2007-04-02 00:15:39
Zwei Menschen inszenieren eine Geschichte und kommen durch die Fiktion der Wahrheit näher als ihnen lieb ist.
Anna, eine junge Immigrantin aus Moskau, sitzt in der Wiener Vorstadt fest und wartet auf ihre Papiere. Um ihre Schlepperschulden bei Iwan zu bezahlen, zieht sie sich für eine Erotik-Webseite aus. Die Medizinstudentin träumt davon, mit Zed, einem scheinbar Unbekannten aus dem Internet, nach Paris zu gehen. Bisweilen unterhalten sich die beiden nur über das Web. Gemeinsam entwerfen Sie fiktive Geschichten rund um Annas Mitmenschen mit denen sie eine Wohnung teilt, aber auch die beiden selbst werden bald Part der Handlung. Alle Mitbewohner sind aus Russland nach Wien gekommen(bis auf den Österreicher Kurt), um hier ein besseres Leben zu finden. Da ist die kranke Dascha, die Herrin des Hause und enge Vertraute des Schleppers Iwan, ihr österreichischer Ehemann Kurt, dann ist da noch Larissa, Pjotr, Sveta, Georgij und die kleine Vienna, sowie Iwans Sohn, der an diesem Abend mit Ihnen Neujahr feiern soll. Eine charakterlich bunt durch gewürfelte Truppe. Doch wie jede Geschichte offenbart auch diese einen wahren Kern, wie Anna feststellen muss.
Zeichen der Zeit
Der Regisseur Igor Bauersima scheint einen Faible für Liebesgeschichten zu haben, die ihren Anfang im Netz nehmen, die auf neue Weise erzählt werden und mit medialen Einbindungen und der Wahrnehmung der Zuschauer spielen. Ihn verwirren, ihn zum Teil direkt ansprechen und von scheinbar unlösbarer Tragik sind. Auch in Norway.Today (ebenfalls im März noch zu sehen und zwar im „Theater im Zentrum“ in Wien) inszeniert Bauersima eine moderne Liebesgeschichte, die zum einen von neuen technischen Möglichkeiten Gebrauch macht, zum anderen die Figuren selbst zu Gestaltern ihrer Umwelt werden lässt.
Fiktion und Realität
Bei „Boulevard Sevastopol“ beginnt die Geschichte wieder mit dem Internet. Anna redet scheinbar ins Leere, ihr Blick ist jedoch durch die riesige Leinwandprojektion auf die Zuschauer gerichtet. Sie stellt direkte Fragen, sieht einem geradewegs ins Gesicht und aus der passiven zuschauenden Haltung wird plötzlich eine Aktive. Doch dann die erlösende Stimme aus dem Hintergrund, die Stimme von Zed. So beginnt die Liebesgeschichte, die auf eine ganz neue Weise erzählt. Denn Anna und Zed erzählen die Geschichte, die Figuren auf de Bühne sind ihre Marionetten. Doch die Erzählung verläuft anderes, als Anna es sich wünscht. Sie macht sich scheinbar selbstständig. Anna schafft es nicht, sie nach ihrem Sinne verlaufen zu lassen. Sie wehrt sich dagegen. Bald wird klar, dass die Fiktion ein Versuch ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Eine Wirklichkeit, die die Liebe auf eine harte Probe stellt. Die Geschichte vermischt sich schließlich mit der Realität, doch muss sie zu Ende geführt werden. Wie wird sie enden?
Moderne Liebesgeschichte
Bauersima inszeniert eine Liebesgeschichte, die jenseits herkömmlicher Erzählstrukturen liegt, aber dennoch verständlich und nachvollziehbar bleibt. Immer wieder wird zwischen den Realitätsebenen gewechselt. Diese werden gekonnt durch technische Effekte wie Projektionen, „eingefrorene Bilder“ oder Filmsequenzen unterscheidbar gemacht. Doch irgendwann vermischen sich die Ebenen, die Fiktion drängt in die Realität. Gezeigt wird auf der einen Seite die Macht der Phantasie, aber auch welche Probleme das Internet birgt. Sind wir wirklich die Person, die wir sind oder geben wir nur vor so zu sein? Und was ist, wenn die Wahrheit plötzlich anders ausschaut als erwartet? Ist die Liebe stark genug, um die Realität zu ertragen? Was ist, wenn die Fiktion plötzlich realistische Züge annimmt?
Gelungen
Die Inszenierung ist durchwegs spannend und abwechslungsreich gestaltet, die Handlung wirkt zum Teil sehr filmisch, erinnern an einen noch nicht gesehenen Film. Vielleicht auch deshalb, weil mit diesem Medium stark gespielt wird. Die Monologe sind unter anderem recht bissig und humorvoll, die Charaktere alle auf ihre Art liebenswert. Die Liebesgeschichte bleibt, vielleicht gerade auf Grund der großen Präsenz des Internets in unserem Leben, realistisch und modern. Die Aufführung stellt aber gleichzeitig auch Fragen nach Identität und Sehnsucht, nach Zusammengehörigkeit und Realität(sflucht). Das Ende, von dem man erwartet, dass es entweder in auswegslosem Kitsch oder totaler Tragik endet, wurde wider Erwartung sehr gut gelöst. Boulevard Sevastopol ist ein gelungenes Stück, das auch theaterscheue Personen sicherlich begeistern kann.
Zu sehen ist das Stück im März am 09.03. 07 sowie am 19.03.07 jeweils um 20 Uhr im Akademietheater Wien
Sorge dich nicht um das was kommen mag, weine nicht um das was vergeht, aber sorge, dich nicht selbst zu verlieren, und weine, wenn du dahintreibst im Strome der Zeit, ohne den Himmel in dir zu tragen. (Friedrich Schleiermacher)
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