2007-04-02 00:10:06
14.812 Buchtitel erhält man, wenn man auf amazon.com nach dem Stichwort "Globalization" sucht. Da verliert man leicht den Überblick. Wir haben den Büchermarkt durchforstet und stellen euch die 5 Bücher der Globalisierung vor, die man unserer Meinung nach kennen sollte.
Wie gesagt, die nun folgende Liste kann nicht mehr als eine Literaturempfehlung sein. "No Logo" von Naomi Klein, "Das Kapitalistische Manifest" von Johan Norberg, "Der neue Geist des Kapitalismus" von Boltanski/Chiapello, "Empire" von Negri/Hardt und das "Schwarzbuch Kapitalismus" von Robert Kurz werden wir euch in den kommenden Wochen genauer vorstellen.
Robert Kurz, Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft (3Frankfurt am Main 2003) ISBN: 3-548-36308-3
Intention hinter dem BuchEs gibt mehrere Antworten der Globalisierungsgegner, wie man dem Phänomen Globalisierung begegnen sollte. Die einen wollen den Neoliberalismus und die daraus resultierenden "Übel" der Globalisierung mit einer alternativen Wirtschaftspolitik Marke Keynesianismus kurieren. Die sozialen Folgen der vorherrschenden Politik werden möglicherweise für viele schwerwiegend sein, doch ein Zurück ist kaum denkbar. Nach Robert Kurz brauchen wir eine neue, tiefer ansetzende Kapitalismuskritik, die den kategorialen Zusammenhang des modernen, warenproduzierenden Systems von "abstrakter Arbeit", betriebswirtschaftlicher Rationalität und politischer Regulation grundsätzlich in Frage stellt. (Vgl.: Robert Kurz, Neoliberalismus für alle In: http://www.asta.uni-konstanz.de/spielregeln3/vortrag2.php)
Inhalt
Nach der langsamen Entstehung des Kapitalismus im 16., 17. und 18. Jahrhundert machte der Kapitalismus im Laufe seiner Geschichte drei Transformationen durch, wobei die Grundübel des Kapitalismus bereits in der Entstehungszeit ihre Wurzeln haben. Kurz verwendet viel Zeit darauf, dies zu beweisen. Durch Vergleiche mit dem Mittelalter versucht er zu belegen, dass die gesamte Geschichte des Frühkapitalismus durch einen steilen Absturz des Lebensniveaus gekennzeichnet war. [1] „Seine wichtigsten Kronzeugen holt er sich sogar aus der Prähistorie des Kapitalismus: Schon in Hobbes sieht er einen ‚bitteren, finsteren Propheten der Marktwirtschaft’ und in dessen ‚Leviathan’ das ‚Gesamt-Ungeheuer’, das die kleinen Ungeheuer der marktwirtschaftlichen Konkurrenz bändigt. Besonders insistiert er auf den Werken Mandevilles (1670-1733) und Benthams (1748-1832), als könnten mit solchen Denkern aus der Raubritter-Phase des englischen Bürgertums die heutigen Apologeten des Neoliberalismus in Sippenhaft genommen werden. Der Marquis de Sade (1740-1814) muss mit seinem abartigen Verständnis von Lust und Erotik sogar als Vorläufer aller kapitalistisch verkrüppelten Egomanen herhalten.“ [2]
Erste und zweite Industrielle Revolution
"Die erste Revolution stand unter dem Einfluss der Dampfmaschine. Fabriken konnten so effizientere Betriebe werden. Die Kohle spielte damals eine ähnliche Bedeutung wie heute das Erdöl. Die Eisenbahn prägte das Erscheinungsbild jener Epoche sehr. Diese Revolution führte tendenziell dazu, dass das Handwerkszeug durch ein maschinelles Aggregat ersetzt wurde." "War die erste Industrielle Revolution durch die Anwendung von Kohle und Dampfkraft gekennzeichnet, die den Ruin der traditionellen handwerklichen Produzenten nach sich zog, so beruhte die zweite Industrielle Revolution auf dem Verbrennungsmotor, dem Fließband und der betriebswirtschaftlichen Arbeitswissenschaft, verbunden mit einer sozialökonomischen Spaltung der Epoche in die Zeiten der industrialisierten Weltkriege und der fordistischen Nachkriegsprosperität." [3] Ford führte in seinen Autofabriken bekanntlich das Fließband ein. Beeinflusst war er von Taylor, der die Betriebswirtschaft quasi erfand.
Dritte Revolution
Die dritte Industrielle Revolution sollte ihre Grundlage in der Elektronik haben. "1948, zeitgleich mit Wieners Kreation der Kybernetik, gelang der entscheidende technische Durchbruch: In den Bell-Laboratorien vor den Toren New Yorks erfanden die Ingenieure John Bardeen, Walter Brattain und William Shockley den Transistor – die Nervenzelle des Informationszeitalters." [4] Mehrere geschaltete Transistoren ergaben den ersten primitiven Computerchip.
