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Der Mann, den jeder mag: Josef Hader im Interview

2007-04-02 00:10:47

Ein Gespräch über österreichisches Befinden, die heutige Kabarettszene, Musik und die Zukunft.

Es ist ein trüber, kalter Novemberabend. Menschen eilen mit den typischen Bewegungen von Geschäft zu Geschäft, allesamt gefangen im Vorweihnachtsstress. Zur selben Zeit lädt Josef Hader zum Kabarett ein – genauer gesagt: Er präsentiert sein aktuelles Programm „Hader muss weg“ im Linzer Landestheater. Das bedeutet: Fast zwei Stunden Programm auf hoher Ebene. Hader spielt Hader, wie wir uns ihn besser nicht vorstellen könnten. Inhalt erklärt mit Hader' schen Worten: „Eine nachtschwarze Vorstadtstraße voller Gebrauchtwagenhändler, eine heruntergekommene Tankstelle, ein grindiges Lokal, ein Kuvert mit 10.000 Euro, eine Schusswaffe und ca. sieben verpfuschte Leben. Nicht vorkommen werden Prominente und der Bundeskanzler. Es wird also wieder total unpolitisch.“ Hader spielt sein Programm also in gewohnter Bestleistung herunter, kümmert sich danach artig um das Wohlbefinden seiner Fans in Form von Autogramme schreiben und findet sich zu einem interessanten, um nicht zu sagen profunden Gespräch, in seiner Garderobe ein.

FM5: Das Hauptthema deines neuen Programms „Hader muss weg“ ist ja, ganz offensichtlich, der Tod. Hast Du Angst vor dem Tod?

Josef Hader: Also ich hab` gar nicht so das Gefühl, dass der Tod das Hauptthema ist. Das Hauptthema ist eigentlich, finde ich, das Leben in allen möglichen Erscheinungsformen (lacht). Oder auch irgendwie die Gesellschaft. Also ich hab` mir gedacht, wie ich mit dem Schreiben des Programms angefangen habe: Ich möchte einfach die Geschichte von ein paar Menschen erzählen und die Zeitstimmung einfangen, also dass alles härter wird: Der Kampf um das Geld, also wie es den Leuten wirtschaftlich geht, dass alle mehr raufen müssen. Das war eigentlich das Hauptthema. Der Tod ist insofern dazugekommen, weil ich mir zuerst gedacht habe: Der Kabarettist ist die Hauptfigur in dem Stück. Ich mag nämlich so gern diese Low-Budget-Filme, die manchmal den Hauptdarsteller in 20 Minuten sterben lassen. Das hat mich immer sehr beeindruckt, dass sich das Publikum mit wem identifiziert, der stirbt dann plötzlich und die müssen den weiteren Film ohne den auskommen. Die Idee hat mir so gut gefallen, dass ich mir gedacht habe: Ich lasse die Hauptfigur, also mich, sterben. Letztendlich ist der Tod durch eben diese Idee so massiv herein gekommen.

FM5: Du warst ja bei „Dorfers Donnerstalk“ zwei Mal zu sehen. Wie ist es zu der Kollaboration zwischen dir und Alfred Dorfer gekommen? Fußt das noch auf der Freundschaft, die ihr bei dem Film „Indien“ entwickelt habt?

Hader:
Also der Fredi Dorfer und ich, wir sind eigentlich seit Indien gute Freunde und treffen uns auch hie und da im Kaffeehaus, aber gemeinsame Projekte sind uns so eigentlich nicht eingefallen. Jetzt war es so, dass er sich bei Dorfers Donnerstalk dazu entschlossen hat, nicht mehr mit einem Partner, also mit Florian Scheuba, sondern mit vielen verschiedenen Kollegen (Stermann, Grissemann, Votava, W. Resetarits, Puntigam, Haipl, usw.; Anm.) arbeiten will. Er hat mich gefragt, ob ich da auch mitmachen will und die ersten beiden Folgen übernehmen will. Obwohl Fernsehen jetzt nicht so die Form ist, die mir so besonders taugt, war es irrsinnig witzig, da wir wieder zusammengearbeitet haben und das ganze seit mehr als 10 Jahren. Es war gleich super! Wir arbeiten sehr gut miteinander. Aber es wird jetzt nicht eine große Zusammenarbeit geben, weil ich, ehrlich gesagt, nicht so gern Fernsehen mache. Mir liegt das Spielen auf der Bühne und der Film, aber Fernsehen, das muss einem einfach liegen und das ist nicht so mein Ding!

