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Das Phänomen Globalisierung und der Urknall

2007-04-02 00:10:13

Globalisierung, ein Thema über das viele reden. Doch die Wenigsten wissen seit wann es Globalisierung gibt und was dahinter steckt. Es scheint, als hätte es vor 1995 überhaupt keine Globalisierungskritik gegeben und dennoch ist sie heute nicht mehr wegzudenken. Alles was wir über Globalisierung unbedingt wissen sollten, hat FM5 in einer Hintergrundreportage zusammengetragen.

Vorweg: Die globalisierungskritische Debatte ist kein historisch neues Phänomen, sondern lässt sich in eine längere Tradition der Kapitalismuskritik einordnen. Die globalisierungskritische Bewegung wird strukturell vor allem von historisch als Kapitalismuskritiker bezeichneten Personenkreisen getragen. Begonnen hat dieser Diskussionsprozess im Prinzip bereits mit Karl Marx, der das damalige kapitalistische System kritisch beschrieb, verstummte jedoch im Laufe der 1970er Jahre.

Nach Boltanski/Chiapello kann Kapitalismuskritik nur dann effektiv sein, wenn Sozialkritik und Künstlerkritik sich gegenseitig verstärken. Geschichtlich verstärkten sich Künstlerkritik und Sozialkritik das letzte Mal in der 1968er Bewegung. Danach verstummte die Kapitalismuskritik, bis sie ab etwa 1995 wieder ein Thema von Bedeutung wurde, und seit der Battle of Seattle (1999) auch mediale Breitenwirkung und damit Eingang in einen breiteren öffentlichen Diskurs gefunden hat.

1968er Bewegung und ihre Auswirkungen

„Warum wurde 1995/96 das Jahr der Sweatshops und verwandelte sich schnell in das Jahr der Angriffe auf die Marken? Warum gab es in den Jahren 1974, 1984 oder 1988 keinen nachhaltigen Widerstand und vor allem, warum nicht 1993?“, fragt Naomi Klein (Klein, No Logo, 342) Sie konnte diese Fragen allerdings nicht beantworten.

Boltanski/Chiapello geben in ihrem Werk "Der neue Geist des Kapitalismus" Aufschluss darüber. Die Wurzel zur Lösung dieses Umstands findet sich in der 1968er Bewegung, und der daraus resultierenden erfolgreichen Vereinnahmung der Künstlerkritik und der verstummenden Sozialkritik. Emanzipations-, Autonomie-, und Authentizitätsforderungen wurden teilweise in die postfordistische Wirtschaft integriert. Dies führte dazu, dass die Kritik verstummte. Die Forderungen wurden ab den 1970er Jahren in das Wirtschaftssystem eingearbeitet.

Die 1980er Jahre waren davon geprägt, dass Deregulierungs- und Privatisierungskonzepte eingeleitet wurden. In Europa steht der Name Margret Thatcher als Synonym dafür. Doch damit stieg auch das individuelle Risiko der Menschen, das Risiko aus dem System zu fallen, auch – und vor allem – in den Industriestaaten.

„Die [daraus resultierende] Unsicherheit und die Armut wurden nicht mehr allein als individuelles Leid behandelt, zu dessen Linderung ein persönliches Engagement notwendig wäre. Vielmehr wurden sie als soziale Probleme von größter Wichtigkeit anerkannt, was die Entstehung neuer sozialer Bewegungen bedingte. (...) Die Politisierung der Ausgrenzungsproblematik lässt sich auf den Anfang der 90er Jahre datieren.“ (Boltanski/Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, 386)

Seit Mitte der 1990er Jahre ist es möglich, das Auftauchen einer dritten Welle sozialpolitischer Bewegung festzustellen. (Veltmeyer, The Antinomies of Antiglobalization, 190)

Für Cornelia Staritz, stellvertretende Sprecherin von ATTAC Österreich, lässt sich der Beginn der Globalisierungsbewegung nicht genau datieren. „Ich kann den Beginn eigentlich nicht so genau festlegen, weil es gerade in der Wirtschaftspolitik schon seit den 70er Jahren ein gewisses Unbehagen gab. Es wurde immer nur der eine Weg gesehen, z.B. wurde der Ausdruck TINA (there is no alternative) durch Margaret Thatcher bekannt. Viele Leute haben aber trotzdem Alternativen gesehen, also indirekt gab es diese Kritik schon länger. Direkt gab es dann viele Auslöser: Chiapas, jenen Aufstand in Mexiko, die Finanzkrise in Südostasien.“

