2008-11-24 12:47:55
Viva La Vida geht in die Verlängerung. Chris Martin uns seine Band veröffentlichen eine EP mit Aufnahmen aus der produktiven Session mit Brian Eno. Auf Prospekt's March darf das Leben weiter gefeiert werden.
Coldplay haben in diesem Jahr musikalisch die vielleicht größte Falle aufgestellt. Viva La Vida Or Death And All His Friends war eine regelrechte Mogelpackung. Ansprechend im äußeren Erscheinungsbild mit ein, zwei hübschen Singles und Nicht-Singles versehen, aber überproduziert bis oben hin, sodass vor lauter Tonspuren der Song an sich aus dem Sichtfeld verloren ging. Obwohl Frontman Chris Martin seine Natürlichkeit und seine Bodenhaftung in diversen Interviews stets in den Vordergrund drängt, kann in Wirklichkeit keine Rede davon sein. Produzentenlegende Brian Eno hat dabei geholfen, ihnen den Boden unter den Füßen wegzuziehen.
Fortsetzung folgt
Nun gibt es kurz vor Jahresende einen Viva La Vida-Nachschlag in Form einer EP. Prospekt’s March enthält leichte Variationen von Songs, die es auf dem Album schon zu hören gab und neueres Material. Alles drin also, was wahlweise für Begeisterung oder Kopfschütteln sorgte.
Erneut haben sich Coldplay für ein Bild von Eugene Delacroix als Covermotiv entschieden. Als Täuschungsmanöver funktioniert diese Taktik jedoch nicht mehr.
Don’t you wish that life could be as simple as fish swimming round in a barrel?
Der in Zuckerguss getränkte Opener "Live In Technicolor", hier um Text erweitert, klingt nicht viel anders als die Variante auf Viva La Vida. Stelle man sich bitte so vor: Eine gerade geöffnete Packung Gummibärchen. Bunt, süß, klebrig am Gaumen.
"Postcards From Far Away" ist ein Klavier-Schnipsel unter einer Minute – da hätte man mehr daraus machen können. "Glass Of Water" zeigt eine lautere, angriffslustigere Seite der Band. Vergnüglich und fidel klingt "Rainy Day", macht damit seinem Namen keine Ehre. Der Titeltrack, dessen Name auch im Vorfeld als möglicher Kandidat für Viva La Vida gehandelt wurde und das Schlussstück "Now My Feet Wont Touch The Ground", lassen zarte Erinnerungen an "Parachutes" aufkommen. "Lost+" empfängt den lang angekündigten Jay-Z als Duettpartner, wobei das Ergebnis sich gar nicht schlecht anhört.
"Lovers In Japan", eines der Highlights vom letzten Werk, ist hier im "Osaka Sun Remix" vertreten, was kaum auffällt.
Do it again
Coldplay zelebrieren den Schöngeist.
Auf dem Papier liest sich das gut, die Songs sind ansprechend produziert und hübsch arrangiert, allerdings (ich traue mich es auszusprechen) auch etwas kitschig.
Eine Spur Langeweile haftet dem Liedgut auf den Fersen. Dieser perfekte Bombast-Sound mit dem Coldplay seit dem letzten Album unweigerlich zusammengebracht werden, ist zuweilen auch etwas antiseptisch.
Viva La Vida Or Death And All His Friends und die Prospekt’s March EP vermitteln den Eindruck als wollen Coldplay die kuscheligste Decke der Welt anfertigen, um sie sich anschließend über den Kopf zu ziehen und damit die böse, kalte Welt hermetisch aus den Gedanken zu entfernen. Eno hat mit seiner Hilfe an den Reglern ein hilfreich tragendes Gewebe für sie geformt, mit Harmonieseligkeit im Überfluss.
Reduktion? Nein. Explosion? In der Tat. Vorbei ist die Zeit, in der Coldplay die Schönheit und den Zeitgeist überraschend und ohne große Müh zusammengebracht haben.
Viva La Vida? Erstmal nicht.
"Fill the air with poems, so thick
even bombs can't fall through."
(Peter Levitt)
Newsfeed von Daniel Gilic abonnieren