Nur wenige Initiativen konnten in der letzten Zeit die heimische Musiklandschaft mit derart viel Diskussionsstoff versorgen und die Szene so polarisieren wie der Ö3 Soundcheck. Viel wurde geredet über Alibi - Handlungen und Heuchelei, aber auch über neues Engagement und frische Bewegung für ein Land, dem viel zu oft immer noch ein musikalischer Minderwertigkeitskomplex attestiert wir - sehr zu Unrecht, denn Tatsache ist: Die enorme Anzahl und teils außerordentlich hohe Qualität der Einsendungen für den Ö3 Soundcheck sprechen eine andere Sprache.
Welcher Aufwand hinter der Verwirklichung dieses Konzeptes steht und warum man versucht, sich von Veranstaltungen wie „Starmania“ abzugrenzen, welche Möglichkeiten den glücklichen Gewinnern offen stehen werden und was Green Day und Franz Ferdinand gemeinsam haben: Über all das gibt uns ein trotz der riesigen Menge an zu bearbeitenden Songs überraschend relaxter und gut gelaunter Clemens Stadlbauer von der Ö3 Musikredaktion Auskunft.
FM5: Welche Band wird beim Ö3 Soundcheck genau gesucht?
S: Bands die Spaß haben, die gerne Musik machen und etwas davon verstehen. Wir suchen aber keine Elektroniker, die bspw. einen Regentropfen samplen und den 100mal loopen - es sollte schon noch irgendwie was mit dem Ö3-Format zu tun haben. Aber es ist trotzdem nicht strikt das klassische, reine Popformat: Hip Hop und Rock sind genauso erwünscht; Metal ist vielleicht schon etwas problematisch. Tja, was wir halt auf Ö3 so spielen können.
FM5: Nach welchen Kriterien werden die eingesendeten Titel von euch beurteilt?
S: Von uns (Ö3 selbst) sind nur drei Leute dabei; die ganze Jury besteht aus 14 Mitgliedern, bei denen wir Wert darauf gelegt haben, dass sie für eine Band, die danach den Durchbruch schafft, in irgendeiner Weise wichtig sein könnten. Das reicht von Wolfgang Klinger von Rock&More, einer der größten Veranstalter des Landes, über Gina von der Szene Wien, bis hin zu Promotern und Vertretern von Plattenfirmen. Es spannt sich also ein ganzer Bogen von Personen, die im Leben einer Band wichtig sein könnten. Schlussendlich ist ja dann mit uns auch noch eine Radiostation mit Musikredaktion vertreten. Tja, und jeder dieser Vertreter wählt schließlich nach seinem Geschmack aus, sodass schlussendlich ein statistischer Prozess zum Ergebnis führt.
FM5: Wie habt ihr die angeführten Partner gewonnen?
S: Beim ersten Soundcheck war´s wie überall: Viele Leute, die nur müde lächeln über „wieder so einen Bewerb, den niemand braucht“. Ich hab schließlich eine ganz klassische Präsentation bei uns im Ö3 Marketing abgehalten und alle großen Plattenfirmen dazu eingeladen, denn ohne Plattenfirmen wäre die Sache für uns uninteressant gewesen - entweder gleich g´scheid, oder gar nicht. Da hat man dann gleich gemerkt: Wer schickt den Label Boss, wer schickt nur seine Lakaien, wie ist das Interesse und das Feedback zu diesem Konzept. Einige haben wie in der Schule beim Fenster rausgeblickt und in der Nase gebohrt, andere konnten sich jedoch gar nicht einkriegen vor lauter Fragen. So haben wir uns schließlich für denjenigen entschieden, der das meiste Engagement zeigte - EMI Music Austria.
FM5: Wie sah in Folge die weitere Planungsphase für den Soundcheck aus?
