2007-04-02 00:10:11
Wolfgang Zinggl -Nationalratsabgeordneter und Kultursprecher der Grünen- im Gespräch über Kunst, das Depot und Hallodri-KünstlerInnen.
Das Depot wurde 1994 von Stella Rollig gegründet. Auf nicht einmal 50 m² entstand ein Ort für Kunstschaffende und RezipientInnen, Fachpublikum und erweiterte Öffentlichkeit. Nach dem Konzept des international anerkannten Depots entstanden weltweit ähnliche Institutionen, zB in New York, Hamburg, Berlin und Stuttgart. Aber die Themen gehen über den Tellerrand der Kunsttheorie hinaus. Anstatt nur Kunst zu löffeln, gilt es auch gesellschaftspolitische Inhalte zu transportieren und zu diskutieren. Die Form der Veranstaltungen reichen von Vortragsreihen, Podiumsdiskussionen über Workshops und Seminare. Wolfgang Zinggl leitete das Depot von 1997 – 2004, nun ist er Nationalratsabgeordneter und Kultursprecher der Grünen. FM5 sprach mit dem Herrn, der Aktivismus liebt, über das Depot, Kunst, Kultur und Hallodri-KünstlerInnen.
FM5: Mitte dieses Jahres übernahm Eva Brückner das Depot. In welchem Zustand wurde es ihr übergeben?
Die finanzielle Lage ist schlecht. Folglich ist natürlich die Umsetzung der Vorstellungen etc. im Depot schwieriger, aber es wird versucht so gut es geht weiter zu machen. Die finanzielle Krise besteht seit einigen Jahren. Im Jahr 2000 begann die Regierung die Gelder sukzessive zu kürzen und mittlerweile ist die Stadt Wien alleiniger Sponsor. Mit einer Summe von 150.000 Euro finanziert das Depot die rund 140 Veranstaltungen pro Jahr, im Vergleich zu anderen Institutionen ein geringer Betrag. Wir haben aufgehört zu jammern, aber sollte kein Regierungswechsel kommen - sehe ich für das Depot schwarz.
FM5: Wie international sind die Veranstaltungen im Depot wirklich?
Die Internationalität ist für das Depot ein großes Problem. Die Gelder fehlen und so können Reisekosten, Übernachtungen etc. nicht bezahlt werden. Bis zum Jahr 2000 konnten wir Honorare an die Vortragenden zahlen, das ist jetzt alles weg. Die Leute tragen gratis im Depot vor und somit ist die Internationalität natürlich nicht in dem Ausmaß vorhanden wie wir es gerne hätten.
FM5: Leidet dabei nicht auch die Qualität der Vorträge?
Nein. Das Programm ist nicht mehr so international wie noch vor wenigen Jahren, aber in Österreich ist das Depot eine Institution und wir wissen, dass die Leute sehr gerne im Depot vortragen. Die Qualität leidet zumindest im deutschsprachigen Raum nicht. Davon kann man sich selbst überzeugen, wenn man hingeht und zuhört.
FM5: Kristallisierten sich in ihrer Periode Themenschwerpunkte heraus, die besonders oft behandelt wurden?
Damals war es ein 40 m² großer Raum für die Kunst und Kunsttheorie, verbunden mit kleinen Ausstellungen. Als ich das Depot 1997 übernommen habe, übersiedelten wir in das MQ auf 360 m². So kam es nicht nur zur räumlichen sondern auch zur thematischen Vergrößerung. Zuerst behandelten wir ausschließlich kulturelle Themen und danach konzentrierten wir uns stark auf die Gesellschaftspolitik.
FM5: Sie haben einmal gesagt: „Kunst ist ein Begriff der sich mit jeder Gemeinschaft verändert, die sich dieses Wortes bedient.“ Wie denken sie definiert die österreichische Regierung Kunst zurzeit für sich?
Es ist schwer etwas für jemanden zu definieren. Ich kann es nur so beschreiben wie ich es persönlich erlebe. Ich erlebe eine Art Kunst, die vor allem den wirtschaftlichen Aspekt sieht. Eine Vorstellung ist dabei, dass sich die Kunst und Kultur der Wirtschaft unterordnet und Teil der Wirtschaft ist.
Ganz eine andere Vorstellung ist die Repräsentative. Die Kunst wird in jeder Regierung zu repräsentativen Zwecken genutzt, ausschlaggebend ist aber in welchem Ausmaß. In der Ära Kreisky zum Beispiel ging es auch um Repräsentation, aber da gab man den Künstlern und Künstlerinnen viel Geld, um die Szene zu beleben und brüstete sich damit. Es war im Interesse aller.
Heute, oder sagen wir morgen, denn im nächsten Jahr werden wir das besonders heftig erleben, dient Kultur in erster Linie dazu, irgendwelche Leistungen der Regierung oder der Österreicher und Österreicherinnen hervor zu streichen, Identität zu stärken und sich über die Kultur selbst zu beweihräuchern. Diese Art von Nabelschau ist natürlich eine Funktion von Kunst und Kultur, aber sicher nicht meine.
FM5: Sie sehen Kunst auch als eine aktive Mitgestaltung unseres Zusammenlebens, das Erbringen konstruktiver Vorschläge und Modelle. Solche Einstellungen sind auch im Depot von großer Bedeutung. Konnten sie das in ihrer Periode umsetzen?
Selbstverständlich. Das kann man an Hand des Programms ganz deutlich erkennen. Vor allem aber auch daran, dass diese Art des künstlerischen Schaffens heute präsenter ist als vor 1996/97.
