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Dreams are my reality

2010-05-03 23:26:43

  • dieter, zwiebel, castingshow
  • supertalent dsds, rtl,

Deutschland sucht den empathischsten Zuschauer. Warum Sie lieber Richard Sanderson hören und/oder ein Zwiebelgericht kochen sollten statt DSDS und Co. zu schauen, wenn Ihnen einmal im Jahr nach Positiv-Weinen ist.

Was haben wir, wenn wochenlang Marco Schreyl inkompetente Moderationen gehalten hat, Dieter Bohlen genug Fäkalausdrücke für ein Jahr benutzte und die Samstagabende des Privatfernsehens wieder ausschließlich Sonja Zietlow und ihren Die 25 Was-auch-immer Momente gehören? Richtig. In jedem Fall bessere, wenn auch keine Guten Zeiten erstens. Und zweitens kann dies nur bedeuten, dass abermals ein an sich normaler Mensch in einen Superstar mit Halbwertszeit (von bis zur nächsten Staffel) verwurstet wurde.

Don’t Believe
als selbstironisches Eintagsfliegen-Mantra?


Mehrzad Marashi ist es geworden, nicht zuletzt dank beim Publikum reaktivierbarer Xavier Naidoo- Assoziationen und einem Live-Heiratsantrag an seine Freundin. Jetzt darf er den, an Textbanalität in der DSDS-Riege seinesgleichen findenden Song Don’t Believe interpretieren, der natürlich ein Liebeslied ist und natürlich sofort von Null auf Eins in den Charts landete. Dass der Gewinner vermutlich wahrhaftig passabel singen kann, soll hier keineswegs angezweifelt werden, vielmehr steht dies schlichtweg nicht zur Debatte. Solange den Zuschauern die Dämme brechen und sie in weiterer Folge keine Hände zum Zappen frei haben – ob nun aus Rührung und damit verbundenem Taschentuchbedarf oder aufgrund von akuten Tobsuchtsanfällen und einhergehender obligatorischer Fäusteballerei sei dahingestellt – stimmt so oder so die Quote und die Talentsuche wird nebensächlich. Interessant dabei ist die Tendenz, dass jene Showformate grundsätzlich nichts anderes als gewöhnlichen Einheitsbrei bieten, jedoch ohne Zweifel – vermutlich gerade deswegen – zu polarisieren wissen. Mit jener Erfolgsrezeptur, bei deren Beschreibung Schmalz, Kitsch und Pathos lediglich als Hilfsbegriffe dienen können.

Supa samma, singa damma.


Jene unermüdliche Herstellungsversuche einer Emotionalisierung auf Seiten der Zuschauerschaft, welche sich im Idealfall mit den berührenden Beklemmungen durch einen Paul Potts von Britain’s got Talent 2007 messen sollten, passieren grundsätzlich auf mehreren Ebenen. Zum einen wird narrativ der Logik des Amerikanischen Traumes nachgeeifert. Besonders ersichtlich wurde dies in der Show Das Supertalent, wo die Kandidaten – gemäß "vom Niemand zum Milliardär" – zunächst bewusst durch die Ausschlachtung ihres anfänglichen "Null-Status" bloß gestellt wurden. In der verfolgten Absicht, mit einem erfolgreich absolvierten Auftritt einen ungleich höheren Überraschungseffekt und wiederum immense Empathiewerte bei den Zuschauern zu erzielen. Dazu werden in einer emotionspornösen Art und Weise teils tragische Schicksale, teils intime Familienverhältnisse bzw. generell unschöne Erlebnisse der Vergangenheit breit getreten. "Kein Job, keine Zukunft, keine Freunde. (…) Karin hat Nichts.", so beispielsweise das unterlegte Wording eines Hausbesuches bei einer Metal-Shirt tragenden Supertalent-Kandidatin, die anschließend später vor der Jury stehend, (höchst unerwarteterweise) mit großen Arien zu schmettern wusste.

Mach ihn dir selbst. Deinen Star. Solang er dir gefällt.


Zum anderen, bedient man sich einer Palette an technischen Möglichkeiten, die die grundlegende, emotionalisierende Kraft, die bewegten Bildern inne liegt, unterstützen sollen. So kommt es schon mal vor, dass während der Auftritte der Kandidaten im Hintergrund farbeffektreich schwirrende Bilder derer Kleinkinder oder verlobten Angehörigen auf die übergroßen Leinwände projiziert werden. Der Show und deren gefühlsfetter Inszenierung wird die vermeintliche Zielsetzung, die da wäre: ein Talent zu entdecken, nicht nur nachgestellt, vielmehr sitzt der wirkliche Kandidat mit Kartoffelchips und Bier zu Hause. Sie, die Zuschauer, sind es nämlich, die sich ihre Favoriten zurechtbasteln, auch noch lange nachdem der Sieger bereits festgestanden ist. Auf der RTL-Website kann man beispielsweise weiterhin auf Mehrzads Karriere einwirken und abstimmen, welche Lieder auf sein Album kommen sollen. Das ist nur konsequent, könnte es sich argumentieren lassen, in Anbetracht, dass die entscheidende Instanz, das Seherpublikum, Mehrzad bei seinem Aufstieg nicht nur begleitete, sondern gar förderte und er nicht zuletzt so etwas wie Heintje, ihr trällender Ziehsohn geworden ist. Dennoch kann hierbei der Beigeschmack eines Abhängigkeitsverhältnisses gleich einem Puppenspieler zu seiner singenden Marionette, nicht ganz abgestreift werden. Selbst wenn Sie, werte Seher und Seherinnen, ihren Mehrzad auch ganz wirklich sooo lieb gewonnen haben.

 Der Zwiebeleffekt

Soweit ist es mit Ihnen gekommen! Aber schämen Sie sich nicht. Artifiziell wurden Ihnen diese Gefühle induziert, gleich dem konzentrierten Saft aus einer Zwiebel, welchen man Ihnen direkt in die viereckigen, sehnsuchtsvollen Augen gepresst hat. Selbst wenn ein kleiner Teil von Ihnen sich dies vielleicht sogar irgendwie wünschte, solch eine künstliche Pathosbrühe über Sie zu ergießen, das ist nicht Recht! Deswegen rufe ich abschließend zum sofortigen Emotions-TV-Boykott auf und schlage weiter vor: Lassen Sie uns zusammen lieber selber Zwiebel schneiden, dazu bei Bedarf Dreams are my reality anstimmen und still ein, zwei Tränen verdrücken. Ist irgendwie ehrlicher.

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AutorInnen

Nadine Obermüller

Nadine Obermüller

On est toujours jaloux du métro des autres. C.G.

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Kommentare




 

07.05.2010
martinb

Herrlich

"emotionspornös", yeah!
Und das Sanderson Video ist auch verlinkt, herrlich

[antworten]




 

01.06.2010
Caroline.K [info]

super text!
schön dich wieder bei uns zu haben :)

[antworten]




 

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