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Die Inszenierung von Elend oder warum DJ Ötzi Terror ist

2007-04-02 00:14:15

Gerade rund um Weihnachten ist man allerorts bemüht eine Illusion von Friede, Freude und Wohlstand aufzubauen. Dazu gilt es Elend und Kritik aus dem öffentlichen Raum fernzuhalten oder zu entfernen. Allgemeine Überlegungen und ein konkretes Beispiel aus Linz/Oberösterreich.

Neulich im Passage, dem größten Linzer Einkaufszentrum beim Flyer verteilen für das FM5-Fest: Vor dem Haupteingang demonstrieren zwei (!) Personen mit Megafon und Plakaten gegen Tierquälerei und Pelzprodukte bei Peek und Cloppenburg, die natürlich auch im Passage eine Filiale haben. Ein Passage- Mitarbeiter baut wenige Meter davon entfernt eine Musikbox auf und beginnt auf Anweisung von oben die Kundgebung, KundInnen, PassantInnen, den Autor und überhaupt alles was sich in der Nähe aufhält mit Musik aus der untersten Schublade zu bestrafen. Als gute Patrioten überlassen sie es natürlich DJ Ötzi den Anfang zu machen, gefolgt vom König von Mallorca Jürgen Drews.
Nachdem dieses Problem gelöst ist, wird der in einen billigen Anzug gehüllte und leger krawattenlose Mittefünfziger, der anscheinend für die Aufsicht in der angenehm beheizten Vorhalle verantwortlich ist, und damit mutmaßliche Kopf der Musikterrorbande, auf den Flyerverteiler aufmerksam. Natürlich habe ich keine Genehmigung (außer von FM5) und auf die angedrohte Strafanzeige kann ich verzichten. Das von ihm erbetene Verständnis gewähre ich ihm nicht, dafür stimme ich ihm zu, dass er hier „ja nicht jeden hereinlassen“ könne. Wo kämen wir denn da hin, der hell erleuchtete und gut temperierte Konsumtempel verlöre jeglichen Charme. Kundenbelästigung natürlich, aber bitte nur mit Genehmigung und wenns Geld bringt.

Elend im öffentlichen Raum,...

Das Elend und die Kritik, wenn ihnen überhaupt Platz zugestanden wird, wollen inszeniert sein. Eine Sammelbüchse neben der Kasse und schon lassen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Schon wieder ein Schnäppchen erstanden und im Vorbeigehen noch für arme Kinder gespendet, was könnte befriedigender sein?
Die Fratze des Elends, der Armut, der Verzweiflung und des Unrechts (z.B. Tierquälerei) können wir uns nicht bieten lassen, zu hoffnungslos ist seine Hoffnungslosigkeit. Wir brauchen das Happy End, die Illusion durch unsere Symptombekämpfung etwas getan zu haben, denn die Beruhigung ist enorm. Wird uns das verwehrt helfen wir uns mit Verdrängung, selektiver Wahrnehmung und Fatalismus.

...seine Verdrängung,...

Immer zahlreicher und von breiter Mehrheit unterstützt werden die Versuche, den öffentlichen Raum von (ver)störenden Einflüssen zu „säubern“. Punks, BettlerInnen, Betrunkene, DemonstrantInnen, Drogensüchtige, psychisch Kranke lassen sich eben nur schwer mit Mozartkugeln, Lipizzanern und dem Stephansdom vereinbaren. Was der Wirtschaft schadet, schadet uns allen, und geht's der Wirtschaft gut geht's uns allen gut. Unvermitteltes und ungeschöntes Elend fördert nicht gerade die Kaufkraft und die Leistungsbereitschaft, die der „Wirtschaftsstandort Österreich“ braucht, um im „internationalen Wettbewerb“ bestehen zu können. Diese Unmöglichkeit mit verstörenden, angsterregenden, fremden, „unpassenden“ Zuständen und Personen umgehen zu können, hat uns schon einmal zu den Gaskammern geführt. Denn die vollkommene Verdrängung und Säuberung beinhaltet in letzter Konsequenz auch die physische. Sein Ende findet dieser sozialdarwinistische Alptraum erst im Massenmord.

...seine Inszenierung...

Dass es auch Menschen gibt, denen es nicht so gut geht, ist natürlich allen klar. Diesen Zustand gilt es aber angemessen zu interpretieren und zu inszenieren. Am Sympathischsten sind natürlich die Betroffenen, die durch ein „schicksalsgegebenes“ Unglück (z.B. Krankheit) zum Handkuss kamen. Wichtig ist es auch eine positive Perspektive zu konstruieren, denn wer mit Chancen- und Hoffnungslosigkeit konfrontiert wird, greift eher zur Flasche als zur Geldbörse. Geködert wird mit Prominenten und der Aussicht auf Anerkennung (z.B. durch die Namenseinblendung im Fernsehen). Gerade zur Weihnachtszeit gilt es die herrschende Ungleichheit zu rechtfertigen und allfällige Gewissensbisse zu verarzten. „Licht ins Dunkel“ und ähnliches meistern diese Aufgabe bravourös und so können wir uns unbesorgt auf das Festtagsessen, die Geschenke und Geldkuverts stürzen.