Foto: www.hoanzl.at

FM5: Vor kurzem wurde auf „FM4“ das „Doppelzimmer Spezial“-Interview gesendet, in dem Du Elisabeth Scharang gesagt hast, dass Du – überhaupt im Auto – sehr gerne klassische Musik hörst. Hörst du auch zeitgenössische, also moderne Musik oder nur Klassik?

Hader: Also ich höre regelmässig, also wirklich immer, klassische Musik und dann gibt es da so Phasen in meinem Leben: Ich hatte zum Beispiel einmal eine Phase, da hörte ich Be-Pop der 50er, 60er und Cool-Jazz. Es hat eine Phase gegeben, da hörte ich Rock-Musik. Aber eher dünnere, filigrane Musik, wie „The Doors“ zum Beispiel. Jedenfalls nichts Massives. Mir gefallen auch bestimmte Einzelpersönlichkeiten. Ich mag die „Björk“ zum Beispiel total gern. Aber das sind trotzdem eher Sachen, die ich nicht so regelmäßig höre; regelmäßig höre ich eben nur Klassik. Ich finde die Musik einfach am geilsten, ich weiß nicht warum! Ich kann es nicht sagen! In letzter Zeit höre ich aber auch Franz Ferdinand oder The Block Party und ein bisschen elektronische Musik; das sind jedoch immer mehr Ausflüge von der Klassik.

FM5: Du bist ja am Land, im ober-/niederösterreichischen Grenzraum aufgewachsen, bei Nöchling zum Beispiel. War das Aufwachsen eine harte Zeit für dich?

Hader: Na ja, das waren die ersten 10 Jahre von meinem Leben, auf einem Bauernhof und das war eigentlich eine ziemlich glückliche Zeit; ich spielte relativ oft mit meinen Großeltern. Mit Gleichaltrigen fast gar nicht, weil es die dort irgendwie nicht gab. Ich hab mir dann in der Schule mit Gleichaltrigen nicht so leicht getan, weil ich das einfach nicht gewohnt war. Aber von dem abgesehen war es eine relativ schöne Zeit. Und mit 10 Jahren bin ich ins Internat gekommen.

FM5: Du hast einmal erwähnt, dass Du - weil Du jetzt ja auch (wieder) auf dem Land wohnst – hin und wieder, also so zwei-, dreimal in der Woche, einfach nach Wien fahren musst; als Ausgleich sozusagen. Ist das immernoch so?

Hader: Ja das liegt daran, dass die Stadt der erste Ort war, an dem ich ganz allein, frei und unabhängig war. Ich bin nach dem Internat, mit 19 Jahren, nach Wien gekommen, um zu studieren und das war die erste Zeit, wo ich so richtig unabhängig war und entscheiden konnte, was ich machen will. Ich war auf einmal mobil, weil ich vorher keinen Führerschein hatte und Du bist auf dem Land ja ohne Führerschein aufgeschmissen! Seither bin ich einfach ein großer Stadt-Fan, weil ich die Anonymität gerne mag, dass dir keiner so auf die Finger schaut und das geht in Wien ja noch immer. Ich bin ja nicht so in Bezirken, in denen mich die Leute kennen, sondern mehr in den Vorstadtbezirken (lacht), also 16. und 17. Bezirk. Die Bezirke liebe ich einfach, weil ich da von Anfang an war.