S: (Lacht) Das war ein ziemlicher Bluff, wenn ich ehrlich sein soll - Learning by doing! Wir hatten ja kaum Erfahrungswerte, wie wir sie jetzt etwa beim zweiten Mal besitzen. Was wäre gewesen, wenn nur drei Bands Songs eingeschickt hätten? Da hätte ich nach all dem Pressetrommelwirbel die Sache einschlafen lassen müssen und hoffen, dass mich niemand mehr darauf anredet. Gott sei dank ist es ja nicht so gekommen - aber das weiß man eben im Vorfeld nicht. Was wäre, wenn’s 300 Bands sind und da sind nur so Bontempi - Orgler dabei (lacht)? Wir bekommen ja nach wie vor unaufgefordert Kassetten zugeschickt, die eher ins technische Museum gehören, als dass man damit arbeitet. Durch die Tatsache, dass das Einsenden im Internet passiert, hat man bereits eine gewisse Grundausscheidung, sodass Leute einsenden, die auch eine gewisse Ahnung von Musik, Equipment und Technik haben. Ansonsten haben wir uns aber von Stufe zu Stufe weiter durchexperimentiert. Das Wichtigste, auf das wir draufgekommen sind, war jedoch, dass wir bei der Auswahl vor dem Finale in der Szene Wien auch einen Livecheck der Bands gemacht haben. Wir wollen schließlich weit weg von „Starmania“ - wir wollen Bands mit echten Musikern, die echte Instrumente spielen können. Wer garantiert uns, dass das nicht ein File von irgendeiner gebuchten „Partie“ ist und am Gig selbst können die Leut´ nicht mal die Klampfen halten? Bevor wir die Bands wirklich zugelassen haben, wollten wir also schon wissen, ob die Band wirklich „sie selbst“ ist, sprich, ob die auch spielen können. Schließlich ist uns auch eine Band an genau diesem Punkt abhanden gekommen. Die haben beim Soundcheck der Veranstaltung gemerkt, wie die anderen Bands angefahren sind und sind dann still und heimlich verschwunden.
FM5: Wie kommt ihr mit der enormen Menge an Einsendungen zurecht? Wir erinnern nur an den Eintrag in deinem Webblog vom 20.10. bei dem von 240 Bands die Rede war.
S: Tja, heute haben wir den 27.10, und wir stehen mittlerweile bei 360 Bands, das ist im Grunde das, was wir erwartet haben. Jetzt, knapp vor Einsendeschluss, kommt dann nochmals eine große Welle herein - bei mir ist daher so, dass ich mir in meiner Wochenplanung einen kompletten Tag völlig blocke und nichts anderes mache als Soundcheck. Man muss schließlich versuchen, jeder Band das gleiche Gefühl zu geben, mit der gleichen Gemütsverfassung in Songs rein zu gehen. Wenn mich da jemand dazwischen nervt, ständig anruft, dann funktioniert das nicht. Time - Management ist also gefragt. (Insgesamt haben 596 Bands eingereicht, wie uns von der Musikredaktion nach Ende der Einreichfrist mitgeteilt wurde.)
FM5: Welche Erfahrungen habt ihr aus der Organisation vom Vorjahr mitgenommen?
S: Das wir die Nerven nicht wegwerfen und flexibel bleiben und dass wir vor allen Dingen freundlich und serviceorientiert gegenüber den Bands sind. Es geht ja um die Musik, die letztendlich uns wieder was bringt, weil wir wieder neue, gute Platten spielen können. Man merkt halt schon, wie verzweifelt Bands außerhalb von Wien sind, weil sie in vielerlei Dingen sehr in der Luft hängen und nicht wissen, wohin sie sich wenden können. Gerade hier ist das MICA eine wichtige Sache, weil wir mit ihnen gemeinsam eine Serviceschiene aufgebaut haben, die mittlerweile sehr gut funktioniert. Kommunikation ist also mit Sicherheit das wichtigste, das wir mitgenommen haben.
FM5: Wie sind die Reaktionen aus der Musikszene? Es werden wohl mehr als 400 Bands mit insgesamt über 1200 Songs werden, aus denen schlussendlich nur 15 Gruppen ausgewählt werden. Der Großteil der österreichischen Musik wird also bei euch nicht öffentlich dargestellt.
