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Dimitré Dinev im Gespräch

2007-05-04 17:22:56

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Dimitré Dinev über den "Mythos" Europa und die gesunde Naivität.

Der Autor von Engelszungen, dessen Theaterstück Das Haus des Richters derzeit im Akademietheater aufgeführt wird, spricht über eine Verführung in jungen Jahren und darüber wie schön es wäre, wenn MigrantInnen eine europäische Heimat hätten. Da er viel, gerne und Interessantes spricht, ist das Interview ein bisschen länger geworden, dafür lohnt es sich.

Dimitré Dinev wurde 1968 im bulgarischen Plovdiv (Пловдив) - einer der ältesten europäischen Städte - geboren. Dort besuchte er das Bertolt Brecht Gymnasium und fand seine Lust an der Dichtung.

FM5: Wann haben Sie für sich entdeckt, dass Sie gar nicht so schlecht schreiben?

Dimitré Dinev: Für mich muss ich es immer und immer wieder neu entdecken, da gibt es keine absolute Sicherheit. Dass man die anderen täuschen kann, dass weiß man, aber sich selbst… (lacht – und dies noch oft und gerne, daher verzichten wir in der Folge auf diese Anmerkung). Noch in sehr frühen Jahren, in der Schule, habe ich angefangen Gedichte zu schreiben. Ich hab mir dann gedacht, das ist so einfach, das ist mir gut gelungen, ein paar Reime zu kritzeln. Und diese falsche Annahme, dass es leicht sei, war sehr wichtig, weil ich so verführt wurde. Hätte ich von Anfang an gewusst, wie schwierig es ist, hätte ich es nie gemacht, ja, es begann mit so einer falschen Annahme: Schreiben ist leicht.

Am meisten freue ich mich über Sachen  von mir, bei denen ich, wenn ich sie lese, das Gefühl habe, die sind nicht von mir. Die sind so gut, die müssen von jemand Anderem sein, dann weiß ich, es ist gelungen, wenn ich so eine Entfremdung von mir geschaffen habe. Die Stufe der höchsten Selbstvergessenheit. Wenn man diese erreicht, dann könnte was Gutes entstehen. Und die Anderen, manchmal merken sie es, manchmal nicht.

Das Interview führen wir in einem Café am Brunnenmarkt: Ein Ort, der dem Begriff „multikulturelle Gesellschaft“ ein Gesicht gibt. Im Dezember 1990 kam Dimitré Dinev gemeinsam mit einem Freund über die Grüne Grenze nach Österreich: Eine abenteuerliche Flucht endete im Flüchtlingslager Traiskirchen.

Sie haben sich Ihre Anerkennung als Schriftsteller über Wettbewerbe erarbeitet. Haben Sie in Österreich begonnen, an Wettbewerben teilzunehmen?


Ich habe schon in Bulgarien einmal teilgenommen, aber es gab ja nicht so viele damals, in den kommunistischen  Zeiten war die Zensur sehr streng und es war sehr schwer für einen jungen Autor. In diesem Schriftstellerbund waren alle mehr oder weniger in der Partei, Mitglieder sogar oder Verbündete. Und die Wendezeit, habe ich nur sehr kurz erlebt, dann bin ich schon weg.

In Österreich habe ich dann systematisch angefangen, bei Wettbewerben teilzunehmen und da habe ich auch gesehen, wie willkürlich Entscheidungen getroffen werden. Meinen ersten Preis habe ich in Deutschland gewonnen, nicht in Österreich. Das ist auch interessant. Und zwar bei einem Wettbewerb, wo man sich denkt, da hat man keine Chancen, weil allein die Teilnehmeranzahl 2800 betrug, für drei Preise, ohne Begrenzung, jeder durfte teilnehmen.

Und dann hab ich wieder für einen Wettbewerb in Deutschland eine Geschichte geschrieben und das Preisgeld war damals 2.000 Euro für den ersten Preis, das war schon wichtig, bei den Wettbewerben hab ich mir immer die Preisgelder angeschaut, damit man, wenn man schon träumt, es ordentlich tut, damit du weißt, was die Mühe wert ist: so rechnete ich mir zumindest abstrakt einen Lohn aus. Bei 500 Euro ist das schon zu ausbeuterisch, wenn du 500 Euro bekommst, für etwas, wofür du ein Monat gebrauchst hast: das steht in keiner Relation mehr zu deinem Leben.

