2008-01-11 22:36:49
ProSieben hat sich die Rechte von Doctor Who angeeignet. Wie viel Geschichte und britische Identität sich hinter dem Titel verbirgt.
Es beginnt mit einem London-Aufenthalt und dem dortigen
Hotelzimmer. Keinen halben Quadratmeter Platz zwischen Bett und Tür, aber eine
große Glotze: Willkommen im 21. Jahrhundert.
„There's a strange man in my bedroom.“
Der Versuchung nachgebend zappe ich durch die Kanäle und stoße auf eine
Vorschau:
Ein schlaksiger Herr in Nadelstreif und Converse-Tretern, mit einer Blondine an
seiner Seite, redet hektisch von Abenteuern und Entdeckungsreisen. Im
Hintergrund bunte Wirbel und Science-Fiction-Kulisse.
What the…?, frage ich mich und präge mir den ohnehin leicht zu merkenden Titel
ein: DOCTOR WHO.
„It won't be quiet, it won't be safe, and it won't be calm.
Meine erste Annahme war, dass es sich um ein Infotainment-Format im Stil von Galileo oder Nano oder wie sie nicht alle heißen handelt. Ich hätte nicht
weiter daneben liegen können.
Wieder auf heimatlichem Boden angekommen mache ich mich auf
gut Glück an die Beschaffung der 2005er-Staffel dieser mysteriösen Serie (wie
genau, das überlasse ich Ihrer Vorstellungskraft). Währenddessen Überfliegen
der ersten paar Absätze des (umfassenden) Wiki-Artikels:
Kult seit 1963, eine Art britisches Star Trek, dort
so bekannt wie hier der Kottan – selbst wer die Serie noch nie gesehen
hat, dem ist zumindest der Titel ein Begriff.
„Did I mention it also travels through time?“
Der Vergleich mit Raumschiff Enterprise ist allerdings leicht
irreführend. Anders als bei den Raumschiffgeschichten bewegt sich das
bevorzugte Transportmittel nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die
Zeit.
TARDIS, so der Name des Schiffs, steht für „Time And Relative
Dimension(s) In Space“, und es sieht aus wie – eine ausgediente Telefonzelle?
Keine Sorge, alles nur Tarnung.
Der Besitzer der blauen Police Box wird immer nur als The Doctor vorgestellt.
Deswegen die Frage: „Doktor und wie weiter?“ „Doctor… WHO?“
Sein menschliches Äußeres täuscht
ebenso wie die Telefonzelle. The Doctor ist ein über neunhundert Jahre alter
Außerirdischer, der sich im Fall der Fälle auch regenerieren kann, nach so einem
Prozess aber anders aussieht als vorher. So rechtfertigt sich auch die nach
Bedarf wechselnde Besetzung der Hauptrolle: Dem offziellen Serienkanon nach
spielten bis jetzt zehn verschiedene Darsteller den Doctor.
Ebenfalls mit von der Partie ist ein
menschlicher Begleiter (häufig eine BegleiterIN).
„Oh, suddenly the entire world
revolves around you?“
Die Serie lief ursprünglich von 1963
bis 1989, zumeist im Vorabendprogramm, wo sie häufig zum familiären Ereignis
wurde (und jetzt wieder ist):
So mancher jetzt erwachsene Zuschauer berichtet mit glänzenden Augen, wie er
oder sie sich damals ab und zu vor Schrecken hinter der Couch versteckt hat,
wenn es zu spannend wurde (ich sage nur: Gasmasken-Kinder und
Uhrwerk-Androiden).
1996 wurde ein Film gedreht, der zugleich als Pilot für eine Neuaufnahme der
Serie dienen sollte. Dazu kam es aber nie, und es sollten neun weitere Jahre
vergehen, ehe neue Folgen von Doctor Who ausgestrahlt wurden.
2005, sechzehn Jahre nach Stilllegung, rollte das PR-Ungetüm Doctor Who wieder
los. In der begehrten Hauptrolle der manchen vielleicht aus 28 Days Later bekannte Christopher Eccleston – der erste Darsteller des Doctors, der jünger
ist als die Serie selbst.
„I changed my body - every single cell, but... still me.“
Eccleston unterschrieb nur den Vertrag für eine einzige Staffel, die Gründe
hierfür sind umstritten.
Danach übernahm Nadelstreif-und-All-Stars, der Schotte David Tennant
(hierzulande bekannt aus dem vierten Harry Potter-Film. Stichwort:
Barty Crouch). Eine verantwortungsvolle Aufgabe für ihn, da auch er zu den
Kindern von damals gehört, die keine Episode ausgelassen haben – Aufstieg vom
Fan zur Verkörperung der Kultfigur.
„If you’re an alien... how come you sound like you’re form the North?“ –
„Lots of planets have a North!“
Wer die erste Folge schrecklich findet, dem sei geraten, sich trotzdem noch die
zweite oder dritte anzusehen. Ich war anfangs auch mehr als skeptisch, denn:
Die Handlung entbehrt meistens sämtlicher Logik (und physikalischer Grundlagen),
die Erzählstränge haben mehr Löcher als Schweizer Käse, und daran muss man sich
erst einmal gewöhnen.
Der eigentliche Charme der Serie
kommt zu großen Teilen von den Dialogen und deren Ausführung, als auch von der
Vielfalt an Schauplätzen, bizarr-grotesken Monstern und Geschichten. Fast jede
Episode spielt in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort (obwohl England aus
irgendeinem Grund bevorzugt wird, warum wohl…).
Es bleibt nur zu hoffen, dass die deutsche Synchronisation dem Witz des
Originals gerecht wird.
Auf den Bildern zu sehen: TARDIS; DW-Logo; Christopher Eccleston; Billie Piper; Szenenausschnitt; David Tennant
Sprachterroristin, Musikjunkie.
Musikterroristin, Sprachjunkie.
Beschauliches
Newsfeed von Agnes Wieninger abonnieren