2010-11-06 12:08:55
Mit umstrittenen Thesen zu Islam und Zuwanderung erhitzt Thilo Sarrazin in Deutschland die Gemüter. In Österreich ist seine Rhetorik dagegen bereits in der gesellschaftlichen Mitte angekommen.
Deutschland: Parteiausschlussverfahren, Rücktritt als
Vorstand der Deutschen Bundesbank, Ächtung durch das politische Establishment.
Vieles musste Thilo Sarrazin in Folge der Veröffentlichung seines Buches Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen über sich
ergehen lassen. Vor allem seine Äußerungen zu Islam und Zuwanderung wurden
wiederholt angegriffen: Mal wurde er als Propagandist, mal als Rassist
bezeichnet.
Österreich: Wahlerfolge, Etablierung als dritte Kraft im
Parteienspektrum, stetig wachsende Sympathiewerte. Die FPÖ mit ihrem Bundesparteiobmann
Heinz-Christian Strache ist seit einigen Jahren stetig im Aufwind. So konnte
die Partei bei der Wiener Gemeinderatswahl im Oktober knapp 26 Prozent der
Stimmen auf sich vereinen. Zuwanderung und Islam waren unter dem Motto "Wien als Heimatstadt erhalten!" Hauptwahlkampfthemen.
Diffuse Ängste
Diese Diskrepanz zwischen zwei benachbarten Ländern lässt
sich nicht ohne weiteres erklären. Schließlich sind Deutschland und Österreich,
zumindest was Migranten mit muslimischem Hintergrund betrifft, prozentual durchaus
vergleichbar. Doch während Einwanderung und Vielfalt in Deutschland noch
grundsätzlich positiv betrachtet werden und mangelnder Integrationswille als
Einzelfall gilt, köcheln in Österreich nicht nur im Unterbewusstsein diffuse
Ängste gegen Überfremdung durch muslimische Migranten. Damit ist aber lediglich
der Ausschlaggeber, nicht aber die Ursache dafür gefunden, weshalb Sarrazin
und die FPÖ in ihren jeweiligen Ländern eine so unterschiedliche Resonanz auf
ihre durchaus vergleichbaren Thesen erhalten.
Der Islam
Denn Übereinstimmungen zwischen dem SPD-Politiker und der
Freiheitlichen Partei Österreichs gibt es überraschend viele. So auch beim
Thema Islam. Kritik an der fehlenden Aufklärung im Islam, an der Überlappung von
Gesetz und Religion in der Scharia sowie die Verknüpfung des Islams mit Gewalt
und Sendungsbewusstsein finden sich sowohl in Sarrazins Buch als auch im Handbuch
freiheitlicher Politik der FPÖ. Es zeigt sich jedoch, dass Sarrazin einen
weitaus differenzierteren Blick auf den muslimischen Glauben wirft. Während
die FPÖ davon ausgeht, dass der Islam "die Welt als Kriegsschauplatz ansieht –
und zwar solange, bis die gesamte Menschheit islamisch ist", konstatiert
Sarrazin "Facetten von aggressionsfreier Frömmigkeit bis zum Djihad."
Türkei und EU
Was den Beitritt der Türkei in die Europäische Union angeht,
sind sich Sarrazin und die FPÖ jedoch einig: Ein Europa der
Vaterländer, das sich aus einer gemeinsamen kulturellen Geschichte und
Identität speist, ist ihre Idealvorstellung. Die Türkei mit ihrem muslimischen
Hintergrund gehört hier keinesfalls dazu. Stattdessen stellt der Islam eine "direkte
Bedrohung unseres Lebensstils dar", wie Sarrazin betont.
Zuwanderung
Auch was die Zuwanderung betrifft, treffen sich viele
Ansichten Sarrazins mit der FPÖ. So wird bei beiden das Grundrecht der
Staaten hervorgehoben, Immigranten gezielt auswählen zu dürfen, um die Kultur
und Tradition des eigenen Landes zu wahren. Feine Unterschiede lassen sich
dennoch feststellen. Während Sarrazin für eine Einwanderung hochqualifizierter
Experten mit entsprechendem kulturellen Hintergrund plädiert, lehnt die FPÖ Einwanderung vollständig ab. "Österreich ist kein Einwanderungsland."
Maßnahmen
Auf einer Wellenlänge zu liegen scheinen Sarrazin und die
FPÖ auch betreffend der Maßnahmen bezüglich muslimischer Migranten, die sich
bereits im Land aufhalten. So entsprechen sie sich in ihren Forderungen nach frühkindlicher
Deutschförderung, Aufhebung von Befreiungen vom Schulunterricht aus religiösen
Gründen, Kopftuchverbot sowie Sprachkompetenz als Einbürgerungs-
beziehungsweise Ehegattenzuzugskriterium.
Doch in einem Punkt unterscheiden sich Sarrazin und FPÖ entscheidend: Während Sarrazin die muslimischen Migranten in Deutschland als
gegeben akzeptiert und sich in seinem Buch vor allem auf Möglichkeiten der
besseren Integration durch eine klare Erwartungskultur und Bringschuld der
Einwanderer bezieht, möchte die FPÖ alle Ausländer ausweisen, die keinen
Beitrag für das Wirtschaftssystem in Österreich leisten: "Österreich hat die
Verpflichtung, sich mit der humanen und konsequenten Rückführung von Ausländern
zu befassen, für die es keine Arbeitsplätze oder Wohnungen im Land gibt."
In ihrem langfristigen Ziel sind sich Sarrazin und FPÖ dann
aber wieder einig. Sowohl der ehemalige Bundesbanker als auch
Bundesparteiobmann Strache wollen keinesfalls Fremde im eigenen Land werden.
Des Rätsels Lösung
Die Frage, wieso das weitaus radikalere Programm der FPÖ in
Österreich im Gegensatz zu Sarrazins Buch in Deutschland goutiert wird, ist
damit allerdings noch nicht beantwortet. Eine mögliche Erklärung hält Thilo
Sarrazin jedoch für die Leserschaft bereit. "In kleinen Ländern ist das Gefühl
der Bedrohung bereits stärker als in Deutschland, darum sind dort die
Diskussionen schärfer, die Einwanderungsgesetze strenger, und rechtsnationale
Strömungen haben stärker an Boden gewonnen."
Hieran wird deutlich, inwiefern sich Sarrazin und die FPÖ
trotz vielfacher thematischer Überschneidungen unterscheiden. Während Sarrazin
reflektiert und differenziert in Rückbezug auf wissenschaftliche Quellen
versucht, die Bevölkerung für ein bestimmtes Thema zu sensibilisieren, greift
die FPÖ rechtslastige Stammtischparolen oftmals bewusst einseitig auf, um bei
einem bestimmten Wählerklientel zu punkten. Offenbar mit Erfolg.
Deutschland schafft
sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen
von Thilo Sarrazin
erschienen bei Deutsche
Verlags-Anstalt
Gebunden, 464 Seiten, EUR 23,70
Nobody knows the trouble I've seen.
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