Jedenfalls habe ich die 2.000 Euro Preisgeld damals nicht bekommen. Und dann hat es sich so ergeben, dass ich dieselbe Geschichte noch einmal einsenden konnte. Ich hab sie in Österreich eingereicht, der erste Preis waren 3.700 Euro und ich hab es bekommen. Da sieht man, wie absolut relativ und willkürlich es ist, wenn wir urteilen: Es hängt ab von der Jury, wer da sitzt, welche Geschmäcker die haben, ob sie sich mehr für experimentelle Literatur begeistern, Deswegen, wenn mich jemand fragt, sag ich immer, man soll weiter und weiter machen. Gott sei Dank gibt es so viele Wettbewerbe und Gott sei Dank ist Deutsch eine Sprache, die Millionen sprechen. Das ist sicher auch ein Vorteil. Für einen bulgarischen Schriftsteller, der auf Bulgarisch schreibt, sind die Möglichkeiten sicher sehr begrenzt.

Mit Gelegenheitsjobs hält sich Dimitré Dinev nach seiner Ankunft in Österreich über Wasser. Doch irgendwann, nach unzähligen Teilnahmen an Wettbewerben, kamen die Verlage dann zu ihm. Ein besonders schöner Augenblick war für Dinev, als sich das große Burgtheater bei ihm meldete.

Wie willkürlich ist es dann, einen Verlag zu finden?


Ich würde jedem davon abraten die Manuskripte an einen Verlag zu schicken. Ich würde ihm den Weg über die Wettbewerbe raten, es dauert ewig, aber die Ewigkeit ist auch etwas Relatives, nicht länger, als wenn du es an die Verlage schickst. Das Problem ist, dass die Verlage sehr viele Manuskripte bekommen, und sie haben sehr wenig Zeit zum Lesen. Es gibt schon jemanden, der das liest, es gibt Volonteure, die eine Vorauswahl machen. Aber dann bist du von jemandem abhängig, der auf der Uni ist, und je nachdem, was er in seinem Leben gelesen hat, soweit kann er erkennen, ob es sich um Qualität handelt oder nicht.

Deswegen lieber dieser Umweg, der nicht wirklich ein Umweg ist, weil du dich darin erprobst, du schreibst nicht für die Schublade, sondern du hast ein Ziel, und wenn du nicht gewinnst, dann bleibt eine Geschichte und dann kommt die Nächste und die Nächste. Und irgendwann hast du wirklich viel anzubieten.

Es ist nicht wie beim  Sport, wenn du den ersten Preis gewinnst, kommt der Sponsor und sagt Super, du spielst jetzt für uns, sondern du gehst, kassierst dein Geld und wenn du nach Hause kommst, schaust  du die Arbeitsanzeigen an. Aber irgendwann passiert etwas. Nicht nach dem Zweiten, nicht nach dem Dritten, aber irgendwann. Und ganz wichtig ist, ich habe sehr tolle Leute bei diesen Wettbewerben kennen gelernt, die so überzeugt von mir waren, wie kein Anderer auf der Welt und das gibt sehr viel Kraft, diese Stütze die man von Unbekannten bekommt, die dich zum ersten Mal sehen, lesen und gleich so von der Wirksamkeit der Sache und von der Qualität überzeugt sind, dass sie bereit sind, für dich alles zu tun.

Was hatten sie denn für Ideen oder Träume als sie aus Bulgarien weggegangen sind, was hatten sie für eine Vorstellung davon, wie es sein wird?

Ich hatte sicher eine ideale Vorstellung, denn sonst geht man nicht weg. Man braucht eine Illusion. Die ist ganz wichtig. Ich glaube, dass jeder Mensch so eine Sehnsucht hat, nach einem besseren Ort, das ist allen Menschen eigen, egal wo sie geboren worden sind. Und ich glaube, dass durch diese Sehnsucht die Welt überhaupt erst verändert wird, und nicht durch die Vernunft, denn die Vernunft setzt ihr die Grenzen und sagt, das ist unmöglich. Aber mein Leben beweist auch, dass vieles was unmöglich erscheint, doch möglich ist. Hätte ich nur auf die Vernunft gehört, dann würde ich jetzt nie hier sitzen und hätte nie so eine Flucht unternommen, niemals im Leben. Denn ich hatte schon eine Ahnung, dass es nicht leicht sein wird. Allein die Vorstellung: dass du irgendwo ankommst und niemanden kennst und kein Geld hast, ganz unten in der Gesellschaft angesiedelt wirst und dann durch eine Stadt gehst in der dich niemand kennt. Du hast keine Garantie, dass du Freunde findest, es hängt von nun an, alles nur noch von dir ab, es gibt keinen, der dich auffängt, keinen der für dich vorarbeitet, der sagt: Komm, ich hab schon Freunde, teilen wir die Freunde.

