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Der alte Mann und das Leid

2007-04-02 00:13:30

Charles Bukowski wird, auf lange Sicht, wohl ewig der Gossenpoet bleiben. Diesen Ruf hat er sich Zeit seines Lebens hart erarbeitet, dabei scheint ihm genau dies, in den letzten Tagen seines Lebens, ein Gräuel gewesen zu sein, nachzulesen in: „Den Göttern kommt das große Kotzen“

27. Februar 1993. 0:56 Uhr.
„Der Käpt’n blickt nicht mehr durch, und die Matrosen machen, was sie wollen.“ Dieses Zitat ist der Beginn des letzten Eintrags in Charles Bukowskis Tagebuch „Den Göttern kommt das große Kotzen“. Genauer gesagt handelt es sich um eine Sammlung von Auszügen aus seinem persönlichen Journal. Dabei hielt er nie viel von der Sammlung eigener Gedanken, fand dies immer idiotisch, wie er sich auch im eigenen Journal ausdrückt. Doch zumindest führte er diese Gedankensammlung, auf Wunsch eines Verlegers, so ist wenigstens nur ein „Halb-Idiot“.

Die letzten Tage vor dem Durchbruch
Über Charles Bukowski zu schreiben bedeutet auch immer gegen gewisse Erwartungen anzukämpfen. Das Image des am 9. März 1994 verstorbenen Literaten ist regelrecht einzementiert. Wer seine bekanntesten Werke wie den Roman „Der Mann mit der Ledertasche“ oder den Gedichtband „Pittsburgh Phil und Co. Stories vom verschütteten Leben.“ liest, wird schnell den Eindruck gewinnen, er habe es mit einem Gewohnheitssäufer zu tun, der die meiste Zeit sein Leben mit Nichtstun verbringt.

Und es scheint, als ob das Leben nach dem Tod es mit Bukowski auch nicht wirklich gut meinte. Wie in seinem Tagebuchjournal prophezeit: „Das Schlimmste: Einige Zeit nach meinem Tod werde ich richtig entdeckt.“

Immer mehr Bücher werden neu oder erstmals verlegt und die Verfilmung „Faktotum“ – mit einem beeindruckenden Matt Dillon als Alte Ego Henry Chinaski – läuft erfolgreich in den Kinos. Es scheint wirklich, als ob für das Werk Bukowskis erst die posthume Ehrung die wahrhaftige zu sein scheint. Diese Ahnung drückt der gealterte „Gossenpoet“ in seinem Tagebuch aus.

Freaks unter sich
Dabei entblättert sich in den Einträgen – die 28. August 1991 bis zum 27. Februar 1993 reichen – ein Mann, der mit dem Bild, das von ihm existiert, nichts zu tun haben will. Ein alter Mann der auf der Pferderennbahn herum hängt, da es für ihn der einzige Ort der Ruhe ist und der lakonisch skurrile Beobachtungen nacherzählt, da sie der tatsächliche Inhalt seines Lebens sind. Kein Wort von einer „Fuck Machine“ oder einem Mann der kurz davor steht sich im 8. Stockwerk aus einem Fenster zu stürzen.

Bukowski gibt selbst die Blickrichtung vor, wenn er von einer geplanten Fernsehserie berichtet, die er im letzten Moment stoppt oder seine Gedanken über große Schriftsteller Preis gibt. Es sind Aufzeichnungen eines Mannes, der sich wundert, nach all seinen Alkoholexzessen überhaupt noch am Leben zu sein. Doch dies reicht nicht für ein knapp 160 Seiten dickes Buch. Wohl auch aus diesem Grund wurde es in auffallend großer Schriftgröße gedruckt und mit Illustrationen des Comic-Genies Robert Crumb angereichert. Diese – wenngleich auch spärlich eingesetzten – Illustrationen dienen dann auch tatsächlich als Stütze, um sich durch die knappen Einträge zu hangeln.

Von der schwindende Kraft
Es ist nicht immer leicht, die sich immer wiederholenden Gedankengänge über Computer, Katzen und die Pferderennbahn in eine Ordnung zu bringen. Stattdessen lähmt das offen zur Schau gestellte Desinteresse des Autors den Lesefluss. Hier mag sich auch niemand des Eindrucks verwehren, Bukowski hätte nur noch für einen Scheck geschrieben. Da nützt die hübsche und leserfreundliche Aufmachung leider wenig, genauso wenig wie die angekündigte Schonungslosigkeit.

Boshafter Witz und Zynismus vermischen sich – wie gewohnt – natürlich immer wieder, aber es sind viele Leerstellen, die in der gähnenden Langeweile des Alltags eines alternden Literaten ertrinken.

Keine Chance!
Vielleicht hatte Charles Bukowski, so kurz vor seinem Tod, noch die Hoffnung, mit diesen Aufzeichnungen dann doch irgendwie das über ihn verhängte Image verändern zu können. Doch sein Alter Ego Henry Chinaski hat den Platz in der Bukowski-Forschung längst besetzt und es wird mit dem eher dünnen und wenig aufregenden Buch „Den Göttern kommt das große Kotzen“ wohl auch keine signifikante Änderung im öffentlichen Bild eintreten.

Vor allem dann nicht, wenn bei deutschen Übersetzungen bewusst auf den spekulativen Charakter gesetzt wird und nicht auf die eigentliche Intention des Autors. Weshalb hier der Vollständigkeit halber der Originaltitel erwähnt werden soll: „The Captain Is Out to Lunch and the Sailors Have Taken Over the Ship”. 27. Februar 1993. 0:56 Uhr.


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AutorInnen

Patrick Dorner

Patrick Dorner

Im Jahre 1983 geboren in der Steiermark, führte mich mein Weg über einen Zwischenstopp in Graz zum Studium nach Wien. Die meiste Zeit verbringe ich dennoch im Kino und ich würde lügen würde ich die Freude an dieser Beschäftigung bestreiten.

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