2007-04-02 00:11:14
Patrick Wolf spielte sich in der Szene zu Wien die Seele aus dem Leib.
Wie viel Leid darf man einem Menschen zufügen? Wie viel Demütigung kann ein einzelner Mensch eigentlich ertragen? Wie lange muss man suchen, um endlich das Glück des Lebens zu finden? Solche tiefgründigen Lebensfragen stellen sich 21-jährige Milchgesichter eher selten. Aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel – und das ist gut so.
Patrick Wolf aus England ist so eine gute Ausnahme. Das Genie veröffentlichte nach dem Debüt Lyncanthropy mit Wind in the Wires bereits sein zweites Album. Auf diesen beiden Meisterwerken führt er das klassische Singer-Songwriting ins 21. Jahrhundert.
Unter diesen Vorzeichen betrat Patrick Wolf mit tief ins Gesicht gekämmten Haaren die Bühne der Szene Wien – bekleidet mit einer schlabbernden schwarzen Hose, die er bis zum Bauchnabel hochgezogen hatte und Schuhen, die an Elvis beste Zeiten erinnerten. Das in Rot und Blau gehaltene Bühnenlicht schien ihn weder nervös zu machen noch zu irritieren. Er wirkte professionell, selbstsicher und routiniert als würde er bereits seit rund 40 Jahren tagtäglich die Bühnen der Welt bespielen.

I`m the tragedy and the heroine...
Wer ist dieser Patrick Wolf, der mit seinen 21 Jahren die Reife eines Greises zu besitzen scheint, jedoch im selben Augenblick ständig wie ein kleines, schüchternes Kind von der Bühne schielt? Ein schräger Vogel mit sehr viel Seele und unglaublicher Altersweisheit.
An diesem Abend ließ der Musterknabe seinen Laptop zuhause. Stattdessen hatte er eine Art Schlagzeugsklaven an seiner Seite. Dieser wurde von Patrick mittels zappeligen Handbewegungen herumdirigiert. Als dieser dann in die Felle hauen durfte, bekamen die Songs einen druckvollen Beigeschmack und entwickelten sich fortan zu Mitwipp-Hymnen. Somit ist klar: Zu Patrick Wolfs Liedern kann man nicht nur mit offenem Mund vor sich hinsabbern und träumen, sondern auch sein Hüften schwingen.

...I am lost and I am rescuing."
In seinen Songs erzählt er von schaurig-schönen Märchen, seinem Leben und seinen Reisen mit dem Zug nach Cornwall. Nichts wirkt dabei eskapistisch oder an den Haaren herbei gezogen. Er sang rebellisch “I'm going to run the risk of being free” oder leidenschaftlich „When beauty was in season Oh! Beauty in season! Endangered by reason. Great love with no law.“ Dabei bespielte der Wunderknabe abwechselnd eine Ukulele (so eine ähnliche hatte ich als Kind auch), die Geige oder ein Klavier. Egal an welchem Instrumentarium sich Patrick an diesem Abend versuchte, es gelang ihm auf beeindruckende Art und Weise, jedem einzelnen Instrument seine wunderbarsten Töne zu entlocken.
Es ist schön, wenn ein Musiker es schafft, den Zuhörer in eine Art absenceartigen Zustand zu versetzen, in dem Glücksgefühle durch schwere Depressionen abgelöst werden und vice versa.
Das haben zuvor bei mir bislang nur wenige Musiker geschafft. Patrick Wolf ist seit vergangenem Freitag einer davon.
Mein Leben befindet sich zurzeit in Bearbeitung. Ich bitte deshalb um etwas Geduld. Danke.
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