S: Das ist nicht richtig, schließlich werden alle Bands auf der Musikseite manymusics der MICA verlinkt und gepostet. Zuerst mal nur in geschnittenen Versionen und herunter gesampleter Qualität, um kommerziellen Missbrauch zu verhindern - á la longe werden jedoch alle, die das wünschen, im dortigen Webshop vertreten sein. Aber natürlich können wir keine 400 neuen Bands ins Programm aufnehmen, das wäre unmöglich. Trotzdem ist es bei uns anders als bei „Starmania“, wo sich alle diebisch freuen und klatschen, wenn jemand verliert. Es gibt in diesem Sinne keine Verlierer, sondern nur Gewinner - bei uns wird auf niemanden mit dem Finger gezeigt, weil er nicht im Finale dabei war.
FM5: Nach welchen Kriterien werden die Songs in der Ö3 Musikredaktion ausgewählt? Marktforschungsstudien, oder doch eher persönliches Gefühl?
S: Marktforschung setzt immer erst ein, nachdem ein Titel in der Playlist gelandet ist - dann erst wird abgetestet und man sieht, ob man richtig liegt oder nicht. Am Anfang steht jedoch wirklich der Geschmack der Leute, und bei aller Technisierung soll letztendlich doch der Bauch ausschlaggebend sein. Natürlich muss die Musik auch gut sein und zu Ö3 passen; da nützt mir die beste Metal Band nix. Überhaupt ist dies eine der ganz großen Fähigkeiten die man hier haben muss: Nicht mit der Geschmackspolizei zu kommen, nicht den eigenen Geschmack als besser, elitärer gegenüber der Masse zu erachten - schließlich ist man ja ein Dienstleister und spielt, was die Leute hören wollen. Daher betrachtet man auch die Strömungen, die „draußen“ passieren genau. Es geht ja immer in Wellenbewegungen: Einmal geht’s mehr in Richtung Indie/Alternative, dann wieder in die andere Richtung. Ich bin sechs Wochen lang mit der neuen Green Day in die Redaktionssitzung gegangen und erst beim sechsten Mal wurde sie akzeptiert; denn, hey, Green Day und Ö3 ist auf den ersten Blick ziemlich undenkbar, das passt nicht zusammen. Aber siehe da: Mittlerweile sind Green Day einer der Core - Artists von Ö3 und werden öfter gespielt als Sarah Connor. Warum? Weil die auch für sich entschieden haben, nicht mehr die kalifornischen Indie - Punks zu sein, sondern jetzt eben auch abcashen wollen, Mainstream wollen - aber das ist ja nichts Böses, so muss man sich halt finden. Auch bei Franz Ferdinand glaub ich, dass die in einem Jahr sicher auf Ö3 laufen werden.
FM5: Stichwort „Sarah Connor“: Auf deinem Webblog hast Du geschrieben, dass Du selbst mit Sicherheit nicht zu ihrem Konzert in Wien gehen würdest, sondern privat auch viel hörst, was nicht auf Ö3 gespielt wird - welche Musik wäre das?
S: Tja, meinem Alter entsprechend eher Rockgiganten wie Led Zeppelin, das Maß aller Dinge (lacht). Außerdem nach wie vor Deep Purple, oder die britische Abteilung mit Black Sabbath, Iron Maiden oder Saxon - gib mir eine Gitarre, dreh sie laut auf und ich bin dabei! Ich schätze aber auch Frank Sinatra - das Eine schließt das Andere nicht aus. Wobei, mittlerweile ist Stille auch seeehr, sehr lässig!
FM5: Wie sieht für die Gewinnerbands eure weitere Betreuung direkt nach dem offiziellen Ende des Soundchecks aus?
