2007-04-02 00:11:25
Mit „No Balance Palace“ legt die dänische Rockband Kashmir ein detailverliebtes, düsteres und in sich geschlossenes Album vor. Anlässlich ihres Konzertes in Wien, sprach das Freie Magazin FM5 mit dem Bassisten Mads Tunebjerg und Schlagzeuger Asger Techau über das neue Album – und aus aktuellem Anlass auch über die Mohammed-Karikaturen einer dänischen Zeitung.
Alles dreht sich im Moment um Dänemark. Noch nie ist der Name des kleinen europäischen Landes so dermaßen oft in diversen Medien gefallen wie das derzeit der Fall ist. Beinahe tagtäglich sieht man in den Nachrichten eine brennende dänische Flagge. Grund für diese, mit viel Emotion und (zum Teil) blindem Hass geführten Diskussionen sind die, in einer rechts-konservativen dänischen Zeitung erschienen Mohammed-Karikaturen. Dieses heiße Thema wird an dieser Stelle später noch einmal aufgegriffen – und zwar von der dänischen Band Kashmir.
Das Kashmir-Quartett besteht aus Kasper Eistrup, Mads Tunebjerg, Asger Techau und Henrik Lindstrand. In ihrer Heimat genießen sie bereits seit Jahren Heldenstatus und beinahe jedes Konzert der sympathischen Jungs ist bereits Wochen vorher ausverkauft. Mit ihrem aus dem Jahre 2003 stammenden Studioalbum „Zitilities“ machten sich Kashmir auch außerhalb der dänischen Grenzen einen Namen. Nun sind sie mit einem neuen Album am Start.
Das mit „No Balance Palace“ betitelte Album wurde in Dänemark bereits im Oktober des Vorjahres veröffentlicht. Mit rund vier Monaten Verspätung kann man es nun seit dem 03. Februar 2006 auch offiziell in Österreich erwerben. Produziert wurde es – wie auch die Alben zuvor – im „Sun Studio“ in Kopenhagen. Für die Rolle des Produzenten konnte man diesmal einen alten Hasen des Musikbusiness engagieren – nämlich Tony Visconti. Dieser drückte schon Musik-Kalibern wie David Bowie, T-Rex oder Thin Lizzy seinen ganz persönlichen Stempel auf.
Welchen Einfluss Tony auf die Musik von Kashmir hatte, fragte ich Mads und Asger beim Interview vor ihrem Konzert am vergangenen Samstag in der Szene Wien.
Mads: Er hat uns beobachtet und sich sehr mit unserer Musik auseinandergesetzt. Tony ist sehr gut im arrangieren und kreieren von Sounds und hatte wirklich großartige Ideen.
Diese wurden dann gemeinsam mit der Band umgesetzt. Der Dreh- und Angelpunkt der Band ist Sänger Kasper Eistrup. Der Mann mit dem traurigen Dackelblick schreibt die Texte, schrammelt an seinen unzähligen Fender-Gitarren herum und betätigt sich auch stets künstlerisch bei der Gestaltung der CD-Covers.
Können sich die anderen Bandmitglieder mit den Lyrics von Kasper identifizieren?
Mads: Er ist der Sänger und deshalb muss sich vor allem er damit identifizieren können. Natürlich diskutieren wir die Lyrics untereinander, aber im Grunde genommen sind wir sehr glücklich mit den Texten, die Kasper schreibt.
Asger: Er ist sehr gut im Einfangen des Band-Geistes und das macht es für uns sehr einfach, mit diesen Texten zu arbeiten.

Henrik Lindstrand
Von schwarzen Häusern und dem Fluch, ein Mädchen zu sein
Inhaltlich sind die zentralen Themen, die in den Songs verarbeitet werden, breit gefächert. Erzählt werden Eindrücke und Erfahrungen, die Kasper in seinem Umfeld aufsaugt. Laut Mads „ist er ständig mit dem Schreiben von neuen Texten beschäftigt.“
Aber steckt hinter „No Balance Palace“ eine Art zentrale Aussage?
Mads: Hinter jedem einzelnen Song verbirgt sich eine ganz eigene Botschaft, die sich mit einer bestimmten Thematik auseinandersetzt. Es gibt so etwas wie ein einheitliches Gefühl, das sich durch das Album zieht. Aber es ist sehr schwer, das auf eine Aussage zu konzentrieren. Im Allgemeinen dreht es sich um unsere eigene Generation und um die Gefühle und Ängste die damit verbunden sind.

