2009-09-07 13:12:10
Ein Dorf im protestantischen Norden Deutschlands am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Seltsame Unfälle passieren und nehmen nach und nach den Charakter ritueller Bestrafungen an. Wer steckt dahinter? Antwort: Michael Haneke.
Gleich zu Beginn des Films geschieht ein Unglück. Der Arzt
des Dorfes stürzt mit seinem Pferd über einen Draht, der kurz vor seinem Haus
zwischen zwei Bäume gespannt wurde. Eine schwere Schulterverletzung ist die
Folge. Er muss für einen längeren Krankenhausaufenthalt in die Stadt. Natürlich
stellt sich schnell die Frage, wer für diesen perfiden Anschlag verantwortlich
ist, doch Schuldige werden nicht gefunden. Eine Reihe von Anschlägen quer durch
alle sozialen Schichten nimmt ihren Lauf.
Der Teufel ist ein
Eichhörnchen
"Eine deutsche Kindergeschichte" nennt Haneke seinen Film im
Untertitel und gibt damit einen der wenigen Hinweise, wer die eigentlichen
Hauptpersonen des 145 Minuten langen in schwarz-weiß gehaltenen Werks sind.
Denn klassische Hauptdarsteller gibt es nicht. Gezeigt wird der Mikrokosmos
eines protestantischen Dorfs in den Jahren 1913 und 1914; vom Gutsherrn (Ulrich
Tukur) über den Verwalter (Josef Bierbichler) und Dorfpfarrer (bravourös
Burkhart Klausner) bis hin zum einfachen Bauern (Branko Samarovski). Es ist
dabei kein Zufall, dass Frauen in dieser Aufzählung nicht aufscheinen, denn die
Gesellschaft dieser Zeit ist zweifellos männlich geprägt. Obwohl die
Dorfgemeinschaft scheinbar durch die moralischen Werte und Normen des
Protestantismus geformt ist, herrscht hier die Macht des Stärkeren – sei es
rein körperlicher oder aber auch sozialer Natur. Der Arzt (Rainer Bock) lässt
seine Geliebte (Susanne Lothar) zugunsten einer Affäre mit der eigenen Tochter
fallen, während der Pfarrer Ansprüche an seine Kinder stellt, die zu leben er
selbst nicht im Stande ist. Lediglich der etwas naive Dorflehrer (Christian
Friedel), aus dessen Rückschau die Geschichte erzählt wird, erweist sich als menschlich
und charakterfest. Wohl auch deshalb, weil er ursprünglich nicht der
Dorfgemeinde entstammt.
Ein Stück Geschichte
Michael Haneke entschleiert in seinem Film ein Stückchen
Zeitgeschichte für den Zuschauer, ohne ihm einen konkreten Handlungsstrang zu
präsentieren. Im Prinzip hat Das weiße
Band weder Anfang noch Ende. Es ist vielmehr eine Sozialstudie mit
filmischen Mitteln. Gezeichnet wird ein Bild von Unterdrückungsszenarien in
jeglicher Stoßrichtung, das mit einer Tiefenschärfe und Detailverliebtheit
aufwartet, wie man sie im Kino nur selten zu finden vermag. Der Zuschauer wird
regelrecht in die Umstände dieser Zeit hineingezogen und kann sich so den
Ereignissen nicht mehr durch eine kritische Distanz entziehen. Dazu trägt vor
allem das hervorragende Schauspielerensemble, die authentische Rekonstruktion
von Wohnverhältnissen und Kleidern, aber auch Hanekes eigenwillige Kameraführung
bei.
Der autoritäre Blick
Es sind vor allem einzelne Bilder, die dem Zuschauer im
Gedächtnis bleiben und so als Metapher für eine bestimmte Handlungssequenz
stehen. Sei es der Handkuss für die Eltern, das titelgebende weiße Band oder aber
der mit einer Schere getötete Pfarrersvogel, der als Kreuz geformt auf dem
Schreibtisch liegt. Neben diesen einprägsamen Stillleben überzeugen vor allem
Hanekes Kameraeinstellungen. Häufig verwendet er feststehende Bildausschnitte,
die der Handlung nur bedingt folgen, weswegen oft nur das Auditive aber nicht
das Visuelle als Erzählform fungiert. Dies erhöht zum einen die Aufmerksamkeit
aber auch die Einbildungskraft des Zuschauers und damit die Stärke der
einzelnen Szenen. Interessant ist aber auch der Blick der Kamera, der den
handelnden Personen entsprechend eingesetzt wird und sich somit beständig
verändert. Dem Zuschauer werden dadurch keine Ruhepausen gegönnt. Immer wieder
muss er sich zwischen autoritärem und kindlich forschendem Blick neu justieren.
Interessant ist dabei auch das Verhältnis von Schärfe und Unschärfe, das als
handlungsimmanenter Hinweis verstanden werden kann.
Botschaft? Nein
danke!
Eine Botschaft habe sein Film nicht, lässt Haneke in einem
Interview verlauten. Und das ist auch seine große Schwäche. Nach über
zweistündiger Moraltortur lässt sich nur wenig abstrahieren. Dass das
schwächste Glied in der Kette – in diesem Fall das Kind – unter der
Unterdrückung am meisten zu leiden hat, kann nicht verwundern. Auch dass
Unterdrückung in Terrorismus mündet, um wenigstens ein Ventil, wenn schon nicht
eine Möglichkeit zur Zerschlagung der unhaltbaren Zustände zu haben, ist in
unseren Zeiten keine revolutionäre Erkenntnis mehr. Der Blick in die
Vergangenheit zeigt lediglich, dass sich dieses System in allen
Gesellschaftsformen und –größen etablieren muss, wenn Unterdrückung über der
Menschlichkeit steht.
Fazit
Letztlich bleibt ein zwiespältiges Gefühl, gerade auch weil
der Film seit dem Gewinn der Goldenen
Palme in Cannes von den österreichischen Medien in den Himmel gelobt wird.
Möglicherweise scheitert er gerade an diesen hohen Erwartungen. Lohnenswert ist
ein Kinobesuch aber allemal. Der Film regt nämlich zum Nachdenken an, was
heutzutage innerhalb dieses Mediums leider viel zu selten der Fall ist.
KINOSTART: 24. September 2009
Nobody knows the trouble I've seen.
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