Freies Magazin FM5

Plattform für Kunst und Jugendkultur

ohne Nav

 

fokus

Die Situation in Österreich 1968

2008-10-28 10:57:29

  • Studenten revolution demonstration
  • Studenten revolution demonstration
  • Studenten revolution demonstration

Kurz vor dem Ende des Jahres 2008 springen wir, wie so viele andere, noch auf den Jubiläumszug auf – Endstadtion 1968. So sah die Situation in Österreich vor 40 Jahren aus.

"Wiederaufbau!" war das Schlagwort in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg und Österreich wurde mit Hilfe des Marshallplans zu einem Land des "Westens". Doch eine Erneuerung passierte nicht auf der geistigen Ebene. Obwohl man sich anfänglich noch um eine Entnazifizierung bemühte, gab es sehr schnell wieder Kollaborationen zwischen den Großparteien und ehemaligen Nationalsozialisten. Besonders die Universitäten, die einen Aufschwung, eine Modernisierung fördern konnten, entwickelten sich wieder zurück: Denn mit Beginn des Kalten Kriegs wurden anstatt rückkehrwilliger Emigranten NS-Professoren wieder in Amt und Würden gesetzt.

Wohlstand – Proporz - Nichtregieren


Zwar konnte man in Österreich von keinem derartigen Wirtschaftswunder sprechen wie in Deutschland; doch machte sich über die Jahre hinweg sehr wohl der Wohlstand breit. Auch entwickelte sich das System der Sozialpartnerschaft, das einerseits wichtig war und für innere Stabilität sorgte, doch verdeckte es auch die eigentlichen Gegensätze der Gesellschaft.
Politisch konnte man aber irgendwann nur mehr vom "Nichtregieren" sprechen, einmal gefundene Lösungen wurden verewigt, das Proporzsystem musste seine Grenze erreichen und es kamen immer mehr Fragen auf, die von den Politikern nicht beantwortet wurden. Bei der Wahl 1966 feierte die ÖVP einen Wahlsieg, der ihnen die parlamentarische Mehrheit brachte und versuchten es mit einer Alleinregierung. Woraufhin der sozialdemokratische ÖGB sofort eine Initiative gründete, um den Bestrebungen des konservativen Kabinetts entgegen zu wirken. Allerdings konnte er sich bis 1968 nicht mit seinem Konzept durchsetzen.

Hochschulleben in Österreich


Die Sozialdemokraten überließen der ÖVP während der großen Koalition das Thema Hochschulpolitik völlig, sodass die wenigen sozialidemokratischen Professoren einer Untergrundexistenz fristeten oder ihre Überzeugung öffentlich ganz verleugneten. Wer Lehren von  Sigmund Freud oder Neopositivismus verkündete, musste damit rechnen, nicht einmal einen Lehrstuhl zu erhalten. Das Sagen hatten die katholischen Studenten des Cartell-Verbands (CV), die Linken wurden immer weniger, der neu gegründete, rechts angesiedelte RFS erfreute sich immer höherer Beliebtheit.
Überfüllte Hörsäle, Desorganisation und Mangel an einfach allem waren nicht die einzigen Probleme: Manche Studienordnungen waren noch unter Mitwirkung des k.u.k Kriegsministerium erlassen worden. Unmut unter den Studenten machte sich verständlicherweise breit, sodass es 1963 zu einem Aufruf, der vom CV beherrschten Hochschülerschaft, zu einer "Aktion Vorschrift" kam, die besagte, dass alle Studenten die von ihnen inskribierten Vorlesungen besuchen sollten, um die Raumnot zu zeigen. Dies führte weiter zu Studentendemonstrationen in der Inneren Stadt.

Demo gegen  Borodajkewycz


Demonstriert wurde 1965 auch gegen einen Professor – Taras Borodajkewycz – der den Nationalsozialismus öffentlich in seinen Vorlesungen verherrlichte und antisemitische Äußerungen tätigte. Seinetwegen gingen Studenten aufeinander los. Die einen, weil sie nicht mit seinem Gedankengut einverstanden waren, die anderen behaupteten, es sei die Angst gewesen, die freie Lehre zu verlieren. Im Zuge dieser Kämpfe kam es auch zu Österreichs einzigem Todesopfer der Rebellion, Ernst Kirchweger. Borodajkewycz wurde erst 1966 in den Ruhestand geschickt und seine Bezüge nur um ein Prozent gekürzt, da sich die ÖVP bei ihm erkenntlich zeigen wollte.