Chiapas

Der Aufstand der Zapatistas gilt als Beginn des Widerstandes gegen die ökonomische Globalisierung. Der Chiapas-Aufstand fiel in eine Zeit, in der bereits vom Ende der revolutionären und bewaffneten Linken gesprochen wurde. Dass dieser Aufstand von Indigenen getragen wurde, und diese eine führende Rolle bei der Neudefinition ‚linker’ Politik und alternativer Gesellschaftsmodelle einnehmen konnten, überraschte Außenstehende zunächst. Die Nutzung moderner Techniken wie dem Internet, in Verbindung mit der Behauptung indigener Identität und Lebensvorstellung beeindruckte.
In gewisser Weise vermochte der Aufstand der Zapatistas ‚linken Bewegungen’ wieder eine gemeinsame Klammer zu geben, und ließ sie eine gemeinsame Sprache finden. Widerstand machte Sinn, was die EZLN, die Zapatistische Armee der nationalen Befreiung, bewies. Dieser Aufstand hatte seinen Ursprung in der Wirtschaftspolitik. Um der NAFTA beitreten zu können, musste der mexikanische Staat den Artikel 27 seiner Verfassung ändern. Der Artikel 27 beinhaltete die Möglichkeit des kollektiven Landbesitzes, eine Errungenschaft der mexikanischen Revolution. Der Staat übertrug den indigenen ländlichen Gemeinden Grundstücke, welche an die Bauern weitergegeben wurden. Offiziell blieb damit das Land in Staatsbesitz. Die Gemeinden und damit die zumeist indigenen Bauern hatten allerdings ein unbegrenztes Nutzungsrecht. Durch gemeinschaftlichen Landbesitz wurde die Selbstversorgung der Landbevölkerung sichergestellt. Chiapas, der südlichste Bundesstaat von Mexiko, war traditionell auf Landwirtschaft hin orientiert. Chiapas war folglich einer der großen ‚Verlierer’ der neoliberalen Politik. Dagegen formierte sich Widerstand. Die Zapatistische Armee der nationalen Befreiung (EZLN) nahm den bewaffneten Widerstand auf. Einer ihrer Führer war/ist Subcomandante Marcos.

Das Ziel des Widerstandes war nicht der mexikanische Staat, sondern die globale, neoliberale Wirtschaftsordnung, der sich auch Mexiko verschrieben hatte. Ihren Kampf führen sie stellvertretend für alle Unterdrückten dieser Welt. Es gelang ihnen zum Teil diese Perspektive gängig werden zu lassen, zumindest im desillusionierten ‚linken Lager’.

Sweatshop Kampagne

1995/96 ging als Jahr der Sweatshops in die Geschichte ein. Die Sozialkritik empörte sich über die Ausbeutung der Arbeiter in der Dritten Welt. Die Kinderarbeit für Internationale Konzerne wurde ein Thema. Produkte wie Barbie-Puppen oder Fußbälle wurden von Kindern zu niedrigsten Löhnen produziert. Internationale Konzerne wie Nike, Reebok und Mattel fanden sich der Kritik der Medien und Konsumenten ausgesetzt. Es gab immer mehr Kampagnen, in denen zum Produktboykott aufgerufen wurde. Besonders in den amerikanischen Universitäten fanden die Sweatshop-Kampagnen breite Unterstützung.

Schockierende Fernsehdokumentationen empörten die amerikanische Öffentlichkeit. 1996 erregte eine Dokumentation über Mattel und Disney große Aufmerksamkeit. „Mit versteckten Kameras aufgenommenes Filmmaterial bewies, dass Kinder in Indonesien und China als vertragsmäßige Sklaven gehalten wurden, damit sie ‚Amerikas Lieblingspuppe’ Rüschenkleidchen anziehen.“ (zitiert nach: Klein, No Logo. 338)

In der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre entwickelte sich abseits des Mainstreams, laut Naomi Klein, ein Netz von Umwelt-, Gewerkschafts- und Menschenrechtsaktivisten, die die negativen Folgen der auf Marken beruhenden globalen Wirtschaft zu bekämpfen versucht. Die wachsende Wut gegen die Ausbeutung breiter Gesellschaftsschichten wurde artikuliert.

