2007-04-02 00:10:10
14.812 Buchtitel erhält man, wenn man auf amazon.com nach dem Stichwort "Globalization" sucht. Da verliert man leicht den Überblick. Wir haben den Büchermarkt durchforstet und stellen euch die 5 Bücher der Globalisierung vor, die man unserer Meinung nach kennen sollte. Diesmal, der neue Geist des Kapitalismus von Luc Boltanski, Eve Chiapello
Wie gesagt, die nun folgende Liste kann nicht mehr als eine Literaturempfehlung sein. "No Logo" von Naomi Klein, "Das Kapitalistische Manifest" von Johan Norberg, "Der neue Geist des Kapitalismus" von Boltanski/Chiapello, "Empire" von Negri/Hardt und das "Schwarzbuch Kapitalismus" von Robert Kurz werden wir euch in den kommenden Wochen genauer vorstellen.
Luc Boltanski/Eve Chiapello, Der neue Geist des Kapialismus (deutsche Ausgabe Konstanz 2003) ISBN 3-89669-991-1 - Umfang 735 Seiten - Preis 49 Euro
Ich habe mich sehr intensiv mit Literatur über Globalisierung beschäftigt. Ich hatte bereits locker 35 Bücher in diesem Zusammenhang gelesen. Doch umso mehr ich las, desto ratloser wurde ich. Es tat sich eine Lücke auf zwischen der Kapitalismuskritik der 1968er Bewegung und der neuen Kritik, die sich in den 90er Jahren zu formieren begann. Naomi Klein formulierte es in ihrem Buch "No logo" folgendermaßen: Warum wurde 1995/96 das Jahr des Sweatshops und verwandelte sich schnell in das Jahr der Angriffe auf
"Das vorliegende Buch befasst sich mit den ideologischen Veränderungen im Zusammenhang mit den jüngsten Wandlungsprozessen des Kapitalismus. Es beinhaltet eine Interpretation der Entwicklung, die von den Jahren im Anschluss an die Ereignisse vom Mai 1968, in denen sich die Kapitalismuskritik lautstark zu Wort meldet, über die 80er Jahre, als sich die Organisationsformen der kapitalistischen Funktionsprozesse unter den Augen der verstummten Kritik grundlegend verändern, bis hin zu der zögerlichen Suche nach einer neuen kritischen Basis in der zweiten Hälfte der 90er Jahre reicht." (Boltanski/Chapello, 37.)
Zudem werden wissenswerte Einblicke in die Funktionsweise einer Netzwerkgesellschaft gewährt. Dieses Buch sollten durchaus auch Manager lesen! Warum Projekte wie das Freie Magazin FM5 beispielsweise funktionieren können, kann ebenfalls implizit herausgelesen werden. Genau diese Einblicke machen das Buch zum echten informativen Genuss. (Obwohl ich diese Aspekte aufgrund der Analyse hinsichtlich der Globalisierungsthematik aussparen werde.) In diesem Sinne schreit das Buch wohl nach einer weiteren Rezenison.
Theorie der drei industriellen Revolutionen
Die Theorie der drei industriellen Transformationen des Kapitalismus liegen auch dem Werk von Boltanski/Chapello zu Grunde. An dieser Stelle muss auf das Werk von Robert Kurz verwiesen werden, wo ich diesen Sachverhalt bereits transparent dargelegt habe. vgl. http://www.fm5.at/artikel.php?id=132
"Die erste Revolution stand unter dem Einfluss der Dampfmaschine. Fabriken konnten so effizientere Betriebe werden. Die Kohle spielte damals eine ähnliche Bedeutung wie heute das Erdöl. Die Eisenbahn prägte das Erscheinungsbild jener Epoche sehr. Diese Revolution führte tendenziell dazu, dass das Handwerkszeug durch ein maschinelles Aggregat ersetzt wurde." (Robert Kurz, Schwarzbuch der Globalisierung, 707.)