Kommunen, Aktion(ismus) und die Kirche


Unter dem Berliner Einfluss entstand dann auch in Wien eine Kommune, die etwa 30 Menschen umfasste. Dazu gehörten Eva und Peter Ribartis, Peter Jirak, Katja Fleischer, Gustav Ernst, Peter Henisch, Helmut Zenker und mehr. Von der VSStÖ die Kommunarden genannt, bemühten sie sich um einen lustvollen Zugang auf die Fragen der Politik und Ästhetik bezogen und brachten die Zeitung Hundsblume heraus.
In Graz wurde 1965, die Aktion gegründet, der auch Gerfried Sperl angehörte. Ihre Mitglieder waren zwar Rationalisten aber keineswegs ideologisch fundiert - obwohl sie von der Tagespost "östlich von Peking" angesiedelt wurde. Ebenfalls von der Berliner Kommune beeindruckt, doch agierten sie auf eine sehr österreichische Art.

Auch vor den Toren der Pristerseminare machten die Studentenrevolten keinen Halt. Vor allem in Linz, Graz und Wien kam es zu ernsthaften Auseinandersetzungen. Hier war das Motto: Konservativ gegen progressiv. Proteste von Theologen führten zu Rücktritten von Lehrbeauftragten. Woraufhin in Wien der Kardinal persönlich eingriff und mit Hilfe von Redeverboten und Beurlaubung wieder Ruhe herstellte. Die Eröffnung der Diözesansynode – Mitspracherecht der Laien – ging trotz Protesten von konservativen Gruppen und Priestern, die Angst hatten, eine schleichende Demokratisierung der Kirche würde stattfinden, ohne Störung von sich. Auch wenn Kardinal König in einer Predigt seine Mitmenschen wissen ließ, dass sich die Kirche nicht von einer progressiven Jugend treiben lassen werde und die Demokratisierung ihre Grenzen habe.

Der Blasmusikonzertskandal


Am 11. April 1968, ein Karfreitag, fand ein Attentat auf Rudi Dutschke in Berlin statt. Grund genug für etwa 500 Demonstranten noch am selben Tag auf die Straße zu gehen. Die Kundgebung verlief friedlich: Man versuchte sich lediglich Gehör zu verschaffen und zu diskutieren. Am Abend fand eine Kundgebung vor der BRD-Botschaft statt. Und auch am 1. Mai wurde zu einer Kundgebung vom Sanktionskomitee sozialistischer Studenten aufgerufen, die über den Rathausplatz führte, bei der die Gemeinde Wien ein Blasmusikkonzert veranstalten wollte. Als die Demonstranten nicht weichen wollten, kündigte man die Räumung durch die Polizei an. Durch das Eintreffen der Polizei hagelte es Schläge und Tritte. Gewalt wurde angewandt wo es nur möglich war. Obwohl sich die VSStÖ von den Vorkommnissen distanzierte, forderte Kreisky den Ausschluss aller Beteiligten.
Doch damit war es noch nicht vorbei. Am 4. Juni 1968 wurden die Tätigkeiten des SÖS vom österreichischen Innenministerium untersagt. Begründet wurde dies mit der Verwechslungsgefahr mit des VSStÖ. Als Protestaktion veranstaltete der SÖS später ein Teach-In über "Kunst und Revolution" im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes. Es fand ein kurzer Vortrag statt, bevor die Veranstaltung in ein Happening umfunktioniert wurde, das später unter dem Namen "Uni-Ferkelei" in die Geschichte einging. Kleider fielen, es wurde onaniert, uriniert und manche verrichteten ihre Notdurft unter dem Absingen von Gaudeamus igitur und der Bundeshymne. Viel Medien nutzten dieses Ereignis um eine Studentenhetze zu veranstalten, allen voran der Journalist Michael Jeannée.

_______________________

Quellen:

Ebner, Paulus: Die zahme Revolution: ’68 und was davon blieb; Wien: Ueberreutner; 1998
Keller, Fritz: Wien, Mai 68 – Eine heiße Viertelstunde, Wien, Junius, 1988
Kurier, 20.01.1969
Welzig, Elisabeth: Die 68er, Karrieren einer rebellischen Generation; Wien, Böhlau, 1985

Printer Icon Creative Commons by-nc-nd - Some rights reserved



AutorInnen

Caroline Kaltenreiner

Caroline Kaltenreiner

...Ich wollte immer eine Prinzessin sein, leider war nur mehr der Part der bösen Hexe frei....

Newsfeed Icon Newsfeed von Caroline Kaltenreiner abonnieren



Kein Bock auf Nazis Festival 13.4. Arena


Archiv  | Impressum | AGB | Gewinnspiel | Friends Shop