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Die Stars der Überwachungskameras

2007-04-02 00:11:28

Die aus Staines, einem öden Vorort von London, stammenden Hard-Fi gastierten rund ein Jahr nach der Veröffentlichung ihres sensationellen Debüts „Stars Of CCTV“ zum ersten Mal in Österreich. Das Freie Magazin FM5 traf Ross und Kai am Nova Rock.

Die Stars der Überwachungskameras

Die aus Staines, einem öden Vorort von London, stammenden Hard-Fi gastierten rund ein Jahr nach der Veröffentlichung ihres sensationellen Debüts „Stars Of CCTV“ zum ersten Mal in Österreich.

Wenn England die Mannschaft von Trinidad & Tobago bei der Weltmeisterschaft etwas farblos mit zwei Toren wieder nach Hause schickt, scheint die Welt völlig in Ordnung zu sein – zumindest für Ross und Kai von der englischen Band Hard-Fi. Einziger Schönheitsfehler: Der Sieg fiel nicht in der gewünschten Höhe aus. Denn getippt hatten die Fußballbegeisterten (welches männliche Wesen in England ist das nicht?!) beim zuvor geführten Interview nämlich auf 3:0 für ihre Landsleute.

Genauso heiß wie es zu diesem Zeitpunkt gerade auf dem deutschen Rasen zuging, verlief der erste Tag des Nova Rock Festivals – zumindest hinsichtlich der dort vorherrschenden Temperaturen. Bereits die Anreise wurde zur unerwarteten Hardcore-Angelegenheit: Bevor man überhaupt in die Nähe einer Bühne kam, musste man sieben (!!!) langweilige Kilometer im Stau verweilen. Das ist vor allem dann ein Problem, wenn man ein Interview mit Hard-Fi vereinbart hat. Ausgegangen ist es sich letztendlich durch eine kräftige Portion Dreistigkeit, Schweiß und Glück aber dennoch.

Es sollte an diesem Tag überhaupt das erste Konzert von Hard-Fi in Österreich sein – und das rund ein Jahr nach der Veröffentlichung ihres Debüts „Stars Of CCTV“. „Zu stressig war es bisher und wir hatten bislang einfach noch keine Zeit, um nach Österreich zu kommen“, sagt Kai in einer etwas wehmütigen Stimmlage. Dass der Konzert-Terminkalender der Jungs voll ist, verwundert nicht weiter. Denn ihr Debüt gilt als eines der besten Veröffentlichungen in Sachen (Rock)Pop des letzten Jahres. Aber ein gewisser Zeitmangel ist für Hard-Fi durchaus nichts Selbstverständliches. Aufgewachsen sind sie nämlich allesamt in Staines, einem „total langweiligen“ Vorort von London. In solchen Gegenden gibt es außer ein paar derben Pubs, runtergekommenen Häusern und den darin hausenden Arbeitslosen nicht allzu viel Aufregendes zu entdecken. Aus dieser dadurch resultierenden Tristesse tun sich oftmals Jugendliche zusammen und versuchen aus dem vorherrschenden „Nichts“ das Beste heraus zu holen. Richard Archer (Gesang, Gitarre), Ross Phillips (Gitarre) Kai Stephens (Bass) und Steve Kemp (Schlagzeug) waren solche Kids, die in einer Gott verdammten Einöde etwas Sinnvolles anreißen wollten – denn geträumt kann/darf ja auch ohne Geld und große Zukunftsaussichten immer noch werden. Mit Musik sollte die Tür in eine bessere Welt geöffnet werden, sie sollte der Ausweg und auch die Möglichkeit sein, Halt und vor allem Gehör in der Gesellschaft zu erlangen.