"Konkurrenz und Kritik sind die zwei wichtigsten Instrumente der Innovation." (Boltanski/Chapello, 525.) So gelang es dem Kapitalismus seine erste Krise zu bewältigen. (Bei Boltanski/Chapello bleiben diese Aspekte allerdings nur Randthemen. Die Autoren beschäftigen sich vor allem mit den Jahren nach der 1968er Bewegung. Diese Aspekte behandelt beispielsweise Robert Kurz in dem in der letzten Ausgabe rezensierten Werk.
"Um die, wie es bei Peter Wagner (1995) heißt, >>erste Krise der Moderne<< im ausgehenden 19. Jahrhundert und ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu überwinden, setzte man auf stabilisierende und handlungskoordinierende Maßnahmen, auf eine Stärkung der institutionellen Grenzen, auf Planung und Bürokratisierung. Außerdem wollte man die Lebensbedingungen der Arbeiter verbessern, ihre Kaufkraft (durch eine Umverteilung der Produktivitätsgewinne) anheben und Sicherheitsgarantien einführen, aus denen sich nach und nach der Wohlfahrtsstaat entwickelte." (Boltanski/Chapello, 461.). Die politischen/historischen Aspekte dürfen dabei aber nicht vergessen werden.
"So war der zweite Geist des Kapitalismus, der nach der Krise in den 30 Jahren entstanden war, mit der Kritik der kommunistischen und sozialistischen Massenparteien konfrontiert worden und hatte sich demnach eher als Reaktion auf eine Kritik konstituiert, die den Egoismus der Partikularinteressen und die Arbeiterausbeutung brandmarkte. Er hatte sich ganz im Sinne der Moderne für integrierte und durchorganisierte Organisationen begeistert, die sich um soziale Gerechtigkeit sorgten. Im Kontakt mit der Sozialkritik entstanden, hat er gleichzeitig den Kompromiss zwischen bürgerschaftlichen Kollektivwerten und industriewirtschaftlichen Erfordernissen angeregt, der die Grundlage für den Wohlfahrtsstaat bildet." (Boltanski/Chapello, 257.)
68er Bewegung
In der 68er Bewegung fielen Künstlerkritik und Sozialkritik noch ein einmal zusammen, auch wenn bereits die Künstlerkritik mit ihren Forderungen nach Selbstbestimmung und Authentizität im Vordergrund stand. Die Forderungen der so genannten Künstlerkritik wurden teilweise aufgenommen und verwirklicht.
"Der neue Geist wendet sich ab von den Sozialforderungen, die in der ersten Hälfte der 70er Jahre noch dominant gewesen waren. (...)
Dadurch, dass der neue Geist diese Forderungen für eine Beschreibung neuartig, emanzipierten, ja sogar libertären Art der Profitmaximierung nutzbar macht, durch die man angeblich auch sich selbst verwirklichen und seine persönlichsten Wünsche erfüllen könne, konnte er in der Frühphase seines Entstehens als eine Überwindung des Kapitalismus, damit aber auch als eine Überwindung des Antikapitalismus verstanden werden." (Boltanski/Chapello, 257.) Das erklärt, warum die Kritik verstummte. Die soziale Lage hatte sich verbessert - freier Universitätszugang, Schulfreifahrt, kostenlose Schulbücher,... - und wesentliche Bereiche der Künstlerkritik wurden absorbiert.
"Da der neue Geist des Kapitalismus (...) die Ende der 60er Jahre überaus virulente Künstlerkritik größtenteils vereinnahmt hatte, schien es fast so, als hätten die auf Emanzipations- Autonomie- und Authentizitätsforderungen beruhenden Vorwürfe, die ehemals gegen den Kapitalismus erhoben worden waren, ihre Berechtigung verloren. (...) Fast drängt sich der Eindruck auf, als seien (speziell sexuelle) Emanzipation, Autonomie von Privat-, Gefühls, aber auch Arbeitsleben, Kreativität, eine freie Selbstverwirklichung, ein authentisches Eigenleben gegenüber den verlogenen und überkommenen Gesellschaftskonventionen zwar nicht endgültig erreicht, aber als grundlegende Werte der Modernen weitgehend anerkannt worden." (Boltanski/Chapello, 449)
(Im Toyotismus sind viele Elemente der Selbstverantwortung, und auch -verwirklichung integriert.) Wogegen sollte man also sein?