Allein, wenn du dir das alles überlegst, würdest du nie deine Umgebung verlassen, sondern denken, wieso soll ich es tauschen für etwas, was nur Kummer und Leid bringt. Ich hab verdrängt, was da auf mich zukommen wird und so hab ich mich mehr oder weniger in die Gegenwart zurückgezogen und aus der Gegenwart heraus Stunde für Stunde und Tag für Tag das Leben gelebt. Denn wenn ich mir vorstelle, dass ich die nächsten Jahre jeden Tag Arbeit suche und ab und zu Arbeit für drei, vier Euro pro Stunde oder weniger finde, wenn das mein Leben wäre, würde es mich umbringen. Dann ist es besser, für eine kleine Weile die Zukunft total auszuschalten. Das wäre für jeden Menschen sehr vernünftig, aber in einer schlimmen Situation macht man das wirklich, während man in einer guten Situation alles auf die Zukunft zu schieben versucht. Denn die Zukunft bringt letztendlich nur den Tod, eine andere Garantie gibt’s da nicht. Und wenn man sich in der Gegenwart versucht und die Zukunft nur dann vor dem Einschlafen, wenn man noch Kräfte hat zum Träumen, ein paar Träume projiziert und sagt, vielleicht  wird es eines Tages besser irgendwann, dann geht das, denn du hast keine Zeit, du bist sehr müde, das ist eine Phase. Aber ich hab natürlich geträumt, von der Zukunft.

Es ist sehr gut, wenn man naiv ist. Ich habe mir gedacht, als ich weggegangen bin - wieder so eine falsche Annahme, ob sie falsch ist oder nicht, das ist eine andere Geschichte - ich hab mir gedacht, es gibt so viele gute Schriftsteller, die auch in Übersetzungen gut sind, also wird die Sprache nicht unbedingt das Maß geben, ob etwas gut ist oder nicht. Also muss es etwas geben, was eine Sache gut macht jenseits der jeweiligen Sprache, etwas Übersprachliches. Obwohl die Sprache als ein Käfig für die Gedanken, Gefühle und Ideen fungiert sind die Gedanken an sich schon so universell, dass sie in jeder Sprache mehr oder weniger funktionieren.

Eine Romni kommt an unseren Tisch und will uns wahrsagen, oder etwas Geld. Dinev entgegnet ihr in ihrer Sprache, seine Großmutter sei Wahrsagerin, er kenne seine Zukunft schon.

Fehlt ihnen manchmal die bulgarische Sprache? Wenn man Sprache als Teil der Identität sieht, dann ist der Wechsel von der bulgarischen Sprache hin zur Deutschen doch als ein Schnitt zu sehen.


Ja; es ist ein Schnitt. Aber ich bin ja mit einem Freund zusammen geflohen, aus Bulgarien und den treffe ich immer wieder, er ist ja auch hier Zuhause mittlerweile. Und ich kenne viele Bulgaren hier, also es ist nicht so, dass ich sie nicht höre, Es gibt das Telefon, ich telefoniere immer wieder mit meinen Eltern, sie leben in Bulgarien. Und fehlen? Es ist mir bei einer Geschichte passiert, die ich auf Deutsch geschrieben habe, und bei einer Stelle nicht weitergekommen bin. Ich habe diese Stelle auf Bulgarisch weiter geschrieben, aber nicht lange! Eine Seite auf Bulgarisch, und dann hab ich gestoppt, nein, das ist verrückt. Bleib einfach dran, das was sich nicht ergibt, also das, was sich nicht ausdrücken lässt, lässt du einfach aus, und versuchst die Möglichkeiten dieser Sprache zu benutzen und so ist es auch geschehen. Das war das einzige Mal.

Sie haben vorhin das Universale an den Gedanken angesprochen. Es gibt ja im Moment innerhalb der Europäischen Union Bemühungen, eine gemeinsame Identität zu schaffen. Was ist ihre Vorstellung von Europa, wo beginnt es und wo hört es auf oder gibt es eine derartige Vorstellung überhaupt?