MAI

War der Aufstand der EZLN und ihre Aufrufe zu einem Kampf gegen den Neoliberalismus das positive Signal, so war das MAI das dazugehörige negative Signal, das einen Widerstand beginnen ließ.
Das Multilateral Agreement on Investment (MAI) vermochte aus mehreren Gründen zu mobilisieren. Die Verhandlungen zum MAI wurden einerseits geheim geführt. Die Parlamentarier und erst recht die Bevölkerung der betroffenen Länder wurden über die Verhandlungen nicht informiert, während der praktisch geheim gehaltene Text kurz vor der Verabschiedung stand. Andererseits hätten die MAI-Regelungen schwerwiegende Auswirkungen auf die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen der Staaten gehabt. Das MAI sollte es Investoren ermöglichen, Nationalstaaten vor Gericht zu bringen.

Es war das MAI, das „in dem zeitlichen Kontext kritische Menschen verschiedenster Gesinnung auf die Problematik des globalisierten Kapitalismus aufmerksam machte: Neben der EZLN (die sich ebenfalls zum MAI äußerte) und der gerade aktiv werdenden PGA gründete sich just zu diesem Zeitpunkt ATTAC, die Initiative für eine Tobin-Steuer, die Spekulationsgewinne besteuern lassen will. Die Idee zu ATTAC geht auf die französische Monatszeitschrift Le Monde Diplomatique zurück (...) Als es auf der Milleniums-Runde der WTO in Seattle zu den ersten von Medien wahrgenommenen Massenprotesten kam, hatten die Protestierenden zu einem großen Teil noch das MAI im Hinterkopf.“ (FAU Münster (ed.), Globalisierung und Widerstand, 27, http://www.fau.org/ortsgruppen/muenster/static/globwid.pdf (12.10.2004))

Medial wurden die Globalisierungskritiker vor 1999 und den Ereignissen in Seattle kaum wahrgenommen. Seattle war die mediale Geburtsstunde der globalisierungskritischen Debatte. Erstmals gelangte die ‚globalisierungskritische Bewegung’ weltweit in die Schlagzeilen und auch ins öffentliche Bewusstsein. Prag, Göteborg und Genua folgten.

Finanzkrisen

Die Asienkrise und die daran anschließenden Finanzkrisen in Russland, Brasilien, Argentinien, Indonesien und der Türkei verdeutlichten eindrucksvoll die Gefahren und Risiken der Globalisierung. Gerade über die aus der Krise resultierenden Erfahrungen formierte sich der Widerstand.

Der Finanzsektor gilt bereits als liberalisiert. Robert Gilpin setzt den Beginn des liberalisierten Währungsmarktes, der erst nach dem Ende des Bretton Woods System entstehen konnte, um 1975. Die Aufhebung der für das Bretton Woods System so entscheidenden Kapitalverkehrskontrollen war die Voraussetzung, dass sich ein freier Kapital- und Finanzmarkt entwickeln konnte. Die Auswirkungen der ersten Ölkrise verstärkten dies noch.

Genau dieser liberalisierte Sektor zeigt, dass globale Wirtschaftssysteme gewisse Probleme mit sich bringen. Spätestens seit der Finanzkrise in Asien 1997 kann man diese Behauptung nicht leugnen, so die Kritiker. Die Asienkrise war eine wesentliche Erfahrung, die zur Stärkung der globalisierungskritischen Bewegung beigetragen hat. Die verstummte Sozialkritik wurde wiederbelebt.

Die Lösungsansätze der internationalen Organisationen auf diese Krise waren keineswegs neu. Den internationalen Wirtschaftsorganisationen, allem voran dem Internationalen Währungsfond, wurde vorgeworfen, dass sie mitverantwortlich dafür waren, dass es zur Krise kam. Der Internationale Währungsfond verschärfte durch Auflagen die Krise:

„Wann immer ein Land die aus Mitteln der Notenbanken der Mitgliedsländer gespeisten Kredite des IWF und der Weltbank in Anspruch nehmen wollte, wurde es eisern auf die gleichen Prinzipien festgelegt: Liberalisierung des Warenmarkts für Auslandsimporte, Privatisierung der Staatsunternehmen, Deregulierung der Märkte für Kapital und Arbeit. (...) Dabei geht es keineswegs darum, die Schuldnernation wirtschaftlich zu stärken und die Lasten bezahlbar zu gestalten.“ (Grefe/Greffrath/Schumann, attac, 36.)