Warum die neue Globalisierungswelle in den 90er Jahren enstand
Nicht alle gewannen bei den Veränderungen, die diese neue Transformation des Kapitalismus mit sich brachte.
"Die um sich greifende Armut und die zunehmenden wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten, mit denen viele Menschen zu kämpfen hatten, wurden jedoch als empörend empfunden und forderten förmlich zum Handeln auf, selbst wenn die von diesen Veränderungen unmittelbar Betroffenen und die aus altruistischer Sorge Handelnden nicht immer wussten, was sie denn dagegen tun sollten. Diese Ausgangslage ermöglichte es der Sozialkritik, verlorenen Boden wieder gut zu machen." (Boltanski/Chapello, 379)
"Die Unsicherheit und die Armut wurden nicht mehr allein als individuelles Leid behandelt, zu dessen Linderung ein persönliches Engagement notwendig wäre. Vielmehr wurden sie als soziale Probleme von größter Wichtigkeit anerkannt, was die Entstehung neuer sozialer Bewegungen bedingte. (...) Die Politisierung der Ausgrenzungsproblematik lässt sich auf den Anfang der 90er Jahre datieren." (Boltanski/Chapello, 386)
Mehrwert des Buches
Abseits wichtiger Informationen im Bereich der Globalisierungsthematik stellt das Buch nicht nur eine fundierte Einführung in das Funktionieren der Netzwerkgesellschaft dar. Es veranschaulicht auch, wie Kritik entsteht. Laut Boltanski/Chapello braucht es für die die Versprachlichung einer Kritik "eine leidvolle, als beklagenswert empfundene Erfahrung (...), die entweder dem Kritiker selbst widerfahren ist oder die er im Schicksal eines anderen mitempfindet (Chiapello 1998) (...) Diesen Sachverhalt wollen wir an dieser Stelle als Quelle der Empörung bezeichnen. Ohne diese erste, im Grunde sentimentale Gefühlsregung kann das Schwungrad der Kritik nicht in Gang kommen. Allerdings ist es ein weiter Weg zum Anblick des Leids bis zur artikulierten Kritik. Der Kritiker benötigt dazu eine theoretische Grundlage und eine argumentative Rhetorik. Nur so kann er sich zu Wort melden und das individuelle Leid in allgemeinwohlorientierte Begrifflichkeiten fassen (Boltanski 1990; 1993). Deswegen existieren bei der Versprachlichung einer Kritik zwei Ebenen: eine ursprüngliche Ebene, das Gefilde der nie ganz verstummten Emotionen, die immer dann hochschlagen, wenn sich eine neue, empörende Situation ergibt, sowie eine zweite, theoretisch-argumentative Reflexionsebene, durch die eine ideologische Auseinandersetzung überhaupt erst möglich wird." (Boltanski/Chapello,79f.)
Erstaunlich und höchst interessant fand ich die wirtschaftstheoretisch angehauchte Einführung in die Netzwerkgesellschaft. Es wird gezeigt wie man sich möglichst effizient in einer solchen Gesellschaft bewegt. "Der neue Geist des Kapitalismus" stellt meines Erachtens eine wertvolle Bereicherung für die Geschichte des Managements dar.
Seitdem ich das Buch gelesen habe, ist mir nicht nur vieles im Bereich der Globalisierungsdebatte klarer geworden. Ich habe auch erfahren dürfen, dass ein nicht kommerzielles Magazin, das genau die Prinzipien der Netzwerkgesellschaft anwendet, doch funktionieren kann, zumindest in seinem Anfangsstadium.
Man braucht Zeit um dieses Buch zu lesen, und billig ist es mit 50 Euro auch nicht gerade, aber das ist es wirklich wert!
Der FM5-Sachbuchtipp des Monats September. Der Neue Geist des Kapitalismus von Boltanski/Chapello.
Ich gehöre zu den Personen die von Anfang an dabei waren. In FM5 steckt nicht nur viel Zeit sondern auch ganz persönliches von mir. Im Moment habe ich mich ans Doktorat gemacht. Ich gehöre wohl zu den Personen, die nie Zeit haben...
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