FM5: Was sind deine Hobbys neben dem Kabarett? Die Lektüre eines Buches?

Hader: Also eigentlich, wenn ich immer richtig Zeit habe, und richtig Zeit haben heißt auch, dass ich wirklich etwas für mich tun kann, dann lese ich zum Beispiel ein Buch oder höre Musik. Aber so richtig aktive Hobbys hab ich gar nicht, weil das Spielen auf der Bühne und das Kabarett so viel Zeit in Anspruch nehmen.

FM5: Wie bewertest Du die heutige Kabarett-Szene?

Hader: Es ist ein bisschen schwierig für die Jüngeren, dass sie hinaufkommen, weil die Bekannten fast alles abdecken. Es ist ganz schwierig für einen Neuen, sich da irgendwo hineinzusetzen. Insofern haben es die jungen Leute nicht sehr einfach! Zu unserer Zeit war es einfach leichter, da hat es damals nur zwei berühmte Kabarettisten gegeben, das waren der Resetarits und der Erwin Steinhauer. Alle anderen, Vitasek, Dorfer, Düringer, wir haben alle relativ gleichzeitig angefangen. Die Leute sind mehr fortgegangen, haben mehr Geld gehabt, die Leute haben eher noch riskiert, sich einen Unbekannten anzuschauen. Das ist auch alles nicht mehr, heute. Also insofern ist das halt das Problem von der Szene, dass sie sich nicht so richtig weiterentwickeln kann, weil die Jungen nicht so nach können.

FM5: Das heißt, Du bist da nicht so optimistisch bezüglich der Frage „Kommt etwas nach?“

Hader: Es kommt immer etwas nach, man muss sich aber auch im Klaren darüber sein, dass sich alle Sachen im Leben, ob das Wirtschaft, Ehe oder Kabarett sind, in Wellen weiter entwickeln. Es geht hinauf, es geht hinunter! So wird es also wieder mal aus sein, dass das Kabarett so „in“ ist und alle Leute hingehen, es wird mal wenig(er) Kabarettisten geben. Irgendwann wird wieder ein Junger anfangen und es wird wieder mal „hipp“ sein. Also ich mache mir keine Illusionen, dass es ewig so geht. Für mich ist eigentlich die Szene als Künstler nicht so rasend wichtig, sondern für mich, als Künstler, ist wichtig, ob ich für mich und für die Zuseher interessant bleibe; da kann mir die ganze Szene nicht helfen! Ich muss irgendwie schaunen, dass ich diesen Spagat mache, also dass ich einerseits das Publikum nicht verjage, aber auch immer wieder neue Sachen ausprobiere. Das ist der Spannungszustand, in dem ich lebe. Das ist wichtig! Die Szene, das sind zwei, drei gute Freunde und ein paar andere, die ich halt so als Kollegen kenne, aber sie beeinflusst meine Arbeit nicht wirklich.

FM5: Ist für dich das Schauspielen eigentlich die größere Herausforderung als das Kabarett?

Hader: Also die größte Herausforderung ist meiner Meinung nach das Schreiben! Das ist am schwierigsten, aber auch am geilsten! Das Spielen im Film ist ein anderer Bewerb als auf der Bühne. Das sind verschiedene Bewerbe, das ist so wie Ski-Slalom oder Abfahrt. Du musst eine andere Technik haben, Du musst irgendwie anders eingestellt sein. Das ist der Unterschied. Ansonsten ist es nicht so rasend verschieden. Ich kann auch nicht sagen, dass mir das eine besser gefällt als das andere. Mir taugt einfach die Abwechslung, dass ich die Chance habe auf diese Abwechslung.

FM5: Hast Du zur Zeit irgendwelche Filmprojekte? Stichwörter: Indien; Komm, süßer Tod; Silentium.

