2007-04-02 00:12:44
"Ja, das ist mein erstes Buch, in dem niemandem was amputiert wird." - Wolf Haas.
Wolf Haas hat es gewagt und hat keinen weiteren Krimi mit Kommissar Brenner in der Hauptrolle geschrieben. Der Protagonist von „Das Wetter vor 15 Jahren“ heißt Vittorio Kowalski und das Buch ist so etwas Ähnliches wie ein Liebesroman, zumindest wird es als solcher propagiert.
Bis zu Vittorios 15. Lebensjahr fährt die Familie Kowalski jedes Jahr in den Urlaub nach Österreich. Immer zur gleichen Zeit im Jahr, immer in das selbe Bergdorf in Tirol, immer in die selbe Pension. Die Tochter des Hauses ist genauso alt wie Vittorio und der einzige Lichtblick im tristen Urlaubsalltag mit den Eltern: Anni Bonati, ein hübsches und kluges Mädchen, in welches sich Vittorio, wie könnte es auch anders sein, unsterblich verliebt.
Als Herr Bonati, Annis Vater, bei einem Unfall ums Leben kommt, an dem die beiden Kinder nicht ganz unschuldig sind, stellen Vittorios Eltern die jährliche Urlaubsreise ein. Vittorio und Anni verlieren sich aus den Augen.
Aus irgendeinem Zwang heraus, oder vielleicht um diese plötzliche Leere zu kompensieren, sucht sich Vittorio Kowalski ein seltsames Hobby. Er verbringt sein Leben damit, die genauen Wetterdaten eines jeden Tages in Annis Bergdorf auswendig zu lernen.
Wolf Haas: […] Wobei ich sagen muss, dass ich das schon grundsätzlich ganz wunderbar gefunden habe. Dass sich einer mit dem Wetter der Vergangenheit beschäftigt. Gerade das Wetter ist ja so ein Thema, wo uns immer nur zu interessieren hat, wie es morgen wird.
Nach über 15 Jahren des Auswendiglernens nimmt Kowalskis bester Freund dieses seltsame Hobby zum Anlass um Vittorio bei „Wetten dass..?“ anzumelden. Und siehe da, der schüchterne Wetter-Freak Vittorio Kowalski wird sogar Wettkönig und mutiert zum Publikumsliebling. Kurz nach seinem Fernseh-Auftritt bei Thomas Gottschalk trudelt neben allerlei anderer Fanpost auch eine Ansichtskarte von Anni ein. Vittorio, der schon fast vergessen hatte, warum er all die Jahre über das Wetter des kleinen Tiroler Ortes auswendig gelernt hat, macht sich auf den Weg in den Urlaubsort seiner Kindheit, um seine Jugendliebe zu finden.
Wolf Haas: Ich bin eigentlich nicht unbedingt der Meinung, dass Geschichten einen Kern haben.
Literaturbeilage: Aber es lässt sich wohl schwer bestreiten, dass sich die ganze Geschichte um diesen einen Tag rankt, wo Anni und Vittorio in das Wetter geraten sind.
Wolf Haas: Kerne und Ranken – jetzt sind wir mitten in der Botanik.
Wolf Haas wäre aber nicht Wolf Haas, wenn er diese Geschichte einfach erzählen würde. Die Geschichte, wie ich sie hier kurz zusammengefasst habe, entfaltet sich dem Leser mit all ihren verborgenen Details erst sehr langsam, aber unglaublich spannend – fast wie ein Krimi – in einem Gespräch zwischen dem Autor und einer deutschen Interviewerin, die die Literaturbeilage zum Buch verfassen soll.
Amüsant und interessant sind dabei auch die Stellen im Gespräch zwischen Autor und Interviewerin, in denen es nicht unmittelbar um die Story im Buch geht.
Literaturbeilage: […], dieser Phil Collins, dem die falschen Gefühle so sonor aus der Kehle tropfen.
Wolf Haas: Ja, find ich auch.
Und wenn einem Wolf Haas nicht eh schon vor der Lektüre dieses Buches sympathisch war, erfährt man hier einige nette Details über den Autor selbst und seine Art zu arbeiten, die ihn, zumindest in meinen Augen, noch sympathischer machen.
Wolf Haas: […] Das ist überhaupt so bei mir, ich schreib oft ganze Kapitel, nur damit eine Zeile, um die es mir geht, gut motiviert ist.
Wer also nichts von schnulzigen Liebesromanen hält und aus diesem Grund bisher nicht gewagt hat dieses Buch zu kaufen oder sogar zu lesen, dem sei gesagt: Keine Angst, dieses Buch ist alles andere als schnulzig geschrieben und es ist wirklich empfehlenswert.
...und ich wär' hier so gerne zu hause,
denn die Erde ist mein Lieblingsplanet.
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