2009-05-04 11:33:40
Der letzte Tag des Donaufestival '09 fegt über mich hinweg wie ein Feuerwerk aus Lärm, Beats und Umarmungen.
Schon wie die Tage zuvor werde ich auch am letzten Tag des diesjährigen Donaufestivals
sofort mit einer Umarmung begrüßt. Von wem? Von einer Eidechse, in der
Größe eines Drachen, die mit einer Eistüte in der Hand über das
Festivalgelände läuft. Big Lizard's Big Idea heißt diese Performance von der britischen Künstlergruppe Reactor,
die das passive Kunst-Erlebnis unmöglich macht. Sofort ist man selbst
Teil des Ganzen. Eh ur weich und kuschelig, aber auch ein bisschen
nervig, wenn man gerade auf's Klo muss.
We are from Norway.
Wenn man an norwegische Musik denkt, denkt man selten zuerst an Kaizers Orchestra, sondern eher an Metal. Ist aber auch gar nicht schlimm, sagt sich das Duo Next Life und verarbeitet dieses Metal-Klischee in seinen Konzerten genauso wie
Computerspiel-Sounds und imposante Visuals. Obwohl das Konzert nicht
länger als zwanzig Minuten dauert, kommen so viele Eindrücke auf mich
zu, dass ich glaube, mich einen ganzen Tag lang mit dieser Band
auseinandergesetzt zu haben. Freudiges Headbangen inklusive.
Colour! Colour!
In
Halle 2 liegt währenddessen ein langhaariger Herr am Boden, auf einer
weißen Leinwand. Er ruft das englische Wort für Farbe und schüttet sich
selbige zur selben Zeit über seinen Körper. Ins Gesicht, in die Augen,
auf die Haare, in den Mund: egal, hauptsache Farbe. miel du ciel heißt
diese Performance, die eine Interaktion aus Geräuschen, Licht und
Visuellem darstellt. Denn während sich der Herr im Vordergrund mit
Farbe eindeckt, werden im Hintergrund eine Geige, ein Saxophon, ein
Kontrabass und eine Licht-Maschine malträtiert.
Are you familiar with the planet of EARTH?
Mit dieser Frage begrüßt Yacht das Donaufestival-Publikum in Halle 1. Während die BesucherInnen noch unschlüssig sind, ob und wie sie antworten sollen, holt Jona Bechtolt (alias Yacht)
weiter aus, zeigt auf der riesigen Leinwand, wo Krems liegt, wie weit
das von seinem Zuhause Portland/Oregon entfernt ist und zeigt uns mit
Hilfe von Google Earth sein Appartment, wo man hineingeht und wo man rausschaut.
Vor zwei Jahren habe ich Yacht schon einmal live erlebt, als Vorband von Architecture in Helsinki im Flex in Wien. Seit damals warte ich darauf, dass der kleine Mann, der liebend gerne ins Publikum springt, wieder zurückkommt. Das Donaufestival hat mir diesen Wunsch erfüllt. Aber etwas hat sich geändert: Yacht ist nun eine Band. Jona hat sich Claire L. Evans an Bord geholt und
obwohl ich anfangs noch skeptisch bin, zeigt sich bald, dass das eine
wunderbare Symbiose darstellt. Er in weiß, sie in schwarz gekleidet und
beide so verrückt, dass es eine Freude ist zuzusehen. Für mich das
Highlight des Tages, was nicht bedeuten soll, das man hier aufhören
muss zu lesen.
Epileptische Mikro-Rhythmik.
In Halle 2 beginnt auch schon das Konzert von DAT Politics,
den Elektro-Franzosen, wie ich sie gerne nenne. Endlich werden die
Tanzbeine so richtig geschwungen. Die beiden Herren und die Dame machen
Musik genau dafür: zum Tanzen. Und wenn man gerade müde ist und die Band
lieber von weiter hinten im Sitzen erleben mag, kann man sich immer
noch über das niedliche Englisch mit französischem Akzent erfreuen.
Make some noise for yourself.
Der Zeitplan hat sich etwas verändert und The Bug betritt die Bühne der Halle 1. Und ums kurz zu machen: aus der
Drum'N'Bass-Phase bin ich schon so lange heraus, dass ich kaum noch etwas Gutes
darin entdecken kann. Trotzdem: Der Menge gefällts, auch wenn sich The Bug vielleicht Gedanken über einen neuen MC machen sollte, aber von einer
ironischen Seite betrachtet, war der eigentlich recht witzig.
Glitzernde Totenköpfe.
Und
dann ist es endlich so weit: Der Grund warum so viele New Wave-Kids und
Indie-Elektro-Menschen den ganzen Tag schon zu sehen sind, wird
eindeutig: Boys Noize betritt die Halle 2. Hinter ihm
glitzern und drehen sich Totenköpfe, aber spätestens nach dem ersten
Beat ist das egal, da man - entweder Kopf zur Decke oder Kopf zum Boden -
völlig mit Tanzen beschäftigt ist. Ein fetziger Abschluss auf jeden
Fall.
Fake Reality.
Sieben Tage Donaufestival neigen
sich hier also wieder einmal dem Ende zu und die ganze Zeit über hat sich
eine Frage aufgedrängt: Wieso Fake Reality? Wieso macht man das zum
Thema? Denn ist es nicht jedes Jahr so, sobald man das Donaufestival betritt,
dass man sich in einer verfälschten Wirklichkeit befindet? So wie in
Halle 1 und 2 oder im Stadtsaal und in der Minoritenkirche während des
Festivals ist die reale Welt nicht! Fake Reality as always, also.
Trotzdem wieder großes Lob an die VeranstalterInnen des Donaufestivals.
Es war alles dabei, was man sich wünschen konnte. Gerne hätten wir von
allen Tagen berichtet, aber vielleicht klappt das ja nächstes Jahr
wieder, um unseren LeserInnen einen Gesamteindruck zu vermitteln.
...und ich wär' hier so gerne zu hause,
denn die Erde ist mein Lieblingsplanet.
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