Hader:
Es wird einen neuen Wolf Haas-Film geben, der in ca. zwei Jahren fertig sein wird. Im Jänner gibt es einen kleinen Fernsehfilm, da spiele ich einen Lehrer, der mehr oder weniger Amok läuft, der heißt „Heaven“. Dann mache ich so einen kleinen Fernsehfilm in Berlin, für das „ZDF“, in dem spiele ich einen Typen am Land, in Brandenburg. Es sind kein großen Filmprojekte zurzeit, aber da gibt es die Perspektive, irgendwann mal einen eigenen Film zu drehen. Ein Theaterstück werde ich nächstes Jahr schreiben, das ich aber nicht selber spiele.

FM5: Unterschied Hader im Jahre 1995 zu Hader 2005?

Hader: Der eine Unterschied ist der, dass das Schreiben für den Film mehr geworden ist und dass das eben ein schöner zweiter Beruf geworden ist. Und der zweite ist, dass ich vielleicht ein bisschen besser mit meiner Zeit umgehe, dass ich ein Programm sicher nicht mehr so lange spielen werde wie „Hader privat“. Dass ich versuche, jedes Jahr ein bisschen Zeit für das Schreiben zu haben. Ich lasse mir immer drei Monate im Jahr Zeit für das Schreiben. Ich gehe einfach ein bisschen bewusster mit der Zeit um.

FM5: Wie schauen deine Zukunftspläne aus?

Hader: Ich will das Programm in Deutschland und in Westösterreich spielen. Dann kommen immer ein paar Filmprojekte daher und diese Schreibphasen. Ich achte darauf, dass ich mit der Kraft zusammenkomme, weil diese Programme sehr anstrengend sind. Also meine Zukunftsperspektive ist die, dass ich zwischen Schreiben und Kabarett eine schöne Basis, ein schönes Gleichgewicht habe!

FM5: Hauptunterschied zwischen Deutschland und Österreich in Hinsicht auf Kabarett spielen?

Hader: Der Hauptunterschied ist zum Beispiel der, dass ich dort nicht der Superstar bin und so der anerkannte Geheimtipp bin! Ich München bin ich bekannter, im Norden bin ich jetzt schon bekannt, aber eher bei speziell Interessierten. 

FM5: Wenn bei dir jemand puncto „Eurovision Songcontest“ anfragen wüde, ob Du – wie Alf Poier – mitmachen willst, würdest Du Gefallen daran finden, dort mitzumachen?

Hader: Ich und Lied: Das ist sowieso eine problematische Beziehung; es gibt Kabarettprogramme, in denen Lieder von mir vorkommen; dann schreibe ich wieder drei Jahre überhaupt kein Lied. In dem Programm („Hader muss weg“, Anm.) ist überhaupt kein Lied von mir enthalten. Ich bin absolut kein Musiker, insofern wäre das ganz falsch (beim Songcontest mitzumachen, Anm.). 

FM5: Was hältst Du von Menschen, die immer (wieder) betonen: „Früher war alles besser!“?

Hader: Ich glaube, das entspricht einfach den Menschen, die älter werden. Aber klar: In der Jugend war es leiwand! Da hat die Hose noch nicht so gespannt, Du warst jünger, das Kreuz hat dir nicht weh getan! Also ich glaube immer, dass das ein Symptom für das Älterwerden ist. Man beschreibt damit, dass man älter wird; und ich glaube nicht, dass früher alles besser war. Denn wenn man immer konsequent behauptet, dass früher alles besser war, dann wäre die Steinzeit einfach die beste Zeit gewesen, die man je erlebt hat und das kann es ja auch nicht sein! Oder das Mittelalter!

FM5: Glaubst Du, dass uns die Technik überrumpeln wird?

Hader: Ich denke mir immer, dass der Mensch eigentlich ein Problembewusstsein hat, es gibt immer sofort eine Gegenbewegung. Also da hab ich ein ziemlich großes Vertrauen!



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AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

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