Freies Magazin FM5

Plattform für Kunst und Jugendkultur

ohne Nav

 

fokus

Clown fürs Leben

2007-04-02 00:10:52

Alf Poier, die wohl umtriebigste Figur des heimischen Kabarettspektrums, in einem Gespräch - das mit eher unguten Vorzeichen begann – über Fernsehen, Nihilismus, Sport und andere philosophische Gegebenheiten.

Im Großen Saal des Linzer Posthofs ist – bis auf die üblichen Bühnenarbeiter – (noch) nichts los. Der Manager von Alf Poier, René Berto, führt mich zu ihm. Nervig sei er, erklärt Alf mir anfangs, und lässt somit nicht gerade das beste Gesprächsklima entstehen, indem er mir auch noch deutlich macht, ich solle nicht zu viel fragen. Manchmal täuscht man sich aber, und so war es auch hier der Fall; denn schließlich entwickelte sich noch ein nettes Gespräch. „Für mich ist das Publikum der Regisseur!“ meint er zum Beispiel, was doch nur zu unterstreichen ist.

FM5: Es wird dir ja oft ein clowneskes Verhalten nachgesagt. Warst du früher in der Schule auch schon der Klassenclown?

Alf Poier: Ja, ich war gut in der Schule und dadurch habe ich es mir auch leisten können, wenn ich viel Blödsinn zu den Lehrern gesagt habe. Aber ich muss auch sagen, dass mir das nie jemand übel genommen hat.

FM5: Du bist ja Philosoph. Bewunderst du an Friedrich Wilhelm Nietzsche – neben seinem Bart – sonst noch etwas an ihm?

Poier: Freilich. Nietzsche ist einer meiner Lieblingsphilosophen, weil der wirklich alles zerstört und die Sachen solange umdreht, bis er überhaupt nichts mehr weiß und das gefällt mir an ihm so gut. Der geht wirklich extrem tief und hinterfragt die Dinge wirklich extrem, bis man nicht mehr weiß, was falsch und was richtig ist, wer lügt und wer Recht hat. Und das gefällt mir an ihm total.

FM5: Bist du ein Nihilist?

Poier: Der Nihilismus ist – auch im Sinne Nietzsches – etwas, das man überschreiten muss und er ist auf Dauer, glaube ich, nicht lebbar. Es ist gut, wenn man eine zeitlang so eine Phase hat, aber man muss irgendwie schauen, dass man aus dem Nihilismus wieder rauskommt. Weil sonst ist eigentlich alles komplett sinnlos und du kannst dich gleich umbringen. So gesehen muss man irgendetwas finden, das einen da wieder rausholt.

FM5: Bist du ein pessimistischer Mensch? Also, dass dir beim Aufstehen schon alles gestohlen bleiben könnte?

Poier: Na ja, jetzt beim Soundcheck zum Beispiel: Da haut etwas ewig nicht hin und du wirst narrisch. Aber ich denke immer, dass es super ausgeht. Und wenn es super ausgeht, dann denke ich mir: „Ja, ich habe mir eh nichts anderes erwartet!“ Wenn es aber schlecht ausgeht, denke ich mir: „Scheiße, jetzt bin ich enttäuscht, ich habe geglaubt, es wird super!“ Wenn ich von Haus aus sage, dass es scheiße wird, dann bin ich nachher nicht enttäuscht. Weil wenn es super ist, dann freue ich mich ja umso mehr! Also fahre ich, das habe ich mir ausgerechnet, wenn ich negativ denke, um 30% besser.

FM5: Wechseln wir doch in den Medienbereich: Schaust du gerne ORF (1 und/oder2)?

Poier: Ich habe nichts anderes. Ich tu eigentlich gar nicht fernsehen, nur ganz selten und wenn, dann nur ORF. Aber meistens gehts gar nicht, weil ich so einen alten Fernseher habe, der oft rauscht; ich glaube, das hängt vom Wetter ab!