FM5: Warum wird Kunst häufig mit diesem, wie sie einmal selber gesagt haben „Hallodri-Dasein“ in Verbindung gebracht. Wo liegen da wirklich die Wurzeln und hat sich da schon etwas verändert, an diesen bohèmischen Zügen? Und konnte das Depot etwas dazu beitragen, der Kunst diesen Mythos des „Hallodri- Daseins“ zu nehmen?
Diese Aussage machte ich Ende der 90er Jahre. Mit dem zunehmenden Sparkurs, nicht nur in Österreich sondern weltweit, ist das „Hallodri-Dasein“ weit eingeschränkter als noch in den 90er Jahren. Damals hatte man das Gefühl, dass sehr viele Künstler und Künstlerinnen ein besseres, leichteres Leben führen können. Mir war eine solche Einstellung aber immer irgendwie suspekt.
Erstens weil diese künstlerischen Freiheiten direkt mit den wirtschaftlichen Gegebenheiten korrelierten, sprich: Bei Hochkonjunktur kann leicht in „Saus und Braus“ gelebt werden, sobald der Gürtel aber enger geschnallt wird ist es vorbei.
Zweitens war mir auch diese Selbstgenügsamkeit der Künstler und Künstlerinnen suspekt.
FM5: Ihnen liegt es praktisch am Herzen, dass Kunst - wie sie jetzt wahrscheinlich von der durchschnittlichen Bevölkerung gesehen wird - nicht nur zur Schaffung ästhetischen Materials dient, sondern auch als ein Aufschrei gesellschaftlicher Missstände?
Ich würde sogar noch weiter gehen. Die Ästhetik war eine Sache in den 70, 80, 90ern. Kunst musste mit Ästhetik zu tun haben. In der Zwischenzeit hat sich herumgesprochen, dass die Kunst auch Inhalte transportiert. Aber ich würde sogar noch weiter gehen. Ein Aufschrei ist mir zu wenig. Warum sollen Künstler und Künstlerinnen sich nicht wirklich ganz konkret und aktiv in die Gesellschaft einmischen? - Im Sinne einer Veränderung nicht nur im Sinne eines Aufzeigens.
FM5: Also Aktivismus?
Ja Aktivismus. Vielleicht ist ein Plakat gut und richtig, aber manchmal ziehen sich Künstler und Künstlerinnen zurück und befreien sich sozusagen von dieser Schuld fast nichts getan zu haben, indem sie ein schönes Bild malen, ein Video drehen oder ein Theaterstück vorführen und dann darauf hinweisen, wie schlecht die Welt ist. Das ist mir eben manchmal zu wenig.
FM5: Geld und Kunst, wie passen diese Begriffe für sie zusammen?
Geld und Kunst? Das ist ungefähr so, wie wenn ihr mich fragt wie die Begriffe Wasser und Liebe zusammenpassen. Ich kann das alles nur konstruieren. Geld und Kunst sind natürlich irgendwie miteinander verbunden, aber nicht so wie es häufig gesehen wird. Ich habe viele Vorträge zur Kunst gehalten, sehr oft kommt nachher die Wortmeldung, dass die Qualität der Kunst sich über den Marktwert ergibt und daran gemessen werden kann. Das sehe ich eigentlich nicht so. Dieser Maßstab ist nur eine Möglichkeit des Messens. Es gibt einfach Dinge, die nicht bezahlt werden können. Sie haben einen Wert, der nicht in Geld gemessen werden kann.
Kunst ist natürlich ein Werkzeug der Gesellschaft. Wir sind alle angehalten - ob wir wollen oder nicht - unbewusst dieses Werkzeug einzusetzen.
Ich glaube, in der Kunst gibt es das Prädikat einer Gesellschaft. Wir bewerten eine bestimmte Sache als Kunst. Damit treten wir in einen gesellschaftlichen Diskussionsprozess ein. Das hat mit Geld ein wenig zu tun, aber nicht sehr viel.
FM5: Bleiben wir gleich bei Geld. Noch einmal zurück zu den Finanzierungen. Die Mittel sind zurückgegangen und zwar nicht nur aus Gründen der Sparmaßnahmen. Würden sie sagen, dass das ein Armutszeugnis für die österreichische Kulturlandschaft darstellt und wenn ja, wie wird das vom Ausland aus beurteilt?
Es gibt kaum ein Land, das so viel für Kultur und Kunst ausgibt wie Österreich. Der österreichische Staat liegt damit im Spitzenfeld. Österreich gehört ja zu den reichsten Staaten der Welt. Aber ich denke, dass das gar nicht so entscheidend ist. Ich glaube im Moment wird sehr viel in Großereignisse, in Spektakel, in Festivals, in Festwochen usw. investiert und wenn das Geld anders verlagert würde, könnte mit den gleichen Summen noch einmal sehr viel in anderen Bereichen der Kunst und Kultur gewonnen werden.
Am 15. November ist FM5 zu Gast im Depot. Ein Vortrag über FM5 und der Musikplattform nolabel - die bald online gehen wird.
Ich gehöre zu den Personen die von Anfang an dabei waren. In FM5 steckt nicht nur viel Zeit sondern auch ganz persönliches von mir. Im Moment habe ich mich ans Doktorat gemacht. Ich gehöre wohl zu den Personen, die nie Zeit haben...
Newsfeed von Martin Aschauer abonnieren