2009-04-27 16:18:51
Jan Off seziert in seinem neuen Buch die Zelebrierung sexueller Phantasien – und titelt "Unzucht".
Es klafft eine Kluft zwischen der Sexualität im Kopf und jener im Bett. Erstere gibt sich tabulos, zuweilen surreal und schuldet der Pornografie zahlreiche Inspirationen. Letztere verpflichtet sich der Konvention und dem individuellen Schamgefühl und treibt Blüten wie den Blümchensex.
Jan Off dagegen betreibt in seiner neuen Erzählung so etwas wie Brückenbau: Er entledigt seine Protagonisten Stück für Stück ihrer sexuellen Scham und führt vor Augen, was passieren kann, wenn die intimsten und geheimsten Lüsternheiten einmal ausgesprochen sind.
Unzucht handelt von der Beziehung zweier, die in der gemeinsamen Sexualität die Möglichkeit finden, tiefste Regungen zu füttern, ohne Furcht vor den Konsequenzen haben zu müssen. Die Beziehung bleibt auf das Sexuelle beschränkt, frei von Liebe, abseits der Außenwelt und einer zu dominanten Realität – so der Codex, welcher dem Ganzen vorsteht. Und die Realität würde dieser Beziehung wohl tatsächlich in den Arsch treten, so unvereinbar sind beide oberhalb der Hüften: Der Erzähler ist Schriftsteller, noch öfter allerdings ein großspuriger Verlierer mit einem Hang zum Exzess und miefenden Nebenjobs. Sie versucht sich grundidealistisch – doch nicht minder erfolglos – als Fotografin und pfeift sich gerne mal die ein oder andere Flasche Wein rein, um die Zeit bis zum nächsten Koitus zu ertragen.
"Auch mich beschleicht hin und wieder die Ahnung, dass das reine Abarbeiten sexueller Phantasien es auf Dauer nicht sein kann, dass jetzt vielleicht etwas anderes kommen muss, etwas, das mit Gefühlen zu tun hat. Etwas Gesünderes."
Im Wunsch, die eigenen sexuellen Obsessionen endlich aus den tiefsten unbewussten Tiefen zu hieven, finden sie die zentrale Gemeinsamkeit: Ob voyeuristische, exhibitionistische, sadomasochistische oder homoerotische Phantasien, so wie sie durch den Kopf flattern, werden sie ausgesprochen und bei der erstbesten Gelegenheit auch ausprobiert.
Große Gefühle und grandioser, unmittelbarer Sex scheinen dabei unvereinbar zu sein, obwohl stets die Gefahr droht, dass sie sich in die guten Ficks verlieben und damit einen Teil der Kontrolle wiederum an ihre Triebgesteuertheit abgeben müssen.
Das traute Beisammensein erhält eine gewisse Eigendynamik, welche immer mehr von Strategie und Steigerung bestimmt wird. Faktoren der Überlegenheit und das kontinuierliche Ausloten von neuen Grenzen werden permanenter Teil der Beziehung, da der Status Quo nur so lange Befriedigung verspricht, als er hinter sich gelassen wird.
"Nichts mehr da, was wenigstens ein Minimum an Halt geben könnte. Stattdessen regiert das Wissen, dass auch dieser Abturn durch nichts anderes als eine längere Auszeit zu bewältigen sein wird."
Das von Anfang an fragile Beziehungskonstrukt zersetzt sich somit allmählich von innen heraus, da selbst Grenzen eine Grenze haben. Und so hat das Spiel schlussendlich doch noch Konsequenzen für beide, denn der Weg zurück ist einer, der nicht bestritten werden will.
Ohne gewundenes Pathos und völlig unverblümt schildert Jan Off die Entwicklung seiner Figuren. Dreckig geht es dabei zu, doch dieser Dreck bleibt rein seelischer Natur. Sex dominiert zwar die Geschichte, doch wird der Leser nie zum Voyeurismus verdonnert. Die Sprache ist klar und hat nichts von der "sein Wiener Würstchen war aber schon stocksteif und sie hatte es fest in der Hand"-Vulgarität* pornografischer Heftchen.
Die Protagonisten offenbaren sich im Detail, in den kommentarlosen Handlungen, in der wirren Optik, den unschlüssigen Bereitschaften.
Mit einem messerscharfen Auge für das Unausgesprochene sowie die Janusköpfigkeit menschlicher Sexualität zeigt Jan Off, dass die Gedanken nur solange harmlos sind, als sie auch solche bleiben.
Unzucht
von Jan Off
erschienen im Ventil Verlag.
Broschiert, 274 Seiten, Euro 12.30 [A]/11,90 [D]
* Zitat aus Anna Lynns Feuchtoasen. Erotische Bekenntnisse; erschienen bei Blue Panther Books
Verloren, vermurkst, verletzbar, verlässlich, verhüllt, verknurrt, verkatert und vernetzt.
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