2007-04-02 00:11:28
Mit „Zirkus“ veröffentlicht das aus Berlin stammende Quintett Mia. ihr drittes Album. Darauf versuchen sie wieder einmal, sich neu zu definieren und rücken dabei das Leben mit all seinen guten und schlechten Seiten ins Rampenlicht. Ein gefährlich-akrobatischer Drahtseilakt zwischen Desaster und Attraktion.
Mit „Zirkus“ veröffentlicht das aus Berlin stammende Quintett Mia. ihr drittes Album. Darauf versuchen sie wieder einmal, sich neu zu definieren und rücken dabei das Leben mit all seinen guten und schlechten Seiten ins Rampenlicht. Ein gefährlich-akrobatischer Drahtseilakt zwischen Desaster und Attraktion.
Tanz der Moleküle
Es war heiß. Zu heiß, um sich auch nur eine Sekunde zu lange in den Gemäuern des Wiener Club Ost aufzuhalten. Deswegen verlegte man die zahlreichen Interviews, die Mia. an diesem Promotion-Tag zu absolvieren hatten, kurzerhand in die freie Natur – genauer gesagt in ein schattiges Plätzchen unter dem Heldendenkmal der Roten Armee am Schwarzenbergplatz. Einen besseren Ort hätte man dafür nicht wählen können, denn der in der Mitte stehende, wasserspeiende Brunnen war umringt von in der Luft tanzenden kleinen Wassertröpfchen, die durch den partiell wehenden Wind bis zu uns getragen wurden und unsere Körper mit einer feucht-milden Brise angenehm auf Betriebstemperatur kühlten.
Mieze, die Sängerin, saß in einem schwarz-weiß gehaltenen Kostüm neben dem Bassisten Robert auf einer Stufe und hatte eine Art Mini-Ausgabe eines Clownhütchen auf dem Kopf. Diese etwas ungewöhnliche Aufmachung kam nicht von ungefähr, denn das neue am 21. Juli erscheinende Album der aus Berlin stammenden Band Mia. trägt den Namen „Zirkus“. Mit diesem Schlagwort gesellen sich die Berliner zu anderen deutschen Acts und führen damit einen in diesem Jahr zu erkennenden Trend fort. Den Anfang dieser Reihe machte die schon etwas müde wirkende Diskursband Blumfeld mit ihrem von Fauna und Flora erzählenden Album „Verbotene Früchte“ kurz darauf schossen sich die drei Jungs von Sportfreunde Stiller mit ihrem aktuellen Werk „You Have To Win Zweikampf“ elf peinliche Eigentore. Grundtenor ist ein gut vermarktbares Überthema, auf welches danach das ganze Drumherum wie Artwork, Video und Live-Performance zugeschnitten wird. Mieze: „Wir bedienten uns dabei am ganzen Schlaraffenland Zirkus. Egal ob es sich um die Instrumentierung oder die Ideen für Fotos, Shows und Konzerte gehandelt hat. Diese Fantasie- und Magie-Welt des Zirkus war für uns ein Teil unserer Gedanken und eines Überbaus. Somit gibt es tatsächlich zum ersten Mal bei einem Mia.-Album ein Hauptthema.“

Eine von vielen
Mia. gehören zu der in Deutschland stark vertretenen Form eines Bandmodells, bei dem eine auffällige, selbstbewusste Frau im Mittelpunkt steht. Natürlich gibt es diese Form der gewählten Zusammensetzung nicht erst seit heute, sondern gab es auch schon zu Zeiten, in denen die Neue Deutsche Welle − eine deutsprachige Variante von Punk und New Wave − ausgelöst wurde. Nena und Ideal können hier als Beispiel angeführt werden. Nun scheint diese Bandkonstellation wieder stark in Mode gekommen zu sein: Juli, Silbermond, Wir Sind Helden oder Christina Stürmer sind es, die in den deutschen oder österreichischen Charts ganz vorne zu finden sind. Diese Entwicklung ist auch den Plattenfirmen zu verdanken, die solche Combos gezielt suchen und letztendlich auch ins Boot holen. Damit wird jedoch der Anschein erweckt, dass Bands immer öfters auf dem ein und denselben Reißbrett entstehen. „Bei Mia. singt eine Frau fruchtigen Deutschpop, tritt keck auf und wird von Typen umrahmt, die vielleicht sogar in Clubs gehen; bei Juli singt eine Frau fruchtigen Deutschpop, tritt keck auf und wird von Typen umrahmt, die vielleicht sogar in Clubs gehen […]“, schrieb Dietmar Dath in seinem in der F.A.Z. (10.02.2005, Nr. 34) veröffentlichten Text „Die wo so singen tun, wie sie der Schnabel gewachst hat."