FM5: ARTE oder 3Sat?

Poier: Das habe ich auch nicht. Wenn ich jedoch im Hotel bin und abends nachhause komme und nicht mehr lesen will, dann tu ich schon fernsehen. Da schaue ich mir dann alles Mögliche an, dass ich sehe, was so passiert. Aber zuhause habe ich diese Programme alle nicht.

FM5: Heißt das, dass du lieber liest als fernsiehst?

Poier: Ja, schon. Weil ich mir da aussuchen kann, was ich lese. Und ich mag diese Ruhe. Das Fernsehen verwirrt einen ja, vor allem, wenn man 30 Programme hat. Da will ich immer herumzappen und schaue mir nichts in Ruhe an und das verwirrt mich mehr als es mir eigentlich bringt.

FM5: Harald Schmidt schaust du auch nicht?

Poier: Nein, ich schaue mir lieber Filme mit gutem Inhalt an. Heute habe ich fünf Minuten „Barbara Karlich-Show“ gesehen. Mir geht das Fernsehen auch gar nicht ab. Bücher würden mir jedoch schon abgehen.

FM5: Welche Bücher liest du zurzeit?

Poier: Ich habe auf meinem Nachtkästchen, glaube ich, 20 Bücher rumliegen. Alles durchgemischt. Angefangen von philosophischen Werken bis zu Mystikern, Paul Auster, der mir allerdings nicht gefällt, Bücher, die ich geschenkt bekommen habe, also alles, von Romanen bis zu Sachbüchern.

FM5: Wandern wir in den Kabarettbereich: Glaubst du, dass Kabarett ohne Ironie funktioniert?

Poier: Kabarett lebt ja von Ironie! Sonst ist es halt Theater oder eine Tragödie und dafür muss man ins Burgtheater oder in ein anderes Theater gehen. Aber Kabarett kann ohne Witz meiner Meinung nach nicht leben. Ich bin ja auch nicht wirklich der Ansprechpartner, ich bin ja kein Kabarettist, ich bin ein Sonderling und Außenseiter - bestenfalls.

FM5: Wo siehst du da die Grenzen? Wie weit kann man mit einem Witz gehen? Oder kann man die in so einem Gespräch gar nicht definieren?

Poier: Die Grenzen sind eh vor kurzem wieder einmal, beim Karikaturenstreit, vorgegeben worden. Also von mir aus könnte man da drüber gehen, aber es ist dann mehr oder weniger gefährlich. Anscheinend ziehen die, die Waffen haben, die Grenze.

FM5: Freust du dich auf die Fußball-WM 2006?

Poier: Ich freue mich, wenn sie vorbei ist! (lacht) Aber ich schaue mir das überhaupt nich an. Ich war zwar früher auch mal Langstreckenläufer, aber Sport im Fernsehen schaue ich mir nie an. Damit fange ich gar nichts erst an. Und Fußball schon gar nicht, das ist für mich der letzte Deppensport, den es auf der Welt gibt.

FM5: Unterschiede Poier 1996/Poier 2006?

Poier: Ich war früher extrem auf der Suche und das hat sich in letzter Zeit geglättet. Also das Bedürfniss, die Welt unbedingt erklärt zu haben, hat eigentlich ein bisschen nachgelassen. Es ist so, wie es ist. Gewisse Dinge kann man nicht hinterfragen.

FM5: Was hältst du vom österreichischen Kabarett?

Poier: Ich betrachte das sehr geteilt. Mir gefällt der Josef Hader sehr gut, aber mit vielen kann ich gar nichts anfangen. Das liegt aber auch daran, dass ich die Leute privat kenne.

 



 

Printer Icon



AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

Newsfeed Icon Newsfeed von Johannes Rausch abonnieren



Kein Bock auf Nazis Festival 13.4. Arena


Archiv  | Impressum | AGB | Gewinnspiel | Friends Shop