2007-04-19 17:03:03
„Ein Engel geht durch den Raum“ „Wieso?“ Das sagt man bei uns, wenn es plötzlich ganz still wird.“ „Bei uns sagt man dann, ein Polizist wird geboren.“
„Ein Engel geht durch den Raum“ „Wieso?“ Das sagt man bei uns, wenn es plötzlich ganz still wird.“ „Bei uns sagt man dann, ein Polizist wird geboren.“ Zwei Metaphern treffen aufeinander und genau darum geht es Dinev in seinem Theaterstück: Gastarbeiter trifft auf Arbeitgeber. Es handelt vom Unterschied der Kultur und um die Zuschreibung von guten und schlechten Charakteren, die sich schließlich vermischen sollen.
Daidolos, der größte Architekt der Antike, jener Daidolos, der das Labyrinth des Minotaurus baute und den Traum vom Fliegen in die Wirklichkeit umsetzte, war ein Gastarbeiter. Ebenso wie Dinev selbst, der von Bulgarien nach Österreich emigrierte, während Daidalos aus Athen stammte und gezwungen war, ins Exil nach Kreta zu gehen. Dort trifft er auf König Minos, den scheinbar großzügigen, ja, gerechtesten Mann seiner Zeit, die Apotheose der Gerechtigkeit. Hier ist wohl der Schnittpunkt, der die Geschichte so aktualisiert. Wäre jemand so gerecht, dass kein Mensch ihn verurteilen könnte, wäre er dann noch menschlich?
Doch bereits zu Beginn des Stücks wird klar, dass jener Richter in seiner Selbstgefälligkeit die Folgen seines Handelns nicht mehr richtig einschätzen kann. So möchte er für seinen Sohn, eine scheinbar diabolische Gestalt die „Gut“ und „Schlecht“ nicht unterscheiden kann, ein Haus bauen lassen, in dem er in Freiheit leben kann. „Sie verwechseln Freiheit mit Sicherheit“, antwortet ihm darauf Daidalos.
Gaston Bachelard meint, dass alles Leben erst im abgeschlossenen Raum, also in einem Zuhause, anfängt. Erst später wird eine Grenze überschritten, nach der man auch die Außenwelt einzubeziehen lernt. Das Haus ist also „der Winkel zum Kosmos der Welt“, der Beginn poetischer Räume. Minos enthält seinem Sohn das Überschreiten der Grenze zur Außenwelt vor, im Glauben, dabei etwas Gutes zu tun.
Daidalos nimmt schließlich Minos Auftrag zum Bau eines Hauses in der Form eines auswegslosen Labyrinths an. Mit dem szenisch sehr bewegt dargestellten Bau entsteht das Gefühl, dass sich die Darsteller immer mehr in diesem Labyrinth verlieren und selbst den Zugang zum „Kosmos der Welt“ verlieren.
Auf dem antiken Mythos vom Minotaurus beruhend, schreibt Dimitré Dinev ein Stück, das in der Moderne angesiedelt ist und die Aktualität der griechischen Mythen einmal mehr unter Beweis stellt. Ob es ihm gelingt, ist sicherlich Ansichtssache, jedenfalls ist es ein Stück, das ausgesprochen unterhaltsam und kurzweilig eine Geschichte erzählt, in der wir alle mitspielen könnten. Manchmal vielleicht derart kurzweilig, dass Slapstick und Theater in eine leidige Ähnlichkeit mit Mitten im 8ten tritt.
Leidig vor allem dann, wenn die Thematik auf der Zunge brennt: Wie Bert Brecht in seinem Gedicht Fragen eines lesenden Arbeiters, fragt Daidalos an Minos gerichtet: Wer hat denn eure Häuser gebaut?“ Er verweist damit direkt auf die fehlende Anerkennung für Gastarbeiter und das nicht vorhandene Bewusstsein für die gemeinsame Geschichte. Im Stück treten zwei Straßenmusikanten, offensichtlich selbst Migranten, als die physische Manifestation dessen auf. Und schließlich verliert Minos die Geduld, als sich seine Tochter mit einem Mitglied der Unterschicht (zum Schein) verlobt und Minos auf einer Feierlichkeit provoziert. Dadurch offenbart sich der Unterschied zwischen dem was „Gut“ ist, dem was „Gut gemeint“ ist und der „Realität“.
Hier liegt wohl der Verdienst von Dimitré Dinev, indem er das Stück in die Gegenwart holt, entdeckt er, dass die Menschen, damals wie heute, von ähnlichen Motiven gelenkt werden. Hier findet sich auch die europäische Idee wieder, die Antike als Ursprungskultur für ganz Europa. Minos fungiert als Metapher Europas, welches sich als Festung Europa einzuigeln droht. Dafür (oder dagegen) findet Dinev, ganz alltäglich und banal, eine Poesie der Wirklichkeit.
Das Haus des Richters
Regie: Niklaus Helbling
Das Stück wird noch am 21. April sowie am 1., 15., 17., 21. Mai im Akademietheater aufgeführt.
Fotos © Reinhard Werner, Burgtheater
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