2007-04-02 00:10:51
Die erste Zeitung in Österreich, die sich als „Boulevardmedium“ bezeichnet und dazu steht. Inhaltlich gesehen ist der Augustin dennoch nicht mit Blättern zu vergleichen, welche das Genre der Boulevardzeitungen verkörpern. „Beim Augustin ist zwar auch ein Heer von Kolporteuren beschäftigt, die sich aber mit dem Inhalt identifizieren können“, so Angela Traußnig, die Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit.
Wer kennt sie nicht? An jeder Ecke Wiens stehen sie und wollen dir Zeitungen verkaufen. Manche bleiben dabei ganz cool. Andere wiederum fangen an zu rappen, um auf sich und die Zeitung aufmerksam zu machen. Viele von uns sind schon des Öfteren über den eigenen Schatten gesprungen und haben das eine oder andere Exemplar gekauft. Aber ehrlich, haben wir es nicht auch schon mal gelesen? Der Augustin gilt seit 10 Jahren als eines der wenigen, noch unabhängigen Medien in Österreich. Er versteht sich zum einen als Sprachrohr des gesellschaftlichen Randes und andererseits versucht er mit gesellschaftskritischen Themen ein Massenpublikum anzusprechen. Dabei versucht er nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Biss und dem dazu nötigen Quäntchen Mut auf Missstände hinzuweisen. Mit Erfolg.
FM5: Der Augustin kann in gewisser Weise als „Sprachrohr“ von Randgruppen, Obdachlosen usw. in Wien gelten. Wie bewerten Sie diese Aufgabe im Kontext von Programmauftrag des ORF und Medienvielfalt?
Angela Traußnig: Der Augustin versteht sich als Plattform für Menschen die am gesellschaftlichen Rand stehen. Wir verstehen uns auch als Sprachrohr für Vereine, Initiativen und Aktionen, die in den herkömmlichen Zeitungen keinen Platz haben. Unser Grundkriterium ist, nicht mainstreamartig unterwegs zu sein. Anderen Medien ist es oft unangenehm, ständig Missstände und soziale Probleme aufzuzeigen. Sie wollen dem Rezipienten eine heile Welt bieten. Wir sehen uns als Plattform für Menschen, die sonst den Platz nicht kriegen. Hintergründe öffentlich machen ist uns ein Anliegen.
FM5: Was ist der Augustin noch außer Obdachlosenzeitung?
Angela Taußnig: Der Augustin hat zwei Standbeine und existiert in dieser Form nun schon seit 10 Jahren. Zum einen ist es ein Sozialprojekt um Menschen, die wohnungslos, geldlos oder auch heimatlos sind eine sinnvolle Tätigkeit zu bieten. Sie sehen den Zeitungsverkauf nicht als betteln sondern als Arbeit. Dennoch sind wir keine Arbeitgeber in dem Sinn, dass wir die Leute um billiges Geld anstellen, um unsere Zeitungen an den Mann zu bringen. Der Zeitungsverkauf soll einen therapeutischen Zweck erfüllen. Damit wollen wir Menschen am Rand der Gesellschaft helfen, die eigene Würde wieder zu erlangen. Der zweite Teil ist das Medium: Eine unabhängige, freie Boulevardzeitung, deren Vorbild der Big-Issue, ein internationales und professionell gemachtes Obdachlosenmagazin ist. Der Augustin hat eigene Redakteure und zahlreiche freie Mitarbeiter (unter denen sich auch zahlreiche Augustin-Verkäufer befinden), welche Beiträge auf Honorarbasis liefern. Eine Symbiose aus Sozialarbeit und Medium ergibt den Augustin. Weiters gibt es auch noch das Radio Augustin und Augustin TV auf Okto mit autonomen Redaktionen.
FM5: Leidet der Augustin unter dem Image, eine „Straßenzeitung“ zu sein?
Angela Taußnig: Ja. Es gibt viele Menschen die den Augustin aus Mitleid kaufen. Sie glauben damit einen sozialen Beitrag zu leisten, was sicher keine schlechte Sache ist. Viele schaffen den Sprung vom Kauf zur Lektüre nicht. Wir bekommen oft Leserbriefe, in denen steht, dass sich Menschen zum ersten Mal mit dem Inhalt der Zeitung beschäftigt haben und nicht wussten, dass es doch so anspruchsvoll ist. Die Zeitung lebt von sehr vielen Elementen und daher ist es uns wichtig, dass die Leute die Zeitung wegen dem Inhalt kaufen. Ich muss aber gestehen, dass wir noch keine Marktanalyse gemacht haben, warum Leute den Augustin kaufen.