Nach einer ersten EP wurde man bald auf das in dieser Zeit teils Sozialhilfe beziehende Quartett aufmerksam. Was folgte, war das (völlig zu recht) hoch gepriesene Debüt „Stars Of CCTV“, welches nur lächerliche 400 Pfund an Produktionskosten verschlang. Andere Bands verpulvern diese Summe bereits als Jausengeld. Diese bei Home-Recordings unweigerlich auftretenden, technischen Mängel sind dem Debüt jedoch keine Sekunde lang anzumerken. „Diese Art der musikalischen Herangehensweise soll sich auch auf dem neuen, im nächsten Jahr erscheinenden Album nicht großartig ändern“ verrät Kai, obwohl den Vieren rein finanziell gesehen alle Studio-Türen offen stehen würden. Begründen tut diese Entscheidung Gitarrist Ross wie folgt: „In einem Abbey Road-Studio würde unser eigenständiger Sound untergehen und wir würden wie alle anderen dort aufgenommenen Bands klingen, weil immer dieselben Sounds verwendet werden.“

Die von Sänger Richard Archer angeführten Hard-Fi lassen sich nur schwer in eine musikalische Schublade einordnen. Viel zu sehr kollidieren diverse Ausdrucksformen: ernst zu nehmender Dub/Reggae, schunkelnder Dancefloor und schnittiger Madchester-Rave. Zusammengehalten wird dieses Konglomerat durch glückselige Melodien, die dem Ganzen eine ordentliche Pop-Note verpassen.
Textlich merkt man, dass Hard-Fi bereits beide Seiten der Lebens-Medaille gesehen haben. Dabei werden die Verse mit tiefen Bassläufen und flotten Schrammelgitarren umrahmt. Hard-Fi reichern ihre aufgegriffenen Thematiken, die allesamt aus ihren in Staines unweigerlich gesammelten Eindrücken und dem am eigenen Leib erfahrenen ökonomischen und sozialen Elend rühren, mit einem lebensfrohen Charme an, dass es eine wahre Freude ist. Ganz nach dem Motto: Auch wenn wir am Boden liegen, lassen wir uns den Spaß nicht verderben.

Diese etwas zynisch-rebellische Haltung spiegelt sich im hymnenartigen Song „Stars Of CCTV“ wieder: Stick 'em up. Give me the money. A winning smile. Up to the gallery. I'm gonna get my face on the 6 'o' clock news. Dabei wird auf die immer öfter an diversen (öffentlichen) Orten angebrachten Überwachungskameras angespielt. Das Ganze hat natürlich auch einen Namen: Closed Circuit Television – kurz CCTV. Diese Art der Überwachung wurde in den 70er Jahren zum ersten Mal in England eingesetzt, um sich gegen die Bomben der IRA zu schützen. Heute beträgt die Zahl der an den verschiedensten Orten angebrachten Kameras auf der britischen Insel rund 4.000.000. Davon befinden sich alleine 400.000 in London. Die Befürworter machen es sich einfach und kehren diese systematische Beobachtung etwas billig unter den bereits allumfassenden Mantel der „Terrorbekämpfung“. Dabei wird aber allzu oft nur eines erreicht – und zwar ständig tiefer in die Privatsphäre der Bürger einzudringen. Kai: „Die Kameras sind wirklich überall und verhindern keine Terror-Attacken. Wir hassen sie, denn man wird überall beobachtet. Das beeinflusst unser Denken und wie wir uns in der Öffentlichkeit verhalten. Langsam wird England zu einer Art Polizeistaat. Denn es wird immer schlimmer. Bald wird aufgenommen, welchen Song du in deinem Autoradio spielst, oder dir ein Chip im Kopf eingebaut, damit sie wissen, was du denkst. Diese Sachen werden bald Realität sein.“
Als eine politische Band sehen sich die Jungs von Hard-Fi aber dennoch nicht: „Wir sind jetzt keine Band, die mit allen Mitteln versucht, politisch zu sein. Aber alles was man macht, ist in irgendeiner Weise politisch.“

Auch der Aufstieg vom ewigen Loosertum in die sozial etwas höher eingestuften Schichten der Gesellschaft hat ihren Charakter nicht sonderlich verändert: „Wir probieren einfach jeden Tag einen guten Job zu machen. Im Moment Reisen wir sehr viel – wir sind fast jeden Tag wo anders. Wenn wir zuhause sind, freuen wir uns auf die Familie.“ Auf die Frage, ob sich in diesem erfolgreich absolvierten Jahr sonst noch etwas geändert hätte, antwortet Kai:„ Ja, die Leute werfen uns vereinzelt ein paar Blicke zu, wenn wir nach London fahren oder dann durch die Stadt spazieren.“ Tja, es hätte für Hard-Fi durchaus schlimmer kommen können.



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AutorInnen

Marco Weise

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