht so schon so gut wie unmöglich gewesen wäre, ein halbwegs passables Bild von ihm zu schießen. Mein Gehirn ist zu diesem Zeitpunkt schon so reizüberflutet, ermüdet, erfroren, dass vom Gig nicht viel bleibt. Außer: Die Musik ist gut, der Mann beeindruckend, auf eine passiv-aggressive Weise.

Danach noch ein Miterleben der nächtlichen Menschenmassen beim Shuttlebus zum Bahnhof: So muss sich ein Flaschenkorken fühlen.
Dann also bis zum nächsten Jahr.

Links


Printer Icon Creative Commons by-nc-nd - Some rights reserved



AutorInnen

Agnes Wieninger

Agnes Wieninger

Sprachterroristin, Musikjunkie.
Musikterroristin, Sprachjunkie.

Beschauliches

Newsfeed Icon Newsfeed von Agnes Wieninger abonnieren



Kein Bock auf Nazis Festival 13.4. Arena


Archiv  | Impressum | AGB | Gewinnspiel | Friends Shop