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Der politische Einfluss von Rating-Agenturen

2009-02-03 14:05:12

Der politische Einfluss von Rating-Agenturen von Jens Rosenbaum untersucht den Einfluss dieser wichtigen Akteure am Beispiel USA und Deutschland.

Die Aktualität des Buches mit der derzeitigen Finanzkrise zu begründen wäre abgeschmackt. Was es interessant macht, ist der explizit politisch-wissenschaftliche (wir haben es hier mit der Politikwissenschaft-Dissertation des Autors zu tun) Blick auf einen Bereich der Wirtschaft.

Wichtige Akteure


Rating-Agenturen stellen als wichtige Akteure auf den internationalen Finanzmärkten ein vordergründig ökonomisches Problemfeld dar. Doch ihr politischer Einfluss ist unumstritten. Der Autor unternimmt den Versuch, diesen politischen Einfluss mittels eines wissenschaftlichen Modells zu erfassen und dieses Modell an Beispielen zu erproben. Dabei geht es ihm besonders darum, die verbreitete, aber kaum untersuchte These zu widerlegen, die Rating-Agenturen würden eine "Neoliberalisierung" der Weltwirtschaft vorantreiben.

Aufbau des Buches


Das Buch ist übersichtlich aufgebaut und in fünf große Teile untergliedert. Zu Beginn erfolgt eine kurze Einführung in die Rolle und Arbeitsweise der internationalen Rating-Agenturen sowie eine grobe Skizze ihres politischen Einflusses. Im zweiten Kapitel wird dem bisherigen Forschungsstand zum Thema breiter Raum gegeben. Die bestehenden Theorien aus Ökonomie, Soziologie und Politikwissenschaft kritisiert der Autor als zu pauschal und ungenau.

Danach gibt er einen kurzen Überblick über die politischen Debatten um Rating-Agenturen in den USA, der EU und Deutschland und legt dar, inwiefern sich diese Debatten in Regulierungen und Gesetze niedergeschlagen haben (wie den "Credit Rating Agency Reform Act of 2006" in den USA).

Das neue Modell


Den Kern des Buches bildet der daran anschließende dritte Teil. In ihm wird ein neues politikwissenschaftliches Modell zur Beschreibung und Erklärung des politischen Einflusses von Rating-Agenturen entwickelt. Es knüpft explizit an Anthony Downs'  ökonomische Theorie der Demokratie an. Das Grundmodell geht davon aus, dass Regierungen ein "optimales Budget" erstellen können, das ihre Wiederwahlchancen maximiert. Dieses Budget beschreibt den Punkt, in dem die Staatsausgaben den maximalen politischen Ertrag liefern, ohne dass die politischen Kosten (hervorgerufen durch Steuerzahlungen, etc.) diesen Ertrag zu sehr übersteigen.

Die Rating-Agenturen spielen in diesem Modell insofern eine Rolle, als durch ein Downgrading des Staates die Regierung ihr optimales Budget nicht mehr umsetzen kann, weil z.B. die Zinsen der Staatsanleihen und damit die Finanzierungskosten steigen.

Fallbeispiele Deutschland und USA


Im vierten und fünften Kapitel des Buches wird das Modell auf die Fallbeispiele USA und Deutschland angewandt. Der Autor untersucht dabei, wie ein Downgrading durch die Rating-Agenturen die Präsidenschaftswahlen 1992 und 2004 in den USA, sowie die Bundestagswahlen 1994 und 2005 in Deutschland beeinflussen hätte können und versucht so, den politischen Einfluss der internationalen Rating-Agenturen deutlich zu machen.

Probleme und Verkürzungen


Das Buch hat in seiner Gesamtkonzeption eine große Schwäche: Aufbauend auf Downs' ökonomischer Demokratietheorie übernimmt es alle ihre Verkürzungen und Probleme. Sämtlichen Akteuren wird Rationalität unterstellt, den WählerInnen ebenso wie den Regierungen. Gleichzeitig verengt sich damit der Begriff des politischen Einflusses: er steht lediglich für den politischen Einfluss auf die Regierung und so wird er im gesamten Buch verstanden. In diesem Bereich liegen zwar die großen Stärken des Buches, denn dieser Ausschnitt wird präzise untersucht. Doch erscheint es unzureichend, den Blick derart auf die Wiederwahl von Regierungen zu konzentrieren.

Präzise und kontextualisiert


Positiv fällt auf, dass sich der Autor um ein präzises, nicht pauschalisierendes Modell bemüht, das die unterschiedlichsten Kontextfaktoren berücksichtigt. So nimmt er die Bedeutung des Föderalismus und die politische Kultur und Geschichte darin auf. Dadurch rücken die Rating-Agenturen aber fallweise in den Hintergrund und drohen neben dem detaillierten Modell unterzugehen.

In seinem Versuch, den politischen Einfluss von Rating-Agenturen – der demokratisch nicht legitimiert ist, wie der Autor betont – genau zu beschreiben und zu erklären und seiner politikwissenschaftlichen Aneignung eines scheinbar "nur" wirtschaftlichen Themas ist das Buch jedoch zweifellos ein Schritt in die richtige Richtung.


Jens Rosenbaum: Der politische Einfluss von Rating-Agenturen. 2009, Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften. 244 Seiten, ~25€

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AutorInnen

Martin Bartenberger

Martin Bartenberger

Ich mag mein Studium (Politikwissenschaft), Tiere, die Wiener Außenbezirke und gutes Essen (Tiere). Mitglied des FM5-Kletterteams.

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