Ja, für die Wirtschaft sicher. Wenn man sie teilt, dann gibt es sicher eine Grenze. Obwohl, die Wirtschaft ist ja imperialistisch eingestellt, die würden weiter erobern, wenn man ihnen alles überließe, würde sie weiter und weiter neue Räume erobern und billige Arbeitskräfte. Sie haben keine Probleme damit, mit so einem universalen Gedanken an sich. Es gibt so etwas Positives, weil sie keinen Rassismus kennen, da gibt es keine Ausgrenzung weil es dem Geschäft schaden würde. Aber sie kennen auch keine Gnade. Gnadenlos aber zugleich auch sehr großzügig, tolerant gegenüber den Anderen, das ist eine ganz komplizierte Geschichte.

Aber wo Europa beginnt, ist vielleicht die letzte große Frage. Das Problem ist sicher, dass diejenigen, die sich als Europäer verstehen und kein Problem damit haben, und denen das zugute kommt, die Migranten sind. Das ist wie für sie geschaffen, weil es die Widersprüche aufhebt, die sie erleben. Diese Nationalismen, die sie von der einen und anderen Seite zerreisen, so ein Begriff würde das alles vereinen, ohne dass sie sich schlecht fühlen. Ich muss weder für die Einen noch für die Anderen kämpfen, denn ich will für Niemanden kämpfen und so ein Begriff bietet das an.

Dann müssen so komplizierte Fragen nicht mehr beantworten werden: fühlst du dich als Türke, oder Österreicher oder als Deutscher. Naja, wieso soll ich das entscheiden? Ich muss ja auch nicht entscheiden, wen ich mehr liebe, meine Mutter oder meine Geliebte, es gibt viele Sachen im Leben wo man beides vereinen kann, oder zwei Orte wo man sich zu Hause fühlt, davon wird die Welt ja schöner, wenn es mehrere Orte gibt, die als deine Heimat gelten können, egal ob sie geistig oder anders identifiziert sind und ich würde sagen, das Problem ist sicher, es ist ein sehr schöner Gedanke, aber der Begriff des Europäers der ist immer noch leer. Er wird nicht besetzt.

Und es ist längst Zeit das zu machen, denn ich würde sagen die europäische Kultur ist tatsächlich europäisch: denn wenn man die Frage genau stellt und recherchiert, von der Architektur, bis zu den Bildern und Möbeln, woher die kommen, woher die Meister, die diese gemacht haben kommen, wird man darauf kommen, dass immer ein reger Austausch da gewesen ist. Und deswegen kann man von europäischen Städten reden, weil es tatsächlich europäische Städte sind. Auch die Römer haben ja die Handwerker von überall her geholt, die ihre Straßen, Stadien, Bäder und Aquädukte gebaut haben.

Ich verstehe dass das ein komplizierter Vorgang ist, es ist sehr schwer zu begreifen, dass deine eigene Kultur so viel Fremdes hat, dass man es irgendwie vereinfachen will. Aber es ist langsam Zeit genau diese Sache noch mal aufzugreifen, und zu sagen, wir wurden immer in die falsche Richtung gedrängt, zu denken, und wir zahlen so viele Jahre dafür, dass wir immer so nationalistisch denken mussten.

Würden sie die Antike als Ursprungskultur für Europa bezeichnen?

Jemand hat mir einmal eine schöne Geschichte erzählt, über die Millionenshow, da ist jemand gesessen, der hat Altgriechisch gelernt, richtig gut, und der hat es bis zur Million geschafft. Er konnte alle Fragen aufgrund des Altgriechischen beantworten, weil er alle Begriffe und ihre Bedeutungen nachvollziehen konnte. Das ist eine schöne Geschichte. Er hat eine Million gewonnen, nur weil er die Ursprünge von jedem Begriff gewusst hat. Eine einzige Sprache hat er gewusst, und zwar die Griechische. Mit Deutsch oder Englisch wärest du nicht weit gekommen, mit Latein auch nicht, aber mit Griechisch hat er eine Million gewonnen. Das ist ein Paradebeispiel dafür, wo die Wiege ist.

Stört es sie, wenn sie als österreichischer Schriftsteller quasi vereinnahmt werden? Oder ist es eher was Schönes, als Zeichen dass man gemocht wird.

