2009-02-20 13:15:22
Literaturverfilmungen sind problematisch. Vor allem dann, wenn das zugehörige Buch erst kurz vor dem Kinobesuch gelesen wurde. Der Vorleser macht da keine Ausnahme, kann aber trotzdem überzeugen.
Vieles ist anders und das ist auch gut so. Dank der
Mitarbeit des Autors Bernhard Schlink und der Umsetzung des Drehbuchs durch den
englischen Dramatiker David Hare, gelingt es Regisseur Stephen Daldry, die
literarische Vorlage in eine adäquate filmische Form zu gießen. Im Gegensatz
zum Buch beginnt der Film nämlich wie so häufig am Ende der Geschichte und
zeigt durch Einschübe, die wie Tagträumereien des gealterten Michael Berg
(Ralph Fiennes) wirken, was bis zu diesem Zeitpunkt passiert ist.
Von der Liebe…
Alles beginnt in den 50er Jahren im fiktiven
Provinzstädtchen Neustadt. Der 15-jährige Michael Berg (David Kross) ist gerade
auf dem Nachhauseweg von der Schule, als er einer schon länger andauernden
Übelkeit nachgeben muss und sich in den Hofeingang eines Hauses übergibt. Eine dort
wohnende Straßenbahnschaffnerin (Kate Winslet) nimmt sich des weinenden Jungen
an und bringt ihn nach Hause.
Drei Monate später macht sich Michael nach überstandener
Krankheit mit einem Strauss Blumen bewaffnet auf den Weg, um sich bei der
Unbekannten für ihre Hilfe zu bedanken. Was harmlos beginnt, entwickelt sich
zum sexuellen Initiationsereignis: Michael beobachtet die ungefähr doppelt so
alte Frau dabei, wie sie ihre Strümpfe anzieht und wird davon magisch angezogen.
Zwar flieht Michael vor diesem Anblick, doch kommen seine Phantasien nicht zur
Ruhe und nur kurze Zeit später steht er wieder vor ihrer Tür. Es kommt wie es
kommen muss, die beiden werden ein Liebespaar; die Geschichte scheint eine
typische Wendung zu nehmen.
Das besondere dieses sexuellen Erstkontaktes ist aber die
Inszenierung des Regisseurs Stephen Daldry. Selten sah man sinnlichere Bilder
in einem Hollywoodfilm. Kate Winslets Rückansicht wirkt wie eine Reinkarnation
der Venus mit Spiegel von Diego
Velázquez und das ängstliche Wollen eines David Kross ist mehr als überzeugend.
Höhepunkt dieser Szenerie ist aber sicherlich die Parallelmontage zwischen dem
gemeinsamen Abendessen der Familie Berg und Michaels Erinnerungen an sein
erstes Mal.
…zum Entsetzen
Doch alles geht einmal zu Ende. Nach Monaten des Glücks ist
die schöne Straßenbahnschaffnerin plötzlich verschwunden und mit ihr auch das
gemeinsame Ritual aus Vorlesen, gemeinsamem Bad und Sex. Michael bleibt mit
ihrem Namen und der Erinnerung an eine Frau zurück, die er eigentlich niemals
richtig kennengelernt hat. Über die Gründe dafür gibt der zweite Teil des Films
Aufschluss, der wenige Jahre später spielt und Michael als Jusstudenten an der
Heidelberger Universität zeigt. Im Zuge eines Seminars verfolgt er einen Prozess
um ehemalige KZ-Aufseherinnen und trifft auf der Anklagebank unverhofft seine
ehemalige Geliebte wieder.
Von diesem Zeitpunkt an verfährt der Film recht
konventionell. Schon früh werden überdeutliche Indizien gelegt, die nun beim
Prozess ihre Einlösung erfahren. Dadurch wird es dem Zuschauer zu einfach
gemacht und die tatsächliche emotionale Situation zwischen Michael und Hanna
wird stark verklärt. Dementsprechend verschiebt sich die Gesamtaussage im
Vergleich zur literarischen Vorlage und auch die Personenführung an sich wird
verändert. Beispielsweise hat Michael Bergs Tochter eine viel größere Bedeutung
als noch im Buch. Isoliert betrachtet funktioniert der Film aber trotz allem
sehr gut, weswegen die Eingriffe in den Inhalt zu verschmerzen sind. Das Medium
Film hat andere Stärken und Der Vorleser weiß sich diese zu Nutze zu machen.
FILMSTART: 27.
Februar 2009
Nobody knows the trouble I've seen.
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