2008-10-27 12:11:29
Heyne veröffentlicht Stephen Kings düsteres Epos Der dunkle Turm als aufwendig gestaltete Graphic Novel. Nachdem auch beim Meister des Übernatürlichen die Qualität schwankt, darf man hier die Skepsis wohlwollend und anerkennend weglegen.
Ein Mammutwerk ist sowohl für den Autor als auch für die Leserschaft kein leichtes, eventuell anstrengendes Unterfangen. Einerseits kommen Qualitätsschwankungen wie von allein, andererseits hat es auch einen gewissen Reiz.
Stephen King, wichtigster lebender Schriftsteller des Horror-Genres, hat sich mit Der dunkle Turm genau diesem Vorhaben angenommen. Laut eigenen Angaben hat er 30 Jahre gebraucht, um die Geschichte zu vollenden, die nicht typisch ist in seinem Schaffen. Seit dem Roman Schwarz aus 1982 sind sechs weitere Bände erschienen.
Etwas ausprobieren
Nach langen Verhandlungen hat sich der amerikanische Verlag Marvel die Rechte daran geschnappt und eine stimmungsvolle Comicserie aus der Taufe gehoben, die neues Licht auf die Geschichte werfen soll.
Wie in den Romanen ist auch Roland Deschain die Titelfigur. Die erste Storyline The Gunslinger Born umfasst sieben Hefte, die von seiner Jugend erzählen.
In Roland fliest das Blut der Eld, allesamt Revolvermänner. Auch er will in diese Fußstapfen treten und seine Prophezeiung erfüllen. Nachdem er seinen Mentor verfrüht zu einem Duell auffordert und dieses auch noch gewinnt, scheint die Erfüllung seines Wunsches nah zu sein. Innerlich wird er von der Suche nach dem Dunklen Turm angetrieben, der scheinbar Dreh- und Angelpunkt aller Energie und allen Lebens ist. Warum er den Turm finden will, ist unklar. Ihn zu erreichen soll nahezu unmöglich sein, und der Mann in Schwarz, ein nebulöser Magier, der mit dem Teufel im Bunde steckt, hat es auch auf ihn abgesehen.
Nach seiner erfolgreichen Prüfung wird Roland von seinen Landsleuten auf eine Mission geschickt, auf der er sich in die hübsche Susan Delgado verliebt, womit noch mehr Probleme entstehen.
Endzeitliche Variationen
Die Umgebung, in der sich Roland und seine Mitstreiter befinden, ist schwer zu beschreiben. Sie scheint komplett aus den Fugen geraten zu sein. Es sieht danach aus, als hätte eine Katastrophe unbekannten Ausmaßes die Welt in eine globale Ruine verwandelt. Nun ist sie in Bereiche wie Mittwelt und Endwelt unterteilt, gleichzeitig ist die Handlung weder in der Zukunft noch in der Vergangenheit verankert.
Auch was der ominöse Turm in Wirklichkeit ist, kann nur erahnt werden (Gott?)
Größtenteils blickt man auf eine Wüstlandschaft, in der okkultistische Metaphorik und Western-Elemente zentrale Rollen spielen. Direkt aus dem Skript von Sergio Leone scheint vieles entsprungen, parallel macht man Bekanntschaft mit intriganten Hexen, Dämonen, Magiern und dem scharlachroten König, dem Teufel höchstpersönlich, der in der Variante als spinnenartiges Mischwesen äußerst gelungen aussieht.
Zu neuen Ufern
Das Kreativteam um Autor Peter David und Zeichner Jae Lee leistet Beeindruckendes, um die kingschen Visionen im Comicformat vortrefflich aussehen zu lassen. Vor allem das stimmungsvolle und sensationell aussehende Artwork von Lee weiß zu begeistern.
Mit einem feinen Gespür für die richtige Atmosphäre und stimmige Bildkompositionen, verwandelt er The Dark Tower in eine genüssliche Graphic Novel. Seine Zeichnungen sind elegant, ohne eindimensional zu sein. Auch die Farben sehen auf den Hochglanzseiten fantastisch aus.
Der dunkle Turm lässt mit dem ersten Band noch Erzählstränge offen und wirft einige Fragen auf.
Weitere Bände sind bereits angekündigt.
"Fill the air with poems, so thick
even bombs can't fall through."
(Peter Levitt)
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