2009-10-22 13:32:24
Lars von Trier lässt seiner kranken Fantasie nach jahrelanger Leinwandabstinenz wieder freien Lauf. Herausgekommen ist dabei allerdings nicht viel.
Der Schweiß läuft ihr über das Gesicht. Gerade noch hat die
namenlose Protagonistin (Charlotte Gainsbourg) mit einem Handbohrer dafür
gesorgt, dass im Bein ihres bewusstlosen Mannes (William Dafoe) ein klaffendes
Loch zurückgeblieben ist, da schleppt sie schon unter schwerster Anstrengung
einen Mühlstein samt Verankerung und Muttern heran, um diesen darin zu
fixieren.
Wer sich bei solchen Szenarien in Horrorfilmreihen wie Saw oder Hostel versetzt sieht, liegt nicht einmal so falsch. Dass der
weibliche Antichrist in der Folge zur Schere greift, um sich in Großaufnahme
ihrer Klitoris zu entledigen, ist dann aber selbst für Hartgesottene zuviel des
Guten.
Alles zurück auf
Anfang
Doch worum geht es in dem Film eigentlich? Zu Beginn steht
eine Parallelmontage in extremer Zeitlupe. In wunderschönen Schwarzweißbildern
wird gezeigt, wie ein kleines Kind aus seinem Laufstall klettert, durchs offene
Fenster steigt und über mehrere Stockwerke in den Abgrund stürzt, während sich die
Eltern dem Liebesspiel hingeben. Traurig-schön untermalt von Georg Friedrich
Händels berühmter Sopranarie Lascia Ch’io
Pianga aus der Oper Rinaldo.
Aus dieser Ausgangssituation heraus scheint sich ein
psychologisches Drama zu entwickeln. Die Frau bricht bei der Beerdigung
vermeintlich aus Schuldgefühlen über den Tod ihres Kindes zusammen; der Mann, von
Beruf Therapeut, versucht ihr gegen den Rat der Ärzte und völlig auf sich
gestellt bei der Verarbeitung zu helfen. Das ganze spitzt sich jäh zu als
herauskommt, dass der Ausgangspunkt für die psychologischen Auffälligkeiten der
Frau in Eden zu suchen ist, einer abgeschiedenen Hütte im Wald, in welcher sie
mit ihrem Kind den letzten Sommer verbracht hatte.
Im Garten Eden
Der Name Eden allein ist natürlich schon symbolträchtig
aufgeladen. War er im biblischen Kontext noch Ort der Ursünde, wird er im Film
zum Ursprung des Bösen. Was wie eine psychologische Studie beginnt, entwickelt
sich in der einsamen Waldhütte schnell zum Horrortrip. Zu spät erkennt der
Mann, dass die Verhaltensanomalien seiner Frau nicht durch den Tod des Kindes hervorgerufen
wurden, sondern ursächlich auf die Beschäftigung mit ihrem Dissertationsthema –
der Hexenverfolgung im Mittelalter –zurückzuführen sind. Die Frau sieht sich dadurch
überzeugt, dass die Natur das Böse an sich und das weibliche Geschlecht ihre
Erfüllungsgehilfin ist. Die Ereignisse überschlagen sich und am Ende sieht der
schwer verletzte Mann keinen anderen Ausweg mehr, als seine Frau zu erwürgen.
Therapie des
Regisseurs
Sowohl handwerklich als auch dramaturgisch ist dieser Film
zweifellos Lars von Triers schlechtestes Werk. Dies hängt sicherlich auch damit
zusammen, dass er sich seit längerer Zeit wegen Depressionen in Behandlung befindet
und seine Arbeit an Antichrist in
erster Linie als Selbsttherapie betrachtet. Ganz offen gesteht er ein, dass
das Drehbuch ohne großen Enthusiasmus beendet und verfilmt wurde und ihm dabei lediglich
die Hälfte seiner körperlichen und intellektuellen Kapazität zur Verfügung
stand. Diese Tatsache merkt man dem Film zweifellos an. Das konfuse Gestrüpp
aus persönlichen Ängsten, Träumen und Bestialitäten, ohne nachvollziehbaren
Handlungsstrang, muss daher fast zwangsläufig enttäuschen. Auch wenn sich dieser
Film für Lars von Trier persönlich sicher als einer der wichtigsten seines
Schaffens darstellt, kann das nicht als Rechtfertigung für den desillusionierten
Zuschauer dienen. „In jedem Fall kann ich keine Entschuldigung für ANTICHRIST bieten,“
lässt Lars von Trier nach Fertigstellung des Films verlauten. Recht hat er!
FILMSTART: 5. November 2009
Nobody knows the trouble I've seen.
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