Vermutlich wird es in Österreich bald eine "Eliteuniversität" geben. Welche Auswirkungen und Folgen hat das und wie wirkt es sich auf die Studierenden der bestehenden Universitäten aus?
JedeR der/die österreichische Bildungspolitik verfolgt, dürfte bemerkt haben, dass seit einiger Zeit über das Konzept einer „Eliteuni“ nachgedacht wird. Der Begriff Eliteuni ist in diesem Fall aber etwas unklar; konkret soll es sich dabei um eine postgraduale Ausbildungsstätte handeln, die vorerst auf den naturwissenschaftlichen Bereich eingeschränkt ist. Während man sich schon Gedanken über die konkrete Umsetzung, Finanzierung, Standort, etc. macht, bleiben die Hintergründe und Folgen im Dunkeln. Die folgende Analyse spricht an, was die BefürworterInnen verschweigen, denkt über mögliche Folgen nach und zeigt die Auswirkungen auf das bestehende Universitätssystem.
Die zwei Funktionen von Bildung
Die bekanntere und im öffentlichen Diskurs dominante Funktion von Bildung ist die Erziehung der BürgerInnen zur Mündigkeit (ganz im Sinne der Aufklärung). Erst durch die Vermittlung von Informationen durch Bildung ist es den BürgerInnen möglich selbstbestimmt zu leben, zu entscheiden, und am demokratisch-politischen Geschehen teilzunehmen.
Diese Funktion hat Bildung zweifellos und sie soll auch nicht unterbewertet werden, aber es ist notwendig auch die zweite Funktion von Bildung mitzudenken. Bildung ist immer ein Instrument die bestehenden (Herrschafts)Verhältnisse zu reproduzieren. Diese Funktion kann zwar abgeschwächt werden, eine tendenzielle Reproduzierung wohnt dem Bildungssystem jedoch inne oder wie es die Schweizer Studierenschaft ausdrückt: „Es gibt keine Selektion, die nicht auch gleichzeitig die Reproduktion einer Elite mit sich führt.“
Reproduktion des Bestehenden
Damit ist der Bogen zur Eliteuni gespannt. Im herkömmlichen österreichischen Universitätssystem, dessen Eckpunkte in der Kreisky-Ära umgesetzt wurden, war es möglich, die Reproduzierung durch freien Hochschulzugang, keine Studiengebühren und demokratische Strukturen zu minimieren. Momentan werden die Zwänge der Selektion durch Studiengebühren und geplante Zugangsbeschränkungen aber wiederbelebt und die Reproduktion damit verstärkt.
Entwertung der anderen Universitäten
Der große österreichische Aufklärer Josef von Sonnenfels wusste es schon zur Zeit Maria Theresias: „Aber folgende Betrachtungen sind nie gemacht worden: dass die öffentlichen Schulen ihr Ansehen verlieren müssen, wenn sie, von der adelichen Jugend unbesucht, nur für die niedere Klassen des Volkes bestimmt zu seyn scheinen.“ Durch die Etablierung einer elitären postgradualen Ausbildung in Form einer Eliteuni verlieren die „normalen“ Abschlüsse wie Bakk., Mag., und Dr. notgedrungen an Wert. Überspitzt formuliert versucht sich die herrschende Klasse damit einen erneuten Vorsprung zu verschaffen, nachdem in der Massenuniversität die Reproduktion der bestehenden Herrschaft abgeschwächt worden war. Sowie der alleinige Maturaabschluss heute längst nicht mehr einen guten Job garantiert, sondern ein nachfolgendes Studium notwendig ist, könnte es in Zukunft auch nötig sein, ans normale Studium noch eine teure und zugangsbeschränkte Ausbildung anzuhängen um am Arbeitsmarkt Chancen zu haben.
Finanzieller Nachteil und Ablenkungseffekt
Auch wenn die BefürworterInnen einer Eliteuni beteuern, dass die anfallenden Kosten nicht zu Lasten der bestehenden Universitäten gehen, ist ihnen nicht zu glauben. Selbstverständlich wird das benötigte Geld (Startkapital: 80 Millionen Euro) nicht direkt vom Universitätsbudget abgezweigt. Langfristig wird die Eliteuni aber natürlich Geld abziehen, der finanzielle Spielraum wurde ja auch erst durch konsequente Einsparungen an den bestehenden Universitäten möglich.
Neben dem finanziellen Schaden wird eine Eliteuni aber auch von den teilweise katastrophalen Zuständen an den Massenuniversitäten ablenken und als politisches Vorzeigeprojekt dienen. Der Wiener Philosophie-Professor Konrad Paul Liessmann spricht in diesem Zusammenhang auch von einem „fatalen Schielen auf internationale Ranglisten“ (siehe Zitate am Ende des Artikels).
Der größere Zusammenhang
Die Idee einer Eliteuni ist jedoch nicht als einzelner Baustein zu sehen, sondern als ein weiterer Schritt in eine konsequent geplante Richtung in die wir seit einigen Jahren (weltweit) gehen. Wichtige bisherige Etappen dieser Entwicklung waren die Zulassung privater Hochschulen, die Einführung von Studiengebühren, das undemokratische Universitätsgesetz 2002 und die Einführung des Bakkalaureatsstudium. Schritte die noch folgen werden sind die Errichtung einer Eliteuniversität, die Erhöhung der Studiengebühren und eine Zugangsbeschränkung (numerus clausus) für zumindest einige Studien. JedeR Studierende muss sich diesen Entwicklungen bewusst sein und dann entscheiden, wie er/sie zu diesen Entwicklungen steht und wie er/sie damit umgeht.
Zitate
"Die Idee einer Eliteuni ist nichts weiter als ein Prestigeobjekt, auf das die Politiker gut anspringen, das den 21 Unis aber nichts nützt."
WU-Vizerektorin Barbara Sporn (Standard, 6.4.2005)
"Klar ist, dass für einen Platz an der Elite-Uni "eine Gebühr eingehoben wird, die deutlich über dem Niveau der österreichischen Studiengebühren liegt."
Andrea Holzmann-Jenkins, Leiterin der Machbarkeitsstudie (Standard, 15.1.2005)
"Das Gerede über die Elite-Uni ist Rosstäuscherei, aber keine wirkliche Wissenschaftspolitik. Nicht so sehr die Frage, was wir uns leisten können, steht im Mittelpunkt, sondern ein fatales Schielen auf internationale Ranglisten."
Konrad Paul Liessman, Philosophieprofessor (Standard, 19.1.2005)