2010-02-25 22:54:35
Kann man Michail Bachtins Theorie der Dialogizität auf Dimitri Schostakowitschs Quartettschaffen anwenden? Judith Kuhn hat das jedenfalls versucht.
Seit Julia Kristeva ihren Intertextualitätsbegriff anhand
seines Werks herleitete, ist Michail Bachtin hoch im Kurs. Dies ist nun
offensichtlich auch bis zur Musikwissenschaft durchgedrungen. Denn wenn die
klassische Analyse des Notentextes nichts Neues mehr herzugeben verspricht,
müssen alternative Wege für die Forschung gefunden werden. Warum also sollte
man nicht einmal zwischen den Werken analysieren. Schließlich scheint
hier in Äquivalenz zur Sprache ein immerwährendes Netz der Inbezugnahme zu
bestehen.
Zwischen Kritik und
Genre
Judith Kuhn ist dabei der Meinung, in Schostakowitschs Musik –
und in den Streichquartetten im Besonderen – ein ausgeprägtes Modell dafür
gefunden zu haben; eine Musik also, die sich beständig auf Inner- und
Außermusikalisches bezieht und somit zur originären Stimme eines
gesellschaftlichen Diskurses wird. Diese Sicht auf Schostakowitsch lässt sich allerdings
auch abseits der Frage der Intertextualität – oder wie Bachtin es nannte der
Dialogizität – nachweisen. Dass seine Musik nur so von Anspielungen, Zitaten und
sonstiger Semantik auf allen musikalischen Ebenen wimmelt, wurde schon zu
Schostakowitschs Lebzeiten nachgewiesen: von den Selbstzitaten im 8.
Streichquartett bis zu den Fremdzitaten der 15. Symphonie, von der Übernahme
jüdischer Musikgepflogenheiten bis zu seinen musikalischen Initalien D-Es-C-H. Warum
sich Kuhn dafür auf Bachtin beziehen muss, bleibt daher unklar. Vor allem auch
deshalb, weil sie sich bei ihrer Untersuchung auf lediglich zwei Parameter
beschränkt: die zeitgenössische Kritik seiner Musik sowie die kompositorische
Auseinandersetzung mit Gattungs- und Formmodellen.
Konvention in neuer
Verpackung
Letztlich ist Judith Kuhns Ansatz dann auch konventioneller,
als sie ihn verkaufen möchte. Anstatt den intertextuellen Ansatz zum
Aufbrechen der eigenen Formanlage zu nutzen, teilt sie jedes Quartett einem
eigenen Kapitel zu, in welchem sie dann deduktiv die generelle Historie der
Entstehungszeit, die unmittelbare Entstehungsgeschichte und deren Bedingtheiten
sowie die Rezeption der Komposition beleuchtet, ehe sie schließlich ins
analytische Detail geht. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Bachtin'sche
Prinzip erst im Epilog wieder richtig zum Tragen kommt und explizite Erwähnung
findet.
Wichtig und richtig
Dies bedeutet aber keineswegs, dass die Untersuchung an sich
in Zweifel zu ziehen wäre. Schostakowitschs Quartettschaffen gehört fraglos zur
persönlichsten aber auch subtilsten Musik des Komponisten. Eine ausführliche
Auseinandersetzung war – besonders auch aufgrund seiner Beliebtheit im
Konzertsaal – schon längst überfällig. Dementsprechend darf man sich schon
heute auf den bereits in Planung befindlichen zweiten Teil des Buches freuen,
der sich dann mit den Quartetten 8-15 auseinandersetzen wird. Mit oder ohne
Bachtin.
Shostakovich in Dialogue - Form, Imagery and Ideas in Quartets 1-7
von Judith Kuhn
erschienen bei Ashgate, Februar 2010
Gebunden, 314 Seiten, ca. EUR 70,00
Nobody knows the trouble I've seen.
Newsfeed von Florian Zeuner abonnieren