2007-04-02 00:11:14
Das diesjährige Seewiesenfest bot Schweiß, Gänsehaut, Glücksgefühle und die ein oder andere Verwunderung.
Für all diejenigen, deren optimale Betriebstemperatur im Bereich von 20°C bis maximal 25°C liegt, war der Samstagnachmittag am Seewiesenfest wohl die Hölle. Denn auf der Seewiese in Kleinreifling herrschten beinahe wüstenartige Zustände. Fragen wie: „Wo ist der nächste Schatten?“, „Ist es im Zelt kühler oder wärmer?“ und „Trinke ich Bier oder doch lieber Soda?!“ waren an diesem Tag essenzieller denn je.

Die ortsansässige Feuerwehr hatte trotz der großen Hitze sichtlich alles im Griff.
Sich mehr als notwendig zu bewegen, war an diesem Nachmittag ebenfalls tabu. Und somit war es auch nicht recht verwunderlich, dass sich die bereits Vorort befindlichen Besucher halbbenommen im etwas kühleren Schatten räkelten. Dann aber kamen Velojet ins Spiel und rissen allesamt aus ihrer lethargischen Siesta.

Irene und René von Velojet.
Gespielt wurden Songs aus ihrem selbst betitelten Debüt, welches ab 6. Juni im Handel erhältlich ist. Live besticht die vierköpfige Formation durch enthusiastisch vorgetragene und eingängige Indiepop-Songs, wie wir sie beispielsweise aus dem Hause Miles kennen. Somit genau die richtige, leichtverdauliche Kost bei der an diesem Tag vorherrschenden, brütenden Hitze. (Mehr zu Velojet gibt’s hier in Kürze).
Daraufhin verdrängten – natürlich nur symbolisch – graue Wolken die Sonne. Der Grund dafür: Parabol. Bereits nach den ersten Gitarrenklängen legte sich ein hauchdünner Schleier von Melancholie über den kleinen Ort Kleinreifling.
Can you here me now, am I getting trough
Well, try it anyhow, I hope you do...
(Parabol, Far Away)

Einklang und Harmonie herrschten wie gewohnt bei Parabol.
Bei The Robocop Kraus wurde die von Parabol hinterlassene Tristesse schnurstracks in alle vier Windrichtungen von der Bühne gefegt. Die deutschen „The Rapture“ überzeugten durch ihren energetischen Punkrock. Dabei zappelte vor allem Sänger Thomas Lang auf der Bühne vor und zurück, vor, zurück usw. Sichtlich unberührt von der Hitze und im Schweiße seines Angesichts zeichnete er mit liebevollen Handbewegungen Luftschlösser in den Himmel.
Schön, wenn einem bereits am Nachmittag so viel Verworrenheit entgegenweht.

Thomas Lang, der Sänger und zugleich Oberzappelphillip von Robocop Kraus.
Nun war es Zeit für den charismatischen Tobias Kuhn alias Monta, der seit sechs Wochen stolzer Vater ist. Gesanglich (was er eigentlich nicht nötig hätte) stand ihm – wie bereits schon unzählige Auftritte zuvor – Michael Kamm (Nova International) zur Seite, welcher an diesem Abend auch in die Rolle des Bassisten schlüpfte.
Sichtlich glücklich stand nun Monta im Rampenlicht und trug seine Songs vor. Normalerweise verspürt man dabei Schmerzen des Leidens in der Brust, aber an diesem Abend perlten sogar die traurigsten Textzeilen mit einem gewissen Lächeln von seinen Lippen.
Blacks "Wonderful Life" widmete er seinem sechs Wochen alten Sohn, dessen Bild der stolze Vater auf seine Gitarre geklebt hatte. Bei "I´m Sorry" musste er nur noch auf eben jener schrumpeln, da das Publikum kurzerhand den Gesangespart übernommen hatte - Gänsehaut lass nach!

Tobias Kuhn zeigte dem anwesenden Publikum, was ein frischgebackener Papa so alles drauf hat.
Was danach Mauracher + Band bei ihrem Auftritt genau vorhatten, weiß ich auch zum jetzigen Zeitpunkt (zwölf Stunden nach dem Konzert) noch immer nicht. Auf Platte mag dieser Schmelztiegel verschiedenster Musikstile vielleicht noch halbwegs funktionieren, aber mitnichten Live.

Die hyperaktive Sängerin von Mauracher konnte ich nur schwer auf einem Foto festhalten.
Nada Surf hatte danach sichtlich Probleme mit dem Sound. Das aus New York stammende Trio fand einfach nicht die richtige Abstimmung. Als sie endgültig den richtigen Einklang gefunden hatten, standen sie für nur eine ganze Nummer auf der Bühne, bevor sie diese wieder schlagartig verließen. Nun gut, sie kamen nach einer Minute wieder, aber sichtlich unmotiviert und darauf bedacht, alles so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Somit wurde ein Hit nach dem anderen durchs Zelt geschleudert – ohne jemals nur annähernd zu überzeugen. Der wohl bekannteste Nada Surf-Song blieb jedoch im Gitarrenkoffer. Die Rede ist von "Popular". Schnell wurde das Set durchgespielt. Danach wieder ein Abgang der Truppe. Es folgte eine mit zwei Songs gespickte Zugabe – und wieder weg. Dieses Mal aber endgültig.

Die Dreadlock-Ausgabe von Slash, wenn dieser Bass spielen würde ...
Abgesehen vom schnellen und etwas bitteren Ende dieses Abends, der einen fahlen Nachgeschmack hinterließ, fehlte es dem Seewiesenfest auch in diesem Jahr wieder an nichts.
Mein Leben befindet sich zurzeit in Bearbeitung. Ich bitte deshalb um etwas Geduld. Danke.
Newsfeed von Marco Weise abonnieren