2008-03-22 18:22:01
Die legendäre Fernsehmoderatorin Charlotte Roche nimmt sich in ihrem Debütbuch „Feuchtgebiete“ einer Teenagerin an, die der Hygiene abgeneigt ist. Eine Geschichte, die dreckiger nicht sein könnte.
Das Thema Schönheitswahn geistert wohl schon länger in ihrem Kopf herum. Bereits im Jahr 2004 meinte die famose, legendäre TV-Moderatorin Charlotte Roche (Fast Forward) in einem Interview in der ersten Galore-Ausgabe: „Wenn man mal überlegt, welche Körperteile der Frau nach dem Schönheitsideal rasiert werden sollten und welche bei Männern, ergibt sich eine riesige Schieflage.“ 2008, 4 Jahre später, veröffentlicht sie dieser Tage ihr Debütwerk Feuchtgebiete, nicht, wie ursprünglich geplant, im Kiepenhauer & Witsch-Verlag, sondern bei DuMont. Der erste Verlag nämlich, betrachtete den Roman als zu „pornografisch“. Zum Stein des Anstoßes: Helen Memel, 18, will sich im Intimbereich rasieren, scheitert jedoch dabei und verletzt sich. Befund: Analfissur. Abgesehen davon, schleppt sie schon sehr lange („Solange ich denken kann“) Hämorrhoiden mit sich. Man merkt also bereits, da unten ist etwas nicht in Ordnung. Nicht nur dort.
„Körperausscheidungsrecyclerin“
Eingeliefert in das Krankenhaus Maria Hilf (!) auf der Inneren Abteilung – oder, wie sie es nennt: „Arschabteilung“ – wird sie an gewisser Stelle operiert. Ganz nebenbei möchte sie, da sie schon mal im Krankenhaus liegt, ihre geschiedenen Eltern wieder vereinen und übt sich deswegen in autodestruktiver Manier, ebenfalls an besagtem Organ. Alles, was sie dadurch erreicht, ist eine Notoperation und den netten Krankenpfleger Robin. Dazwischen passieren Dinge und fallen Worte aus Helens Mund, die in kein Gotteshaus dieser Welt gehören. Helen kann mit dem Schönheitsprinzip so mancher Vorzeigefrau nämlich nicht viel anfangen („Hygiene wird bei mir klein geschrieben.“). Ständig ist sie auf der Suche nach neuen Wegen, ihren Körper so schmutzig wie möglich zu halten. Die Chemie ist ihr ein Dorn im Auge („Mir ist jeder alte Kacke- und Pissegeruch lieber als diese ganzen gekauften Ekelparfüms.“) und schließlich bemüht sie sich redlich, ihr Versuchslabor Körper zu durchforsten („Ich nutze die Zeit, um alles über mein Arschloch zu erfahren.“).
Die naive Protagonistin hat eine Mission vor Augen und so sagt sie dem Reinheitswahn, dem Zwang ständig als geformter, unnatürlicher Körper funktionieren zu müssen, den Kampf an: „Diese stumpfen Hygieniker machen mich rasend. Sie sind so unwissenschaftlich bakterienabergläubisch.“ Wie dem auch sei, Helen ist weder zaghaft noch ängstlich, sie schreckt vor nichts zurück. Am Gemüsemarkt, wo sie nebenbei arbeitet, wird sie von einem ihrer Kunden, einem unbekannten Afrikaner, mit der Frage konfrontiert, ob er sie nicht rasieren dürfe. Prompt geht sie darauf ein, findet sich in seiner Wohnung wieder und gibt sich seiner passionierten Intimrasur hin. Kurze Selbstbeschreibung gefällig? „Ich brauch kein Taschentuch. Ich bin mein eigener Müllschlucker. Körperausscheidungsrecyclerin.“
Dirty Language
Angeblich soll dieses Genre der Literatur ja amüsant sein und gewiss hat Frau Roche durch ihre hervorragenden journalistischen Tätigkeiten bei VIVA, Arte und ZDF einen Startvorteil im Feuilleton. Doch als Autorin wirkt sie äußerst unfähig, sogar stellenweise peinlich. Manche Sätze in Feuchtgebiete sind geschrieben, als wären sie für präpubertäre Dreikäsehochs gedacht. Natürlich ist es okay, wenn sich Roche die Sache mit dem konformen körperlichen Idealzustand genau überlegt, schließlich sind ihre Erkenntnisse goldrichtig, doch ihre Art mutet zu banal an. Mit ihrer bewusst als Dirty Language geltenden Sprache fordert sie einen kindlich aufgesetzten Inhalt geradezu heraus. Der Eindruck maximiert sich bei ihrer Wortwahl: „Arschabteilung“, „Muschiflora“, „Kackwurst“, „Venushügelhand“, „Hahnenkämme“ (innere Schamlippen), „Vanillekipferln“ (äußere Schamlippen), „Perlenrüssel“(Klitoris) – das sollte genügen.
Das Problem manifestiert sich eben hier, denn ihre Sprache ist nicht verletzend, provokant oder gar witzig, sondern wie eine matte Auflistung der bei der deutschen Adoleszenz zurzeit hoch im Kurs stehenden Schimpfwörter. Auch wenn es gar nicht in ihrem Sinn war aufzurütteln, überwiegt der Eindruck eines kreuzbraven, langweiligen Werkes. Als Entwarnung kann zuletzt nur der Umstand dienen, dass es sich hierbei um ihr Debüt handelt.
Charlotte Roche: Feuchtgebiete. DuMont Buchverlag Köln. 220 Seiten,
gebunden. € 14,90.
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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