2010-07-17 13:21:20
Maximilian Erlenwein schafft mit seinem Debütfilm, woran andere ihr Leben lang scheitern: eine fesselnde, publikumszugängliche Geschichte mit Tiefgang. Schwerkraft ist anspruchsvolles Kino, obwohl fernab jeglichen Arthouse-Kitschs.
Den biederen Typen konnte man bereits ausgiebig in Falling Down (Regie: Joel Schumacher) beim Ausrasten beobachten. Doch war es bei Michael Douglas lediglich eine surrenden Fliege zur hochsommerlichen Rush-Hour, die seinen 90-minütigen Gewaltmarathon auslösen sollte, liest sich die Handlung von Schwerkraft wesentlich gesellschaftskritischer: Ein Bankangestellter kündigt einem seiner Kunden einen Kredit, von dem er schon beim Ausstellen wusste, dass er diesen nicht wird zurückzahlen können. Dennoch macht Max Biedermann gute Miene zum bösen Spiel und legt seinem verzweifelten Kunden in amerikanisch-höflicher Tonlage eine Schuldenberatung nahe. Dieser löst das Problem jedoch auf seine eigene Wiese: Noch am Schreibtisch sitzend zückt er eine Pistole und gibt sich die Kugel.
Daraufhin ändert sich das Leben des Bankangestellten Frederik radikal. Er hat genug von seinem bürgerlichen Leben und der scheinheiligen Moral, wechselt die Seiten, schmeißt seinen Geschäftsanzug in die Tonne und lässt sich von seinem alten Kumpel Vince (Jürgen Vogel), einem Ex-Knacki, in Sachen Raub und Einbruch ausbilden. Was wie eine Schnapsidee klingt, wird für Frederik zum Selbstfindungstrip und dennoch holt ihn bald die bittere Realität zurück auf den Teppich.
Die Leere der thirty-somethings
Viele Studenten haben sicherlich große Angst, einmal wie Frederik zu werden, und dass obwohl er materiell mehr als abgesichert, gesund und jung ist. Dennoch hat er sich - stellvertretend für eine ganze Generation um die 30 - zunehmend von sich selbst entfremdet. Früher hat Frederik noch in Punkbands gespielt und ist mit seinem Rucksack durch die Weltgeschichte getingelt. Heute fühlt er sich als Sklave seines Bankjobs und füllt seine Freizeit ausschließlich mit dem Nachtrauern und Stalken seiner Exfreundin. Maximilian Ehrlenwein hat mit Schwerkraft sicherlich den Zeitgeist getroffen: Wer kennt in seinem Umfeld keinen Frederik oder fühlt sich sogar selbst wie er?
Die Stärke des Films ist seine Bodenständigkeit. Schwerkraft ist handwerklich ordentliches Erzählkino, stets unterhaltsam, jedoch niemals platt. Fabian Hinrichs (als Bankangestellter Frederik) und Jürgen Vogel (als sein Jugendfreund Vince) spielen ihre Rollen authentisch und mit Bravour. Nur die viel gehypte Nora von Waldstätten bleibt in Schwerkraft ein wenig farblos, jedoch eher unverschuldet. Ihre Rolle muss meist als bloße Projektionsfläche männlicher Fantasie herhalten und besitzt daher wenig Dimensionalität.
Alles in allem verbindet Schwerkraft Unterhaltung und Anspruch, hat einen exzellenten Cast und braucht sich handwerklich auch international nicht zu verstecken, kurzum: Maximilian Ehrlenweins Debüt zeigt auf, welche Potenziale das zeitgenössische deutschsprachige Kino hat.
Kinostart: 21. Juli 2010
echter Berliner, Publizistikstudent, manischer Leser, Cineast, 86er
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