Mads Tunebjerg
Kashmir ist eine Band, die mit ihren Songs einen Zustand herbeiführt, der irgendwo zwischen energetischer Hoffnung und phlegmatischem Trübsal verankert ist. Die vier Jungs versuchen innerhalb ihrer Songs ständig neue Gefühlstüren aufzustoßen. Erreicht wird das vor allem durch den oftmaligen Wechsel des Tempos: Was noch mit einer minimalistisch-verhallten Synthesizer-Fläche beginnt, endet in einem ausufernden Gitarrengewitter. Durch diese Art der Arrangements gelangt man fortwährend in eine andere Emotions-Etage. Letztendlich landet man durch dieses Gefühls-Jumping in einem Raum voller alles erfüllender Melancholie.
Ist eure Musik ein Abzugbild eures Lebens?
Mads: Na ja, die Melancholie spiegelt sich hauptsächlich in der Musik wieder. Wir sind nicht vollkommen glücklich im Leben, aber wer ist denn das heutzutage schon. Tatsächlich gibt uns die finstere Seite unserer Musik Energie und macht uns auch zufrieden. Kasper liebt es, während er die Texte und Songs schreibt, mit seinen Gefühlen zu spielen.
Asger: Mit melancholischer Musik kann man seinen Gefühlen freien Lauf lassen, was wiederum – langfristig gesehen – zu einer etwas positiveren Lebenseinstellung führt.

Kasper Eistrup
Wall of Sound
Kashmir vermittelt in „No Balance Palace“ eine von ihnen bislang eher nur partiell eingesetzte, düstere Stimmung. Diese wird mittels verhallten Gitarren, einem die Tiefe erforschenden Bass, kryptischen Synthesizer-Flächen und einem zwischen Weinkrampf und Zuversicht angesiedeltem Gesang vermittelt. Das ergibt ein rund 45 Minuten dauerndes Gesamtwerk, das sich wesentlich mehr experimenteller Elemente bedient, als die vier Alben zuvor. In die Liste der Produktion haben sich auch zwei weitere Herren eingetragen. Dabei handelt es sich um niemand geringeren als David Bowie und Lou Reed(!). Erster singt bei „The Cynic“ eine Strophe, zweiter gibt in „Black Building“ mit Teufelsstimme sprechend ein Gedicht von Kasper Eistrup zum Besten. Dabei wird der finstere Grundtenor durch etwas billig wirkende Horror-Film-Geräusche verschärft.
Wie war die Zusammenarbeit mit Bowie oder Reed. Seid ihr euch überhaupt begegnet?
Asger: Ja, Mads sah Bowie!
Mads: Ja, Kasper und ich flogen nur zu zweit nach New York, um die Kosten in Grenzen zu halten. Es war wirklich toll und interessant David Bowie zu treffen und seine Meinung zu hören. Es endete damit, dass Bowie sich mit seinem I-Pod im Studio als DJ versuchte. Das war wirklich lustig. Er ist wirklich sehr freundlich.
Asger: Lou Reed sahen wir dann alle, aber wirklich nur ganz, ganz kurz. Er sagte lediglich: ’Hi, I´m Lou’ und ging danach in das Studio und machte drei Aufnahmen. Danach sagte er: ’Bye guys, that´s it’.
Betrachtet man die Songliste von „No Balance Palace“, springt einem„Diana Ross“ besonders ins Auge. Ist dieses rund zehn Sekunden lang dauernde Intermezzo der Disco-Soul-Queen gewidmet, und wenn ja, warum?
Asger: Na ja, es ist eine Art liebenswürdige Erinnerung an Diana Ross.
Mads: Wir probierten gerade ein paar Sounds aus, als Kasper plötzlich sagte, dass ihn das irgendwie an Diana Ross erinnere. Für mich ist es eine Art Soundtrack für ihr persönliches Leben.
Zum Abschluss des Interviews bat ich die beiden noch um eine kurze Stellungnahme zur derzeitigen Diskussion rund um die Mohammed-Karikaturen einer dänischen Zeitung.
Sollte sich die dänische Regierung bei der muslimischen Bevölkerung entschuldigen?
Mads: „Im Allgemeinen ist es keine gute Idee, irgendwelche Zeitungen zu zensurieren, aber ich glaube, die dänische Regierung sollte sich entschuldigen, sie sollte sagen, dass wir diese Karikaturen nicht unterstützen. Wir stehen nicht für diese Art der Politik. Aber das Problem ist, dass sich die Debatte zwischen den Christen und Muslimen in Dänemark immer mehr zuspitzt. Die Dänen sind zum Teil paranoid und glauben, die Muslimen nehmen ihnen ihre Kultur weg. Dänemark gab den Anstoß für diese Diskussionen. Jetzt sollten wir daraus lernen und zwischen diesen beiden Kulturen Brücken schlagen, anstatt den anderen ständig zu ärgern und zu beleidigen.
Ich meine das aus tiefstem Herzen, weil in Dänemark und im restlichen Europa die Diskrepanz zwischen Christen und Muslimen immer größer wird.
Asger: Ich glaube, es läuft alles auf einen Idioten von einer Zeitung hinaus, der die Konsequenzen seiner Arbeit nicht abgeschätzt hat. Das bringt nun einen Trott voller Probleme. Und danach ist man nicht Manns genug, sich zu entschuldigen.
Mads: Es sollte ein wenig mehr Diplomatie herrschen. Aber interkulturelle Spitzfindigkeit ist leider nicht die Stärke unseres Premierministers.
Alle Live-Fotos von Kashmir: Florian Wieser/Musicnet
Mein Leben befindet sich zurzeit in Bearbeitung. Ich bitte deshalb um etwas Geduld. Danke.
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