FM5: 2006 wurde im Augustin im besonderen Karl Kraus gewidmet. Sieht die Augustin-Redaktion Karl Kraus als Mahnfigur für die österreichische Journalisten- und Medienlandschaft?
Angela Taußnig: Karl Kraus gilt im weitesten Sinn als Mahnfigur. Der Augustin sieht sich als richtiges Medium, diese Seite anzusprechen. In den Mainstream-Medien dreht sich heuer alles um Mozart, weil er eine Figur ist, die man hernehmen kann, um den Österreichern Österreich schmackhaft zu machen. Wir versuchen immer, neue Elemente in den Augustin zu bringen, um neue Gruppen anzusprechen.
FM5: Im Heft 01/03 2006 wurde eine Kooperation mit dem Satiremagazin Raketa angekündigt. Wie kann man sich das in Zukunft vorstellen bzw. warum wurde dieses Arrangement getroffen. Sind Satire und sozialer Journalismus nicht zwei Paar Schuhe?
Angela Taußnig: Ein Kritikpunkt mancher freier Medien gegenüber uns ist, dass wir sozialpolitische Themen und Missstände nur mit dem Zeigefinger aufzeigen. Nur Erschütterndes und Negatives wollen wir nicht schreiben. Man kann mit Satire manchmal auch auf humorvolle Weise auf Dinge aufmerksam machen. Es ist ein Versuch aufzulockern. Raketa wurde erst kürzlich wegen Vernaderung der Wirtschaftskammer von Obmann Leitl mit einer Klage bedroht. Solchen Gruppierungen verhelfen wir zu einer Öffentlichkeit, damit sie eine Chance bekommen sich in der Öffentlichkeit zu äußern.
FM5: In der Reportage „Die Sachzwangsvollstreckung“ wurde behauptet, dass „im Wirtschaftsteil von Tageszeitungen und den ORF-Nachrichten gerade noch erwähnt wird, dass 130 Arbeiter/Angestellte gekündigt werden“ und sonst soziale Themen als „out“ gelten. Wie ist das gemeint?
Angela Taußnig: Genau anhand solcher Fälle zeigt sich eine Feigheit der großen Medien. Wenn Arbeitsplätze zum Opfer fallen steckt ja noch viel mehr dahinter und diese Dinge trauen wir uns aufzuzeigen. Auch die Auswirkungen von Arbeitsplatzverlusten für die Menschen in bestimmten Regionen werden in herkömmlichen Medien nicht erwähnt. Dieser Fall zeigt konkret was alles hinter der Schließung einer Fabrik steckt. Die Interessen großer Konzerne, wie in diesem Fall Coca-Cola bestimmen die Politik. Unsere Aufgabe besteht aber nicht darin, ökonomische Missstände aufzudecken. Wir sind an den Menschen interessiert. Eigentlich wäre es Aufgabe der Politik, Skandale dieser Art aufzudecken und darauf hinzuweisen.
FM5: Das Magazin ist, wie im Impressum angegeben, von keinerlei Subventionen und Zuwendungen abhängig. Wie kann man trotzdem mit einem solchen Printprojekt am Markt existieren, wobei der Verkaufspreis bei 1 Euro steht, und 50% des Verkaufspreises dem Kolporteur gehören? Außerdem verzichtet der Augustin ersichtlich komplett auf Werbeanzeigen privater Firmen. Wie ist also das Wirtschaften möglich?
Angela Taußnig: Der Großteil der Finanzierung unserer Zeitung erfolgt über den Verkauf. Eine kontinuierliche Steigerung unserer Verkaufszahl der letzten Jahre ist zu verzeichnen. Wir verkaufen 2 x im Monat ca. 80.000 Zeitungen. Es gibt auch Privatspenden, welche einen kleinen Teil der Finanzierung ausmachen. Die Möglichkeit zu inserieren besteht, aber wir wägen ab, wem wir die Möglichkeit zum Inserat geben. Unsere Beilagen wurden vorher darauf hingewiesen, dass Werbeinserate nicht erlaubt sind. Dennoch kommen immer wieder Institutionen wie Banken, Parteien – sogar die Freiheitlichen – zu uns und wollen inserieren.
