2007-04-02 00:12:43
Zum 170. Todestag von Georg Büchner zeigt das Theater SPIELRAUM „Woyzeck“ unter der Regie von Gerhard Werdeker.
Als historisches Vorbild für Georg Büchners Woyzeck gilt der Perückenmacher Johann Christian Woyzeck, der im Jahre 1821 seine Geliebte Johanna Christiane Woost in einem Hausflur erstach. Bereits 1817 geschah ein ähnlicher Mord. Der Tabakspinnergeselle Daniel Schmolling ermordete die schwangere Henriette Lehner. Das Ende dieser ungewöhnlichen Morde fand sich 1830, als der Leinwebergeselle Johann Dieß die Mutter seines 4jährigen Kindes tötete. Alle drei Männer hatten längere Zeit als Soldaten gedient, alle drei waren Väter gewesen. Alle drei Morde wurden von Zeugen beobachtet. Die Täter wurden kurz nach der Tat gefasst, die Zurechnungsfähigkeit bei allen dreien hinterfragt.
Ein unvollständiges Drama
Diese Gemeinsamkeiten in den verschiedenen Mordfällen fasst Georg Büchner in seinem Dramenfragment „Woyzeck“ zusammen. Das Werk entstand im Sommer des Jahres 1936, gilt auf Grund von Büchners frühem Typhustod 1937 als unvollständig.
Das Theater SPIELRAUM zeigt „Woyzeck“ in einer Fassung von Gerhard Werdeker und gedenkt des Dichters zu seinem Todestag, der sich im Feber zum 170. Mal reihte.
Die Inszenierung
In der Inszenierung von Alexander Kubelka, die 2002 im Volkstheater Premiere hatte, wird der kriechenden Wandel vom Individuum Franz Woyzeck zum Versuchskaninchen mit Hilfe eines überdimensionalen Schaukelpferds dargestellt.
Dass es kein imposantes Bühnenbild braucht, um Büchners Drama gebührend auf die Bühne zu bringen, zeigt Werdekers Inszenierung. Der schwarze Boden und die dunkelblauen Wände des Theater SPIELRAUM bleiben frei von jeglichem Schnick Schnack. Im Raum befinden sich die Stühle für die Zuseher und das Lichtpult. Auch der Umgang mit den Requisiten beschränkt sich auf das Nötigste. Maries und Woyzecks Kind ist ein graues Leintuch, das später zum Grabtuch des Paares umfunktioniert wird.
Akteure und Figuren
Ein Hauptmann, ein Arzt und Tambourmajor wollen das Glück des Soldaten Woyzecks zunichte machen. Doch viel zu zerstören gibt es nicht, denn die Göttin Fortune hat den einfachen Mann nicht besonders lange geküsst.
Woyzeck ist Laufbursche für den Hauptmann, Versuchsobjekt für den Arzt und unsichtbarer Nebenbuhler für den Tambourmajor. Keiner der Männer sieht in ihm ein gleichwertiges Individuum. Wären da nicht Marie und das Kind. Jeder gesparte Groschen wird der Geliebten gegeben und erwartet wird so wenig. Doch Marie gelingt es nicht eine treue Frau und liebende Mutter zu sein. Zu stark ist die Versuchung dem strammem Tambourmajor (Josch Russo) in die Arme zu fallen.
Die Liebe zum Kind wird von Marie, gespielt von Eszter Hollosi, in vielen Situationen in Frage gestellt. Kaum scheint sich das fürsorgliche Mutterdasein einzustellen, wird die Frau von Zweifeln geplagt. Diese werden mit dem Auftreten des Narren (Daniela Illian) unterstützt, der Marie in zwei langsamen Umdrehungen das Kind sanft aus den Armen nimmt. Eine wunderbare Art den inneren Gefühlskampf Maries darzustellen.
Ob die Liebe zu ihrem Franz weiterhin besteht, lässt Marie nicht durchscheinen. Dieser plagt sich mit der täglichen Ration Erbsen und den Anforderungen seines Arztes (Klaus Uhlich). Uhlichs trockener Witz und treffende Aussagen heitern das schwermütige Dasein Woyzecks, zumindest auf Seiten des Publikums ein wenig auf. Der Soldat entkommt der Erbsenstudie und den Demütigungen des Hauptmanns (Harald Ruppert) nicht, die Stimmen in seinem Kopf werden immer lauter.
Der Kreis schließt sich
In Werdekers Inszenierung werden die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld deutlich gekennzeichnet. Die Stimmen, gesprochen von den Männern, die Woyzecks Leben erschweren, lassen ihn das Messer zücken und Marie erstechen. Das rote Band um Maries Hals und der rote Handschuh um Franz Woyzecks Hand bestehen aus demselben Material.
Die Stimmen verwandeln sich in Figuren, die fröhliche Wirtshausgesellschaft wird zur mordenden Meute. So finden Franz und Marie ihren gemeinsam Tod unter jener Decke, die ihr Kind darstellte.
„Woyzeck“ ist eine wunderbare Inszenierung des Georg Büchner Klassikers, die durch ein durchdachtes Regiekonzept und ein wunderbares Ensemble glänzt, was vor allem Tristan Jordes Darstellung des Woyzeck zu verdanken ist.
Spieltage: ab 20. Februar, täglich außer Sonntag und Montag, 20 h
Theater SPIELRAUM
Kaiserstraße 46
A-1070 Wien
We are all in the gutter but some of us are looking at the stars. (Lord Darlington, Lady Windermere's Fan)
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