Im Fall von Mia. heißt die singende Frontfrau eben „Mieze“ und verkörperte zu Zeiten ihres Debüts „Hieb und Stichfest“ die rotzfreche Punkgöre und zappelte mit Knieschützern chic und radikal auf der Bühne umher. Dabei bestach und besticht sie auch heute noch mit ihrer ehrlichen, Scheißmirnix-Attitüde und der kokett-naiven Art durch die Welt zu tollen, wie man es etwa bei Kindern beobachten kann.
Nach der Veröffentlichung ihres zweiten Longplayers „Stille Post“ mussten sie sich der Nationalismusdebatte stellen. Ausschlaggebend dafür waren die im Song „Was es ist“ vorkommenden Zeile „Wohin es geht das wollen wir wissen und betreten neues deutsches Land“, welche in den Farben Scharz-Rot-Gold vorgetragen wurden. Diese gewollte oder ungewollte Art zu provozieren, wird auf „Zirkus“ auf jeden Fall vermieden. Mieze: „Für uns gehören alle drei Alben zusammen. Es gibt das Getrampel, die Wut und den lauten Schrei, aber auch eine Weiterentwicklung davon. So Themen wie Weltgeschehen und -schmerz kann man auf ganz verschiedene Arten angehen. Das Schöne daran ist, dass wir die Möglichkeiten haben, die unterschiedlichsten Herangehensweisen auszuprobieren. Es ist kein Ziel von uns, unseren Stil zu finden. Wir lassen uns bei den Arbeiten zu den Alben immer überraschen.“ Robert fügt hinzu: „Wir machen einfach Musik rein aus dem innersten Wunsch heraus, Musik zu machen. Natürlich gab es so etwas wie klare Absichten, wie etwa ein Song auf allen Ebenen − textlich und musikalisch − wirken soll.“
Im vergangenen Winter und dem darauf folgenden Frühling wurden die Arbeiten dann gemeinsam mit ihrem Produzenten Nhoah umgesetzt. Dabei spielte die Wahl der Instrumente eine zentrale Rolle. Robert: „Wir benutzten neben der klassischen Besetzung Gitarre, Bass und Schlagzeug auch noch einen Leierkasten und ein Vibraphon. Das war auch das Spannende an der Arbeit zu Zirkus.“
Was wäre, wenn…
Die 1997 aus einer Schülerband hervorgegangen Mia. versuchen auch auf ihrem neuen Werk wieder eine neue Seite von sich preis zu geben. Nun wird die Welt und das Leben an sich als Manege betrachten, in der Magie und Dramatik im Vordergrund stehen. Dass dabei eben nicht immer alles so nach Plan verläuft, wie man das gerne hätte, ist nun einmal Tatsache: schöne Momente gehen, traurige kommen. Oft schneller, als man möchte und auf die Frage „Warum?!“ gibt es nie eine vollständige Antwort. Diese und ähnliche Erfahrungen werden in den Texten zum Ausdruck gebracht: „Etwas ist anders, einfach so, völlig verändert, macht mich froh, wie ein weißes Blatt Papier und noch kein Wort“ (Ich atme), oder „Es ist mein Leben, so will ich es eben. Ich schwanke, ich taumle und wanke. Ich zieh es vor, mein Leben so zu leben“ (Bamboleo). Mit diesen in elektronische Flächen, Klavier- und Glockenspiel gehüllten Texten vermitteln Mia. eine eingängige Atmosphäre. Allzu oft lehnen sie sich jedoch etwas zu weit aus dem Emo-Fenster und rutschen dabei in die kitschige, völlig belanglose LaLeLu-Schlagerwelt ab. Autsch! Dies geschieht vor allem dann, wenn über die Liebe philosophiert wird: „Wär deine Liebe ein Boot, ich würde sinken“ (Floß). Dabei wird auch stets der Konjunktiv (II) hervorgeholt und ergo ein immer währendes Traumgebilde zum Ausdruck gebracht. Völlig ausgeschlachtet wird dieser dann beim absoluten Tiefpunkt des neuen Silberlings – nämlich „Engel“ (!!!). Dieser Song wirkt völlig weltfremd. Etwa so, als würden die Lyrics direkt aus der „Wünsch Dir Was“-Broschüre stammen. Würg! Vom im Sommer 2002 veröffentlichten Debüt „Hieb- und Stichfest“ ist nur mehr eines übrig geblieben: die Affinität zu polarisieren. Im Klartext heißt das folgendes: Fans von in Schmalz triefenden Pop-Märchen und himmelhochjauchzenden bis hin zu Tode getrübten Schunkel-Balladen werden dieses Album lieben. Alle anderen jedoch nicht.
"Zirkus" ist bereits via Sony/Bmg veröffentlicht worden.
Mein Leben befindet sich zurzeit in Bearbeitung. Ich bitte deshalb um etwas Geduld. Danke.
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