FM5: Wie stehen Sie persönlich zu Subventionen von Medien? Leidet Ihrer Meinung dadurch die Objektivität? Kraus spricht hierbei von einer „Kommerzialisierung des Geistes“...
Angela Taußnig: (nachdenklich) Ein Inserat oder kommerzielle Werbung ist eine Gratwanderung. Man kann schnell behaupten, das Medium stecke mit den Inserenten und Teilhabern unter einer Decke. Wenn ein Medium Inserate als einzige Einnahmequelle aufweist, ist es sicher problematisch. Und prägt sicherlich den Inhalt. Der Augustin ist in der glücklichen Lage unabhängig zu sein, um so nicht gleich irgendeiner Ecke zugeschrieben zu werden. (überlegt kurz) Der Augustin hat das Glück, nicht von Subventionen abhängig zu sein. Trotzdem bekommen wir immer wieder Anrufe, dass wir kommunistisch oder links seien. Auch die katholische Kirche beschwerte sich bei uns, als wir als Alternative zu den Mohammed-Karikaturen Jesus als „Hawara“ abgebildet haben.
FM5: Viele Menschen behaupten, Obdachlose seien selbst schuld an ihrer Situation. Wie stehen Sie dazu ?
Angela Taußnig: (seufzt) Es ist ein Auftrag des Augustin, den Menschen und das dahinterstehende Schicksal aufzuzeigen. Mit der Serie „Heroes“, wo meist Augustin-Verkäufer und deren Werdegang porträtiert werden, wollen wir vorführen, dass niemand davon ausgeschlossen ist, selbst einmal in die Lage zu kommen obdachlos zu werden. Ziemlich jeder Augustin-Verkäufer stand früher mit beiden Beinen im Berufsleben. Durch Trennung, psychische Krankheiten, Alkoholsucht usw. sind sie zu denen geworden, die sie jetzt sind und ohne Wohnung ist es bekanntlich schwierig einer geregelten Arbeit nachzugehen. Es kommen auch viele Junge zu uns und bieten sich als Verkäufer an, da sie keine andere Perspektive mehr sehen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist extrem hoch. Es gibt aber auch bewusste Aussteiger bei uns, die sagen, wir wollen nicht am normalen Leben teilnehmen und so leben, wie wir wollen. Auch diese dürfen den Augustin verkaufen. Unser Ziel ist, mit den gängigen Pauschalurteilen aufzuräumen. Wir wollen aufzeigen, welche Probleme hinter der Obdachlosigkeit stecken.
FM5: Geht die Stadt Wien mit dem konkreten Problem Obdachlosigkeit sozial genug um oder reagiert sie mit einer „Unbequemisierung“ öffentlichen Raumes, um so das Obdachlosenproblem aus dem Blickfeld zu schaffen?
Angela Taußnig: In Wien dominiert nicht eine physische Aggressivität gegen Randgruppen, sondern eine heimliche. Der öffentliche Raum soll für Odachlose möglichst unattraktiv gestaltet werden. Vor allem die Geschäftsleute und Politiker wollen diese Menschen aus dem Blickfeld der Touristen drängen. Unsere Aufgabe ist aufzuzeigen dass der öffentliche Raum eigentlich allen gehört. Beispielsweise möchten wir darauf hinweisen, dass Sitzbänke absichtlich verkürzt werden, um so die Möglichkeit diese als Schlafstelle zu nutzen unattraktiv zu machen. Viele Bänke werden weggeräumt, um so Platz für die „Schanigärten“ der Cafes zu machen. Weiters deckten wir den § 78 Stvo auf, der unbegründetes Stehenbeiben auf der Straße unter Sanktionen stellt (entweder eine Geldstrafe von 70 Euro oder bei Nichteinbringung eine Ersatzfreiheitsstrafe von 70 Stunden). Das heißt: Wenn eine normale Person wie du oder ich auf der Straße stehen bleibt, wird kein Polizist auf die Idee kommen, mich aufzufordern weiterzugehen oder mich mitzunehmen. Wenn aber jemand stehen bleibt, der offensichtlich Alkohol trinkt oder psychisch krank ist, dann wird der § 78 angewendet. Einerseits braucht unsere Gesellschaft Obdachlose als Sündenböcke, andererseits sollen solche Menschen möglichst aus dem Blickfeld gedrängt werden.
FM5: Vielen Dank für das Gespräch!
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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