S: Da sind wir im Grunde genommen eigentlich auch ziemlich „gnadenlos“. Natürlich besteht eine gewisse Grundsympathie; aber es ist schon so, dass wir durch unsere Popularität und aufgrund der Masse an Leuten, die wir erreichen, die Bands danach in die Öffentlichkeit setzen. Wir unterstützen sie zwar im ersten halben Jahr durch Auftrittsmöglichkeiten wie „Mountain Mania“ oder „Beach Mania“, aber ab dem ersten Album oder der dritten Singleauskoppelung sind sie dann von uns in die „freie Wildbahn“ entlassen und werden dann wie jede andere Band behandelt. Wenn sie eine gute Nummer haben, werden sie besprochen, ansonsten nicht - es besteht also überhaupt keine Erbschuld oder dergleichen. Bands wie Sirupop, Aschenputtel, Rising Girl oder Shiver bemustern uns mittlerweile genauso wie andere Bands, die nicht beim Bewerb waren. Ansonsten werden sie besprochen, wie alle anderen.
FM5: Hilfe zur Selbsthilfe sozusagen...
S: Na klar, irgendwann haben die dann ja auch alle ihr eigenes Management und ihr eigenes Leben. Wenn wir sie dann weiter an die Kandare nehmen würden, würde uns das erst recht zum Vorwurf gemacht werden - wie etwa bei Starmania, wo die Leute noch drei Jahre lang Abgaben an den ORF zahlen müssen. Wir wollen eigentlich das genaue Gegenteil, klinken uns dann gleich wieder aus und behandeln sie als eigenständige Künstler. Natürlich sind wir da, wenn wirklich mal jemand anruft, aber das machen wir bei anderen Bands wie z.B. Tyler auch. Die in Folge geschlossenen Verträge betreffen ja dann auch nicht Ö3, sondern in diesem Fall konkret den Künstler und die EMI, da schlucken dann schon manche. Viele Gruppen haben ja einerseits irgendwie diese „Indie - Attitude“, wollen aber dann trotzdem auch von der Musik leben, das ist ja schließlich das Wichtigste daran. Tja, da muss man dann eben für sich entscheiden: Was will ich? Trotzdem: Von dem viel zitierten Knebelverträgen keine Spur, im Gegenteil, das waren alles Standard Major - Verträge. Bis jetzt hat´s daher auch keine schlechte Nachrede oder gar Prozesse gegeben.
FM5: Du hast gerade einige österreichische Bands genannt, die auf Ö3 zu hören sind. Wie beurteilst Du die österreichische Musikszene derzeit - auf Ö3 ist sie ja nicht so präsent.
S: Das ist ein Irrtum! Immer heißt es „auf Ö3 nicht so präsent“ - nenn´ mir eine Radiostation außer Ö3 oder einem ORF Radiounternehmen, die Österreicher spielt! Die ganze Privatradioszene negiert österreichische Musik zur Gänze. Wir haben das Comeback von Papermoon eingeleitet, wir organisieren eh, wo´s nur geht. Was Du ansprichst, resultiert eben immer noch auf diesem Vorurteil - damals galt´s allerdings zu Recht - dass wir den Austropop gekillt haben. Trotzdem: Wir können nicht Green Day und Franz Ferdinand auflegen und dazwischen rein dann den Wolfgang Ambros spielen - irgendwann geht sich das nimmer aus. Die jungen, modernen Österreicher, die zwischen Madonna und Kylie Minogue reinpassen, spielen wir eh. Momentan gibt´s eine sehr gute Szene und viel Kreativität, aber dass wir jetzt nicht die 50% Quote erfüllen, das ist logisch. Dann hätten wir wahrscheinlich auch nicht so viele Hörer.
FM5: Könntest Du uns zum Abschluss noch einen kurzen Ausblick geben auf die nächste Saison? Gibt es Aspekte, die ihr stärker mit einbeziehen wollt, wie sehen eure Pläne aus?
S: Also wenn ich ehrlich sein soll: Mein Plan ist, das alles jetzt mal über die Bühne zu bringen und dann auf ein Bier zu gehen (lacht). Dann lass ich die Sache mal ein wenig ruhen, bevor die ersten Feedbacksitzungen, in denen man sich überlegt was gut oder schlecht war, was man besser machen könnte, anberaumt werden. So großartige Strategien für das nächste Jahr stehen daher bis jetzt noch nicht.
FM5: Vielen Dank für das Gespräch!