...und seine Umdeutung

Inzwischen hat das Elend aber schon unübersehbares Ausmaß erreicht und quillt aus allen Rissen und Spalten der heilen Fassade. Die Antwort darauf ist ebenso altbekannt wie menschenverachtend. Sobald wir die uns bewusste Schuld nicht mehr durch Spenden usw. kompensieren können, schieben wir die Schuld den Betroffenen bequemerweise selbst in die Schuhe. Die Opfer werden zu TäterInnen kriminalisiert; wir sind ihnen demnach auch keine finanzielle Unterstützung oder Aufmerksamkeit mehr schuldig. Durch das Elend entstandene Kriminalität wird kulturell und rassisch zugeschrieben, ebenso schnell werden diejenigen fallen gelassen die sich nicht in die Rolle des/der dankbaren und demütigen AlmosenempfängerIn drängen lassen wollen.
Auch auf dieser untersten Gesellschaftsebene lassen sich schnell dieselben Trennungen und Schubladisierungen durchführen die wir überall finden. Den braven, fleißigen, inländischen Armen, die nur Pech hatten werden die faulen, ausländischen, kriminellen Armen gegenübergestellt, die nur auf unsere Kosten leben. Und wer hat noch nie jemand sagen hören, dass wir zuerst „unseren“ (den österreichischen) Armen helfen sollten, bevor wir uns den Entwicklungsländern zuwenden können, weil uns diese ja näher stehen.

Exkurs Sozialdarwinismus

Aus den evolutionstheoretischen Erkenntnissen von Charles Darwin und deren Übertragung auf die menschliche Gesellschaft (Sozialdarwinismus) ergeben sich drei mögliche Reaktionsweisen, die für den Umgang mit Elend entscheidend sind, und auf die sich letztlich fast jede Meinung zu Armut etc. reduzieren lässt. Am freundlichsten ist die Einstellung, dass wir den Schwachen helfen sollten und sie nicht der evolutionären Vernichtung und Selektion (durch Verhungern, Erfrieren,...) preisgeben sollten. Die zweite Position, die des (liberalen) „laissez-faire“, ist der Ansicht, wir sollten die evolutionären Kräfte arbeiten lassen und sie nicht durch Armenhilfe, Sozialstaat, etc. abschwächen. Die radikalste Sichtweise fordert darüber hinaus noch eine aktive Unterstützung der Selektion, um die Menschheit „besser“ und „reiner“ zu machen. Derartige Bemühungen begangen mit Zwangssterilisationen (besonders in den USA) und endeten in den Gaskammern des Dritten Reiches (von denen es auch natürlich welche im heutigen Österreich gab, wers nicht glaubt fahre nach Mauthausen).

Last but not least – Fatalismus

Das einfachste und dennoch relativ gemütliche Ruhekissen bietet aber der Fatalismus, sowie extreme Gottgläubigkeit (dessen weltliche Variante die „laissez-faire“ Position ist). Entweder wir können sowieso nichts ändern oder es ist alles von einer höheren Macht (Gott, Evolution...) vorherbestimmt und daher gut. Jaja, die Wege des Herren sind unergründlich.

Zurück nach Linz

Die eingangs erwähnte Anti-Pelz Kundgebung soll übrigens kurz danach von den staatlichen Herrschaftserhaltern (auch als Polizei bekannt) besucht worden sein. Peek & Cloppenburg sind für ihren Verkauf von Pelzprodukten schon im ganzen deutschsprachigen Raum unter Beschuss gekommen und wehren sich jetzt mit fragwürdiger Ausnützung des Versammlungsrechts dagegen (siehe Link). Auch der Einsatz von Musik als Terrormittel ist kein Novum aus der Provinzstadt Linz, sondern ist gängige Praxis und wird z.B. zur Niederschlagung von Gefängnisaufständen oder als Verhörmethode von Terrorverdächtigen eingesetzt.
Dahinter steckt eine immer aggressivere Strategie, die versucht Elend und Kritik zu schönen und zu inszenieren und wo das nicht möglich ist, es beinhart zu verdrängen und unsichtbar werden zu lassen.

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AutorInnen

Martin Bartenberger

Martin Bartenberger

Ich mag mein Studium (Politikwissenschaft), Tiere, die Wiener Außenbezirke und gutes Essen (Tiere). Mitglied des FM5-Kletterteams.

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