Der IWF hat trotz der Betonung der Notwendigkeit von Maßnahmen zur sozialen Abfederung letztlich die Armen der Region nicht geschützt, wohl aber die westlichen Gläubiger. (Dieter, Die Asienkrise, 96.) Der IWF geht nicht nach sozialen Grundsätzen vor. Die Maßnahmen des IWF lagen nicht im Wohl der Allgemeinheit sondern im Interesse des ausländischen Kapitals.

Seattle

Seattle war der Beginn einer großen Globalisierungsdebatte. Die globalisierungskritische Bewegung genießt seit den Ausschreitungen bei den WTO-Verhandlungen 1999 in Seattle mediale Aufmerksamkeit. Weltweit wurde über Seattle berichtet, über die Gegner, die die Stadt lahm legten. Über 50.000 Menschen demonstrierten gegen die stattfindende WTO-Konferenz. Die Medien begannen sich mit den Argumenten auseinander zu setzen, immerhin schien es viele Menschen zu bewegen. Globalisierungskritische Kundgebungen und Demonstrationen sind seither fester Bestandteil von internationalen Wirtschafts- und Finanztreffen geworden. Die Proteste in Prag, Göteborg und Genua folgten als mediale Großereignisse. In Genua gab es das erste Todesopfer. Carlo Guiliani wurde am 20. Juli 2001 von der Polizei durch einen Kopfschuss getötet.

Porto Alegre

„In fact, World Social Forum [WSF] 2001 will be only the first step, but an entirely new step, which is increasingly finding an echo the whole world over.” (World Social Forum. origins and aims, http://www.forumsocialmundial.org.br/main.asp?id_menu=2_1&cd_language=2

Im Jänner 2001 stellte die Antiglobalisierungsbewegung in Porto Alegre den Widerstand auf eine neue Stufe. „Das neue Jahrhundert beginnt in Porto Alegre“, wusste die Tageszeitung DER STANDARD zu berichten. In der brasilianischen Stadt fand 2001 der erste Gegengipfel zum Wirtschaftsgipfel in Davos statt. In Porto Alegre geht es um den konstruktiven Versuch, den theoretischen und praktischen Rahmen für eine positive Globalisierung neuen Typs zu entwerfen. Eine andere, solidarische und weniger unmenschliche Welt ist möglich, so glaubten die Veranstalter. Porto Alegre wurde deshalb ausgewählt, weil in dieser Stadt ein Erfolg versprechendes, innovatives Demokratieprojekt der brasilianischen Arbeiterpartei umgesetzt wurde, das zur Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Situation geführt hat.

Der Erfolg des WSF ermutigt dazu zur Veranstaltung regionaler Foren auf jedem Kontinent aufzurufen. Dies wurde zum Anlass genommen, von 7. - 10. November 2002 in Florenz ein European Social Forum (ESF) zu veranstalten. In Österreich fand mittlerweile bereits zweimal ein Social Forum statt. Gegenkonzepte werden ausgearbeitet.

Dabei werden immer wieder Gedanken zu einer Reform der internationalen Institutionen der Weltwirtschaft formuliert. So wie diese Institutionen derzeit agieren werden sie abgelehnt. Besonders die derzeitigen Formen der Entscheidungsfindung innerhalb der Weltbank, des IWF und der WTO stehen im Kreuzfeuer der Kritik. Generell besteht eine tiefe Skepsis gegenüber diesen Organisationen.

Globalisierungskritik ist kein linearer Weg

Doch Globalisierungskritik verstärkt sich nicht laufend. Die Globalisierungskritik hat auch reale Rückschläge erfahren. Einer dieser Rückschläge war definitiv der Rücktritt von Oskar Lafontaine als Wirtschaftsminister in Deutschland. Doch kommen wir damit zu einem ganz anderen Themengebiet.

Für alle die mehr erfahren wollen, die sollten sich meine Diplomarbeit besorgen.

Martin Aschauer, Das Phänomen Globalisierung. Warum das Jahr 1995/96 das Jahr der Sweatshopsbewegung wurde. Das PDF-File von der Arbeit kann käuflich erworben werden. Einfach ein Mail an redaktion@fm5.at schicken.

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AutorInnen

Martin Aschauer

Martin Aschauer

Ich gehöre zu den Personen die von Anfang an dabei waren. In FM5 steckt nicht nur viel Zeit sondern auch ganz persönliches von mir. Im Moment habe ich mich ans Doktorat gemacht. Ich gehöre wohl zu den Personen, die nie Zeit haben...

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