2008-05-24 19:56:55
Lieber Constantin,
an einem Interview, das ich anlässlich des literarischen Erstlingswerkes einer jungen Autorin geführt und auf fm5.at veröffentlicht habe („Unbeschriebene Blätter – Gespräche über Erstlingswerke“ Freies Magazin 5, Ausgabe 08.06), hast Du kritisiert, dass ich es verabsäumt hätte, die – mit einer finanziellen Investition seitens der Autorin verbundenen – Bedingungen der Möglichkeit dieser Erstveröffentlichung (im Novum-Verlag, einem so genannten Druckkostenzuschuss-Verlag) zu hinterfragen, also zur Diskussion zu stellen. In Deiner Kritik hast Du auch erwähnt, dass Dir dieses Thema wichtig sei. Ich möchte Dich nun fragen, warum es Dir so ausdrücklich am Herzen liegt, nicht nur darüber zu sprechen, dass ein literarisches Erstlingswerk veröffentlicht worden ist, sondern auch und vor allem darüber, wo und zu welchen Konditionen dieses verlegt worden ist...
Weil Veröffentlichungen in Druckkostenzuschussverlagen nicht als Veröffentlichungen gelten, das heißt z.B., dass man bestimmten Autorenvereinen nicht beitreten, bei Wettbewerben nicht mitmachen kann. Bücher, die von solchen Verlagen produziert werden, haben einen schlechten Ruf, werden nicht rezensiert, nicht besprochen. Der Erfolg eines Buches ist immer auch abhängig von der Öffentlichkeitsarbeit, die ein Verlag macht bzw. machen kann. Im schlimmsten Fall macht er gar nichts, kassiert das Geld vom Autor/der Autorin. Das Buch – möglicherweise die Arbeit von Jahren, Jahrzehnten, möglicherweise auch ein sehr gutes Werk – ist damit tot, weil man durch den Vertrag ja an den Verlag gebunden ist. Außerdem geht´s ja da oft um – für einen jungen Menschen - enorme Geldsummen.
Ich habe dieses Interview mit der Absicht geführt, einerseits eine literarische Erstveröffentlichung vorzustellen, andererseits aber auch, im und anhand des Gespräches, mögliche Wege aufzuzeigen, die zu einer (Erst)Veröffentlichung literarischer Texte führen können. In diesem Sinne habe ich, denke ich nun, jene Illusion bedient, welcher zufolge eine Erstpublikation – um jeden Preis – der erste und wesentliche Schritt ist, um als Autor, als Autorin wahrgenommen zu werden. Die Sichtbarkeit eines literarischen Textes ist nicht unbedingt mit seiner Veröffentlichung gewährleistet: unter welchen Bedingungen ist es, Deiner Meinung nach, möglich, dass Literatur von bislang völlig unbekannten Autorinnen und Autoren wahrgenommen wird – in einem Rahmen, der es früher oder später erlaubt, dass die Verfasser und Verfasserinnen dieser Texte als Autorinnen und Autoren wahr- und ernstgenommen werden?
Wenn ich als junger, unbekannter Autor bei Suhrkamp veröffentlichen würde, würde ich natürlich wahrgenommen werden. Werde ich aber nicht, weil ich als junger, unbekannter Autor nicht bei Suhrkamp veröffentliche. Aber es gibt ja andere Möglichkeiten Aufmerksamkeit zu erreichen. Man kann ja auch kleine Schritte machen: bei Wettbewerben mitmachen oder auch Literaturzeitschriften etwas schicken. Bei mir war es mehrmals der Fall, dass mich nach einer Veröffentlichung in einer Zeitschrift oder Anthologie jemand angesprochen hat, ob ich denn nicht Lust hätte, auch dort mitzumachen, dort zu lesen, usw. Man darf nicht zu ungeduldig sein und muss realistisch bleiben. Vor allem aber soll man, glaub ich, eines: lesen und schreiben, beides am Besten täglich.
Wie findet Deiner Ansicht nach nun ein Autor seinen Verlag bzw. ein Verlag seine Autoren? Wenn man zum ersten Mal seine Literatur veröffentlichen möchte und also erst beginnt, seinen praktischen Sinn für den Literaturbetrieb auszubilden – Du hast geschrieben, es sei wenig sinnvoll, sukzessive, sozusagen ‚auf gut Glück’, all die etwa auf der Literaturhaus-Homepage aufgelisteten Verlage anzuschreiben und ihnen sein Manuskript zu übermitteln... demnach läuft das wohl eher über Kontakte, Bekanntschaften, in einem kleineren Rahmen also, in den man hineinwächst...?
