Um einem Kind das Leben im schwierigen britischen Pflegeelternsystem zu ersparen, gerät eine Hebamme in Konflikt mit der russischen Mafia. Mit „Eastern Promises“ gelingt David Cronenberg wieder ein Meisterwerk.
David Cronenberg ist nicht nur Cineasten ein Begriff. Mit seinem Film Die Fliege hat er Mitte der 80er Jahre vielen Teenagern das Grauen gelehrt. Der Regisseur zählt zu den wichtigsten Begründern des Bodyhorror, eines Genres des Horrorfilms, das sich mit körperlichen Anomalien auseinandersetzt.
Während in Die Fliege Mensch und Fliege ineinander verschmelzen, beschäftigt sich eXistenZ mit Mensch und Computer. Das Individuum ist mit einem so genannten Bioport an eine Konsole angeschlossen. In der virtuellen Realität muss der Spieler nach bestem Gewissen handeln, in der Realität ist das Videospiel direkt mit seinem Organismus verbunden.
London - Stadt der Gauner und Halunken
Seine neueste Geschichte siedelt Cronenberg in London an. Das Drehbuch zu Eastern Promises wurde von Steven Knight geschrieben, der bereits zu Stephan Frears Dirty little things, welcher auch in London spielt, die Vorlage bot.
Die Hebamme Anna Khitrova (Naomi Watts) muss zusehen, wie eine 14jährige Mutter bei der Geburt ihres Kindes stirbt. Um dem Kind das triste Leben in Pflegefamilien zu ersparen, versucht Anna die Verwandtschaft des Mädchens ausfindig zu machen. Einziger Anhaltspunkt ist das Tagebuch des Mädchens, auf Russisch. Obwohl Annas Vater selbst Russe war und ihr Onkel Stephan (Jerzy Skolimowski) guten Kontakt zur Familie pflegt, sucht die junge Frau Hilfe bei dem Besitzer eines russischen Restaurants. Beim ersten Besuch macht sie gleich Bekanntschaft mit dem dubiosen Sohn des Hauses Kirill (Vincent Cassel) und seinem Chauffeur und Handlanger Nikolai (Viggo Mortensen).
Semyon (Armin Müller-Stahl) ist nicht nur ein freundlicher Restaurantbesitzer sondern auch noch Kopf der Untergrundorganisation Vory V Zakone. Das man sich von den „bösen Russen“ keine Hilfe erwarten kann, das merkt die Hebamme erst viel zu spät.
Tätowierungen werden zum Kommunikationsmittel
Eine besondere Bedeutung wird der Tätowierung in Cronenbergs Film zugeschrieben. In der Geschichte der russischen Strafgefangenschaft galt das Tattoo als Visitenkarte. Der Gefangene hat sich seine Lebensgeschichte, die wichtigsten Verbrechen und die Zugehörigkeit zu einer Organisation in Form von Zeichen auf den Körper tätowieren lassen.
Die eigentliche Idee mit Tätowierungen zu arbeiten hatte aber nicht Cronenberg selbst, sondern sein Hauptdarsteller Viggo Mortensen. Im Laufe der Recherche und Vorbereitung für seine Rolle hat er einige Monate in Russland gelebt und das russische Alltagsleben studiert. Außerdem beschäftigte er sich ausführlich mit Tattoos, schließlich zeigt er im Film die meiste tätowierte Haut. Mortensen war es auch der Cronenberg auf die Wichtigkeit der Authentizität dieser hinwies.
Mortensen und Watts in Höchstform
David Cronenbergs Eastern Promises lebt nicht nur von der Genialität des Regisseurs, sondern auch vom Können seiner Darsteller. Viggo Mortensen mimt den kaltblütigen Chauffeur, dessen Hang zum Guten zwar durchscheint, den Zuseher jedoch nicht irritiert. Als er die Maske lüftet, verwundert es dennoch nicht, sondern stellt die Erwartungen des Kinobesuchers zufrieden. Besonders der russische Akzent und das gewählt Böse machen Mortensen zum perfekten Protagonisten
Auch Naomi Watts beweist, dass sie ihr Handwerk beherrscht. Als Hebamme, die einem Waisenkind ein Zuhause sucht, wird sie in den dunklen Sumpf der russischen Mafia gezogen. Obwohl sie die einzige Frau umzingelt von „bösen“ Männern ist, gelingt es ihr das Vorhaben durchzuziehen.
Die angedeutete Spannung zwischen Anna und Nikolai gewinnt im Laufe des Films langsam an Bedeutung. Cronenberg zeigt auf behutsame Weise, dass das Leben im Untergrund und das in der heilen Welt nicht zusammenpassen. Von einer flüchtigen Handbewegung bis zum erlösenden Kuss dauert es fast zwei Stunden, doch ein Happy End bietet der Regisseur schlussendlich nicht.
Fazit
Neben Mortensen und Watts verpflichtete David Cronenberg eine Reihe berühmter Schauspieler, die ihren Figuren gekonnt Leben einhauchen. Armin Müller-Stahl ist als Seymon, Kopf des russischen Untergrunds in London zu sehen. Obwohl sein Akzent mehr Deutsch als Russisch klingt, mimt Mueller-Stahl überzeugend einen Mann, der über Leben und Tod entscheidet. In der Rolle seines Sohnes Kirill ist Vincent Cassel zu sehen. Auch Cassel gelingt es den unwürdigen Erben seines Vaters darzustellen
Mit barbarischen Gewaltszenen wird das Publikum auf die Brutalität der russischen Mafia aufmerksam gemacht. Auch das Leben minderjähriger Prostituierter, die illegal aus den Teilen der ehemaligen Sowjetunion in den Westen geschleppt werden, wird im Film thematisiert. Immer wieder erzählt eine Stimme aus dem Off, die der minderjährigen toten Mutter des Mädchens gehört, von den schrecklichen Erlebnissen im angeblichen Paradies.
Eastern Promises ist David Cronenbergs neuestes Meisterwerk. Ein Film, den man nicht verpassen sollte.
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We are all in the gutter but some of us are looking at the stars. (Lord Darlington, Lady Windermere's Fan)
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