Nein, es stört mich nicht. Die Rezeption soll ihre Arbeit machen. Es ist schön wenn sich mehrer Nationen um dich reißen. Vorher hat sich keiner um mich geschert. Wie bei einem guten Fußballer: spiel bei uns in der Nationalmannschaft! Da gibt es klarere Bestimmungen wenn du einmal gespielt hast, darfst du nicht, das ist in der Kultur Gott sei dank anders. Und es stört mich nicht. Es ist sogar viel angenehmer, als wenn jemand neue Begriffe wie Migrantenliteratur einführt. Weil da fühlst du dich immer ein wenig diskriminiert. Weil was soll das heißen? Was ist „Migrant“? Ist die Bibel auch Migrantenliteratur weil dauernd von Exil die Rede ist? Seitdem es Literatur gibt, gibt es Migration. Der Mensch ist ein Migrant an sich. E bewegt sich dauernd, es gibt ja dauernd Völkerwanderung. Und man müsste dann die Konsequenz ziehen und sagen, ganz Amerika besteht aus Migrantenliteratur, weil alle von irgendwoher kommen und dort schreiben. Das würde mich stören. Wenn jemand sagt, das ist Migrantenliteratur, und meine Leistung mindert. Ich werde ja nicht von Migranten gelesen, die meisten haben keine Zeit zum Lesen.

Die Charaktere in ihren Büchern haben wohl wirklich keine Zeit zum Lesen…

Ja richtig, sie haben  keine Zeit. Für wen soll diese Migrantenliteratur geschaffen sein? Und das ist etwas, was ich dann fast als Beleidigung empfinde. Also ich weiß, dass die Literaturwissenschafter auch von etwas leben müssen. Neue Begriffe sind immer begehrt. Aber das stört mich nicht, wenn ich als österreichischer Schriftsteller bezeichnet werde. Weil dann ist es ein Zeichen, dass man geschätzt wird. Und ich sage ich schreibe für Menschen, ich schreibe für Seelen, mich interessieren die Seelen, nicht die Pässe.

Dimitré Dinev wäre wohl ein schönes Beispiel, wie man den Begriff der europäischen Literatur besetzen könnte. Als österreichischem Schriftsteller wurde er sogar von Bundeskanzler Alfred Gusenbauer in dessen Opernballloge eingeladen.

Glauben sie, dass man durch Literatur auch Werte vermitteln kann?


Ja, Werte sicher. All diese moralischen Geschichten, sind ja Geschichten. Sie wurden uns erzählt. Natürlich sind Taten viel kräftiger und bleiben länger wirksamer, aber man sieht viel zu wenige Taten, es gibt mehr Worte als Taten. Also es bleibt doch der Schrift überlassen. Das ist eben das Problem. Sie haben schon manchmal eine Wirkung, aber nicht so eine bleibende, also muss von neuem und neuem immer wieder dieselbe Geschichte erzählt werden.

Fasziniert sie das so an den Mythen, dass sie immer wiederkehren? In Engelszungen sprechen viele ihrer Charaktere von Mythen und in Ein Licht über dem Kopf gibt es diese Geschichte: von Haien und Häuptern, die ja auch ein großer Mythos ist.

Ja natürlich, das ist sehr faszinierend. Es ist total faszinierend, dass unser Leben aus so unzähligen Wiederholungen besteht. Dass wir fast nie was Neues gedacht haben. Dass das was wir denken schon hunderte Millionen Menschen gedacht haben. Und obwohl wir immer wieder dieselben Fehler machen, manchmal machen wir dieselben schönen Dinge. Und das ist schön für die Welt. Und obwohl es Wiederholungen sind, und es nichts Neues gibt. Aber dieser Begriff „neu“ muss auch anders definiert werden, denn der Frühling ist auch jedes Mal das Gleiche, aber man freut sich, wenn er wiederkommt.

Sie wurden einmal als angenehm weniger kopflastig bezeichnet. Glauben sie wirklich, dass ein Widerspruch besteht zwischen Kopflastigkeit und der Freude am Schreiben?


Mich beeindrucken Geschichten, die sehr unmittelbar und leicht kommen und zugleich eine Tiefe haben. Eben diese Tiefe, die den Mythen eigen ist.  Die dich sofort erreichen, ohne zu wissen.  Man soll den Leser nie unterschätzen. Ihm Zeit geben er erzählt sich die Geschichte schon zu Ende. Tschechov hat das so schön ausgedrückt. Man solle so schreiben dass es in den Worten eng ist, in den Gedanken frei. Viel mehr dem Leser vertrauen.  Er denkt sich das Ganze schon zu Ende. Nicht diesen Spaß wegnehmen, nicht zuviel beschreiben, nicht zu viele Reflexionen, oder Philosophie. Die Philosophie so leicht wie möglich darstellen. Man soll nicht das Rascheln von Papier hören, das Rascheln von gelesenen Büchern. Das ist ganz wichtig. Diese Kopflast sollst du tragen, aber nicht der Leser. Also diesen Schweiß soll er nicht spüren, den du so gebraucht hast.

Danke für das Interview!

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AutorInnen

Carola Fuchs (Gastautor)



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