Ja, also, ehrlich gesagt, weiß ich das auch nicht. Bei mir ging es beide Male über Umwege. Im Moment bin ich selbst grad wieder auf Verlagsuche und hab natürlich auch Angst davor. Blind anzuschreiben halte ich auf jeden Fall für wenig sinnvoll. Ich gehe so vor, dass ich mir ansehe, welche Autoren/Autorinnen die Verlage schon veröffentlicht haben, was für Literatur sie machen, und ob ich mir vorstellen kann, da „hinein zu passen“. Dann schick ich ein Exposé und einen Ausschnitt. Natürlich weiß ich, dass nur ein kleiner Prozentsatz der so genannten „unverlangt eingesandten“ Manuskripte überhaupt eine Chance haben. Deswegen fürcht ich mich ja auch. Aber ich bilde mir halt ein, dass justament mein Manuskript eines ist, das eine solche Chance verdient hat.
... Du selbst hast Deinen Verlag ja auf dem ‚Umweg’ über eine Literaturzeitschrift gefunden... Wie bist Du auf die Idee gekommen, der vom Literaturhaus Salzburg herausgegebenen erostepost Deine Texte anzubieten? Bzw. könntest Du kurz erzählen, wie sich das sozusagen ergeben hat?
Naja, ganz einfach: weil ich einen Text hatte, der zum Thema gepasst hat. Die meisten Zeitschriften geben ja ihre Ausgaben unter einem bestimmten Thema heraus. Ich hab mir das im Internet angesehen. Und bei diesem dachte ich: Da hast du was geschrieben, was rein passen könnte. Monate danach hat mich dann Dirk Ofner vom Literaturhaus Salzburg angerufen. Beim ersten Anruf meinte er, dass er den Text gern in der Erostepost drucken würde. Dann hat er ein paar Tage später nochmal angerufen, mich zu einer Lesung mit Robert Schindel eingeladen. Und dann noch einmal (wie verrückt klingt denn das? Aber das war wirklich so!), ob ich nicht etwas für einen Verlag hätte. Das war dann der Arovell Verlag – und meine erste Buchveröffentlichung.
Deine Herangehensweise an die, wie Du erzählt hast, nun wieder bevorstehende Verlagssuche hat sich, wie ich annehme, geändert, nachdem Du bereits über einen Vertrag mit dem arovell-Verlag verfügst... ?
Also, meine Herangehensweise hat sich grundsätzlich geändert, weil ich mehr Einblick bekommen habe, was realistisch ist, wo ich stehe, was ich erreicht habe, was ich kann und was ich nicht kann. Dass ich bereits beim Arovell und beim FZA Verlag veröffentlicht habe, hat eigentlich keinen Einfluss darauf, wie ich jetzt an Verlage heran gehe. Ich möchte mich einfach auch mehr umschauen, mir selbst meinen Verlag suchen.
Soviel ich weiß studierst Du auch am Deutschen Literaturinstitut Leipzig: der Homepage des Institutes ist zu entnehmen, dass in dem Studium eine „möglichst professionelle Schreibkompetenz und literarische Gestaltungsfähigkeit als auch literarhistorische und literaturtheoretische Kenntnisse“ vermittelt werden sollen... Das Hauptaugenmerk dieses Studiums scheint demnach auf der Praxis des Schreibens ‚an sich’ zu liegen – trotzdem findet sich auf der Homepage auch eine lange Liste von Veröffentlichungen von, wie ich vermute, Studierenden bzw, Absolventinnen und Absolventen in unterschiedlichen Verlagen. Wird auch in entsprechenden Lehrveranstaltungen am DLL darauf hingewiesen, worauf bei der Verlagssuche und bei Vertragsabschlüssen zu achten ist, oder ergeben sich die Möglichkeiten, einen Verlag zu finden, sozusagen ‚ganz von selbst’ im Laufe des Studiums?
Das kann ich noch nicht wirklich sagen – ich bin erst ein Semester dort. Bei mir hat sich noch nichts „ganz von selbst“ getan. Aber ich kann sagen, dass das DLL einen sehr guten Ruf in Deutschland genießt, und dass man dadurch einfach mehr Aufmerksamkeit bekommt. Das liegt daran, dass viele Absolventen, Clemens Meyer, Juli Zeh oder Saša Stanišić etwa, um jetzt nur die zu nennen, die auch in Österreich bekannter sind, ja auch wirklich sehr erfolgreich sind. Studenten/innen am DLL haben eine ziemlich wilde Eignungsprüfung hinter sich. Vielleicht macht das auch Eindruck, oder die „großen Namen“ der Lehrenden. Ich weiß nicht.
Das Hauptaugenmerk liegt meiner Einschätzung nach schon auf der Praxis des Schreibens. Es gibt keine Vorlesung zu „Tipps und Tricks bei der Verlagssuche“. Das wäre auch nicht Sinn der Sache. Aber man spricht darüber. Ich glaube auch, dass das DLL-Netzwerk in der Vermittlung von Möglichkeiten, eine große Rolle spielen kann. Man bekommt mehr Aufmerksamkeit, kann z.B. in der jährlichen Anthologie der Studenten, der „Tippgemeinschaft“ veröffentlichen, an Lesungen teilnehmen, Erfahrungen sammeln. So erreicht man viel mehr Menschen als allein. Und auch der Austausch der Studenten/innen untereinander bringt natürlich einiges.
wir müssen uns sisyphos als einen glücklichen menschen vorstellen
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