Der Grundstein des digitalen Zeitalters war gelegt. Ein Zeitalter, das vor allem im Dienstleistungssektor verankert ist. Revolutioniert wird dieses Medium aber vor allem durch die Möglichkeit der Asynchronität.
Die dahinterliegende unausgesprochene Annahme des Buches.
Die Kontratieffschen Wellen:
Bei Kontratieff-Wellen handelt es sich um lange Wellen. „Eine lange Welle (...) wird durch eine Basisinnovation ausgelöst. Die Basisinnovation trägt aber nicht nur den Wirtschaftsverlauf, sondern führt auch zu einer Reorganisation der gesamten Gesellschaft und ihrer Arbeitsstrukturen. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden drei lange Wellen mit einer jeweiligen Zyklendauer zwischen 40 und 60 Jahren beobachtet. Die jeweilige Basisinnovation erfolgt dabei schon wesentlich vor dem Beginn des der Erfindung zugeordneten Zykluses.
Die Annahme hinter diesem Buch besteht darein, dass die dritte Industrielle Revolution von keiner neuen "langen Welle" mehr getragen wird. Nur scheinbar, vermittelt durch die Finanzblasen war an die Stelle der fordistischen Industrien ein neues Trägerkonzept der Akkumulation, Internet- und Telekom-Industrien, getreten.
Der Kapitalismus steht daher vor seinem Ende.
Zusammenfassende inhaltliche Punkte:
2. Auch das kommunistische Modell, war nicht mehr als eine Metamorphose des Kapitalismus. Es bildete keine Alternative.
3. Der Nationalsozialismus war ebenfalls eine Variante kapitalistischer Herrschaft.
4. Der Kapitalismus kann im Sinne einer "sozialen Marktwirtschaft" oder ähnlichem nicht gezähmt werden.
5. Die Wurzel des Übels ist, dass der Kapitalismus alles zu Ware und Geld macht.
Der Autor schließt sein Werk mit folgender persönlicher Feststellung:„Wenn schon das ökonomische Terrorsystem in seinem Zerstörungs- und Selbstzerstörungsprozess nicht mehr aufgehalten werden kann, so gilt doch immer noch die Devise der Kritischen Theorie, sich von der eigenen Ohnmacht nicht dumm machen zu lassen. Unter den gegebenen Umständen kann das nur heißen, jede Mitverantwortung für 'Marktwirtschaft und Demokratie' zu verweigern, nur noch 'Dienst nach Vorschrift' zu machen und den kapitalistischen Betrieb so sabotieren, wo immer das möglich ist. Selbst wenn es nur wenige sind, die im Zerfallsprozess des Kapitalismus eine neue innere Distanz gewinnen können: Es ist noch besser, Emigrant im eigenen Land zu werden, als in den inhaltslosen Plastikdiskurs der demokratischen Politik einzustimmen. Die Gedanken sind frei, auch wenn sonst nichts mehr frei ist.“ [5]
Konkreten Lösungsansatz bietet Kurz keinen.
Das Buch und ich – Der lange Kampf des Verstehens
Ich persönlich wollte das Buch schon fast weglegen. Ich halte die Art, wie Kurz Vergleiche mit dem Mittelalter anstellt und dabei beispielsweise die klimatologischen Aspekte unerwähnt lässt, für ein wenig unseriös. Um das 16. Jahrhundert trat damals beispielsweise eine so genannte kleine Eiszeit auf. Das hatte natürlich in einer landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft große Auswirkungen. Nicht umsonst traten in diesen Zeiten vermehrt Hexenverfolgungen auf. Aber dieser Vergleich alleine war es nicht.
Die Fehler des heutigen Kapitalismus implizit mit geistigen Verwirrungen eines Herren de Sade in Verbindung zu setzen, das befremdete mich schon sehr. Ich las allerdings weiter. Schreiben kann Herr Kurz, und er weiß damit zu fesseln. Ich habe es nicht bereut weiter gelesen zu haben. Ich habe wirklich sehr informative Darstellungen in diesem Buch finden können. Die Beschreibung der drei Transformationen des Kapitalismus fand ich sehr spannend. Der dreiteilige Aufbau erinnert allerdings doch ein wenig an eine heilsgeschichtliche Argumentation, wenn hier vielleicht auch im negativen Sinn. Gott Vater, der Sohn und der Heilige Geist klopfen an die Letter des 938 seitigen Werkes.[1] Kurz, Schwarzbuch des Kapitalismus, 20f.
[2] PresseBLICK – Rezensionen. Robert Kurz, Schwarzbuch Kapitalismus - Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft In: http://www.utopie1.de/kurz/rez_presseblick.htm
[3] Kurz, Schwarzbuch des Kapitalismus, 707.
[4] Kurz, Schwarzbuch des Kapitalismus, 738.
Ich gehöre zu den Personen die von Anfang an dabei waren. In FM5 steckt nicht nur viel Zeit sondern auch ganz persönliches von mir. Im Moment habe ich mich ans Doktorat gemacht. Ich gehöre wohl zu den Personen, die nie Zeit haben...
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