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Die große Stille

2007-04-02 00:12:43

Ein schweigsamer Film.

Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss
und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus.
Doch der Herr war nicht im Sturm.
Nach dem Sturm kam ein Erdbeben.
Doch der Herr war nicht im Erdbeben.
Nach dem Beben kam ein Feuer.
Doch der Herr war nicht im Feuer.
Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.

Das erste Buch der Könige 19, 11-13

Mit diesem Bibel-Zitat beginnt der Film „Die große Stille“ des Regisseurs Philip Gröning. Und um es überspitzt zu formulieren: Der Name ist Programm.

Der Deutsche Philip Gröning zeigt in „Die große Stille“ das Leben des katholischen Kartäuserordens in deren Mutterkloster in La Chartreuse, einer Gebirgsgegend in den Französischen Alpen. Die Kartäuser sind Mönche, die abgeschieden von der Welt leben und sich in völliger Einsamkeit dem Glauben widmen. Das charakteristischste an den Kartäusern ist ihr Schweigen, welches nur durch Gebete unterbrochen wird.
In Grönings Dokumentation über diese Menschen und ihr Leben hört man nichts. Es gibt keine Filmmusik und obwohl man innerhalb der Klostermauern überall Mönche herumschwirren sieht, hört man keinen von ihnen sprechen.


(c) Philip Gröning

Man erschrickt sogar förmlich, als einer der Mönche die Katzen füttert und plötzlich beginnt nach ihnen zu rufen.
Mit Popcorn zu rascheln oder sich zu schnäuzen traut man sich bei einer Kinovorstellung von „Die große Stille“ kaum. Man kann diese Geräusche nicht verstecken und hat Angst, die anderen Kino-Besucher zu stören.
Alles was man in diesen 2,5 Stunden hört, sind die Geräusche der Natur: das Tropfen von Wasser, das Säuseln des Windes oder die rund um das Kloster grasenden Kühe. Man hört das Knarren des Fußbodens, das Stapfen der Mönche im Schnee, das Scheppern von Geschirr. Und die einzigen beiden Geräusche die mit Sicherheit täglich wiederkehren: die langwierigen und für den Zuseher nicht-zu-durchschauenden Gebets-Litaneien sowie die Kirchenglocke. Immer wieder.
Genauso wie das ständige Läuten der Kirchenglocke wiederholen sich im Film auch Einblendungen von Bibel-Zitaten, die das Leben der Mönche zu wiederlegen scheinen...

Wenn du nicht alles verlässt und mir nachfolgst,
kannst du nicht mein Schüler sein.


(c) Philip Gröning

„Die große Stille“ ist ein Film der an die Substanz geht. Man strengt sich mit unglaublicher Kraft an, dem Geschehen auf der Leinwand zu folgen und kann sich einzig und allein nur auf das „zusehen“ konzentrieren. Man wird fast zum Nachdenken gezwungen und muss sich einfach die Frage stellen, ob man so ein Leben selbst auf sich nehmen könnte.

Doch nicht nur für Gebete wird das Schweigen im Kloster gebrochen. Einmal in der Woche gibt es die sogenannte Rekreation, wo die Mönche einen Spaziergang über umliegende Ländereien machen bei dem sie auch miteinander sprechen dürfen. Es ist seltsam, diese Männer in ihren weißen Roben außerhalb der Klostermauern zu beobachten. Sie kommen einem wie Bewohner einer anderen Welt vor. Und das ist es auch: Eine andere Welt. Eine andere Welt in unserer Welt. Ein Leitsatz der Kartäuser, der das Gefühl dazu sehr schön in Worte kleidet, lautet:

Das Kreuz steht fest, während die Welt sich dreht.


(c) Philip Gröning

Gegen Ende des Films sieht und hört man wie einer der älteren Mönche wenige kurze Sätze über sein Leben im Kloster in die Kamera spricht. Man wünscht sich mehr von ihm zu hören doch dann bricht der Film ab.
Es wird einem als Zuseher schmerzlich bewusst, dass „Die große Stille“ trotz der Länge von 164 Minuten ein unbefriedigendes Filmerlebnis ist, da man auf mündlich übertragene Erfahrungen gewartet hat. Man würde am liebsten nach La Chartreuse reisen und dem erfahrenen Mönch weitere Fragen stellen. Doch wenn man den Gedanken weiterspinnt wird man erkennen, dass man so keine Antworten erhalten würde. Philip Gröning selbst hat schon 1984 um eine Dreherlaubnis im Kloster der Kartäuser gebeten, die ihm erst 16 Jahre später gewährt wurde.

So wie die Mönche innerhalb ihrer Klostermauern ein Leben in Meditation führen, tut man es auch als Zuseher während des Films. Es ist auf gewisse Weise aufregend dieses Leben über jene Zeit beobachten zu können. Doch ob man diese Lebensweise auch nachvollziehen kann, hängt von jedem einzelnen ab.

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AutorInnen

Christian Pausch

Christian Pausch

...und ich wär' hier so gerne zu hause,

denn die Erde ist mein Lieblingsplanet.

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