2011-06-10 12:02:18
Die hoffnungslose Situation der spanischen Jugend. - Von Ingeborg Verest Pérez.
Juan, 21 Jahre alt, steht um 12 Uhr auf, frühstückt und setzt sich vor den Fernseher. Um 15 Uhr ruft ihn seine Mutter zum Mittagessen. Nachdem er gegessen hat, macht er eine Siesta und um 18 Uhr geht er in den Park, wo er sich mit seinen Freunden trifft. Als er um ca. 22 Uhr wieder zu Hause ist, isst er und setzt sich vor den Computer, bis er um 2 Uhr schlafen geht. Und genau so geht es morgen weiter. Leider verläuft auf diese Weise der Tag bei vielen spanischen Jugendlichen: Sie machen den ganzen Tag nichts, weder studieren sie (ni estudian), noch arbeiten sie (ni trabajan). Sie leben also von dem, was ihre Eltern verdienen. Soziologen haben sie daher die „Nini-Generation“ genannt. Im Spiegel wurde sie als die „Weder-Noch-Generation“ oder auch die „Null-Generation“ bezeichnet.
Die echten Ninis
Man schätzt, dass rund 15 Prozent der spanischen Jugend zwischen 16 und 24 zur sogenannte „Nini-Generation“ gehört und dass diese Zahl immer weiter steigt. Vielleicht das Schlimmste an dieser Situation ist, dass die meisten sich daran gewöhnt haben und nicht die Absicht etwas zu ändern. Die echten Ninis sind diejenigen, die keine Arbeit suchen und nicht (weiter)studieren wollen. Sie glauben nicht, selbst daran Schuld zu sein, sondern eher noch ihre Eltern. Sie wollen einfach eine gute Zeit mit ihren Freunden haben, solange die Eltern alles für sie bezahlen. Sie leben im Hier und Jetzt - in die Zukunft zu investieren fällt ihnen gar nicht ein. Oft werden jedoch auch diejenigen zur „Nini-Generation“ gerechnet, die in eine solche Situation unverschuldet hineingeraten sind und durchaus über ihre Zukunft nachdenken.
Bevor die Krise Spanien traf
Bis vor einigen Jahren gab es in Spanien einen wunderbaren Wohlstand. Mit dem Immobilienboom und der Anziehungskraft der mediterranen Sonne hatten die Spanier wenig Grund zum Klagen. Die letzte Generation hatte sich an billige und einfache Kredite gewöhnt und konnte sich allen Luxus leisten, mehr als ihre Eltern und viel mehr als die Großeltern. Bis die Krise über das Land hereinbrach und eine Welle der Arbeitslosigkeit mit sich brachte. Heutzutage zeigen die Statistiken, dass bereits ein Drittel der Jugendliche arbeitslos ist.
Eine schwierige Situation
Viele von ihnen verdienen nur ca. 1000 Euro pro Monat - man nennt sie Mileuristas, frei übersetzt könnten sie als „Tausendeuroverdiener“ bezeichnet werden. Das reicht in den meisten Städten nicht aus, um alleine zu wohnen. Folglich bleibt den Jugendlichen also nichts anderes übrig, als bei den Eltern zu bleiben. Im Durchschnitt findet die Abnabelung von den Eltern im Alter von 30 Jahren statt. Der Arbeitsmarkt sieht leider im Moment eher hoffnungslos aus. Seitdem die Krise ihren Anfang genommen hat, haben sich die Arbeitsbedingungen verschlechtert. So ist es beispielsweise schwierig geworden einen langfristigen Arbeitsvertrag zu bekommen. Viele Betriebe riskieren es nicht mehr, unbefristete Verträge zu schließen. Dadurch lebt man immer in einer finanziell unsicheren Situation. Dies macht es auch für viele fast unmöglich, ein Hypotheksdarlehen zu bekommen, wie es noch vor einigen Jahren üblich war.
Universitätsstudium abgeschlossen – und nun?
Wenn die Arbeit fehlt, kann man auch noch immer (weiter)studieren. Aber ist das eine Garantie für einen guten Job? Leider ist dem momentan nicht so. Die spanischen Jugendlichen haben den Eindruck, am Ende des Studiums keine Arbeit finden zu können. Es herrscht eine große Ungewissheit und sogar Pessimismus, wenn der Moment gekommen ist, sich um eine Stelle zu bewerben. In vielen Fällen bleibt ihnen nichts anderes übrig als in schlechter bezahlten Berufen zu arbeiten, als die für die sie studiert haben, was also Statusinkonsistenz bedeutet und zu Unzufriedenheit führt. So findet man Ingenieure, die als Kellner arbeiten oder Verkäuferinnen, die Journalismus studiert haben. Laut einer Studie von Eurydice arbeiten nur 40% der Akademiker in dem Bereich, den sie studiert haben. Manche Betriebe nutzen diese Situation aus: Sie stellen junge Akademiker als Praktikanten ein im Austausch für sehr niedrige Löhne. Obwohl die Bedingungen bei weitem nicht optimal sind, werden diese Stelle doch von vielen angenommen. Diejenigen, die sich weigern unter diesen Umständen zu arbeiten, versuchen sich weiterzubilden, oder machen Volontärarbeit. Selbstverständlich wohnen sie weiterhin bei ihren Eltern.
Protest
Als Maßnahmen gegen die Krise hat Zapatero, Spaniens Ministerpräsident, im Mai 2010 eine Arbeitsmarktreform durchgeführt und das Renteneintrittsalter auf 67 verlängert. Damit ist die Mehrheit der Spanier jedoch nicht einverstanden, so auch die Jugendlichen nicht. Das war vorigen April in Madrid zu merken, als die Jugend ihrerseits gegen die Reformen der Regierung und gegen die Privatisierung der Universitäten protestierte. Auf ihren Plakaten stand: “Ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne Rente, ohne Angst.” Sie wollten zeigen, dass sie auch ein Mitspracherecht haben und ihre Unzufriedenheit mit der heutigen Situation äußern. Die Demonstranten glauben, dass sie zwar durchaus gut auf das Arbeitsleben vorbereitet sind, aber gar keine Möglichkeit dazu bekommen. Leider ist es im Moment noch abzuwarten, wann es diese Chancen endlich geben wird. Wenigsten haben viele Jugendliche die Hoffnung noch nicht aufgegeben.
Muttersprache Spanisch, aber germanophil: Studierende der Universität Salamanca (Germanistik/Übersetzung) haben sich unter der Koordination der OeAD-Lektorin Romana Radlwimmer und der DAAD-Lektorin Alma Dreyer zu einer FM5-Auslandskorrespondez-Stelle zusammengeschlossen, um aus spanischer Perspektive über Aktuelles und Universelles zu berichten.
Newsfeed von Universität Salamanca abonnieren