2007-04-02 00:10:20
Eine “Rettungsarche” für Straßenkinder im Meer der Armut. Kultas und FM5 unterstützen im Rahmen des FM5-Geburtstagsfestes ein Projekt ganz besonderer Art.
Bolivien: “El arca de Rescate”
Bolivien ist ein kleines Land im Herzen Südamerikas. Wie Österreich besitzt es keinen Zugang zum Meer, und wird durch einen großen Gebirgszug geprägt, der einen großen Teil der Staatsfläche ausmacht. Anders als Österreich ist das Andenland aber eines der ärmsten Länder der Welt. 64 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze.
Besonders hart trifft es viele Kinder. Auf der Straße ohne Zukunftschancen geboren, beginnt ein großer Teil zu Schnüffeln. Darunter versteht man hier das Einatmen von Klebstoff. Denn das ist die billigste Form sich in einen Rauschzustand zu versetzen. Genau richtig, wenn man nicht viel Geld in der Tasche hat und für eine Weile die Welt um sich herum vergessen will. Das Gehirn erleidet dadurch allerdings irreparable Schäden. Die Chancen auf Arbeit schwinden. So verdienen sich die Straßenkinder ihr täglich Brot mit Taschendiebstahl. Stehlen, um sich mit ein wenig Kleingeld etwas zu Essen und eine Tube Klebstoff kaufen zu können. Sie wohnen in Gebieten, in die man sich nachts normalerweise besser nicht wagt. Dort, wo die Menschen unter Planen schlafen und das verseuchte Wasser notdürftig mit einem Gaskocher abgekocht wird. Hier ist die Arbeitswelt von Ana María. Schon seit über 30 Jahren hilft sie den Menschen in Cochabamba und versorgt sie mit dem Nötigsten. Das, obwohl sie selbst schon seit dem 2. Lebensjahr an den Rollstuhl gefesselt ist. Ihr treuer Begleiter ist Pedro. Der etwa 40jährige schiebt ihren Rollstuhl und besucht zusammen mit ihr die Armenviertel. Er lebte früher selbst auf der Straße und war drogensüchtig. Sein Gehirn hat davon bleibenden Schaden genommen. Nun ist er seit Jahren clean – und glücklich. Auf die Frage wie viele Menschen in Cochabamba auf der Straße leben hat Ana María keine Antwort: „10.000, 100.000 oder mehr?“ - „Ich weiß es nicht. Aber es sind viele. Und es wird immer schlimmer,“ sagt Ana María. Zusammen gehen wir in ein Armenviertel. Wir haben Brot, Kakao und Mandarinen mit dabei. Die ersten Planenbehausungen auf die wir treffen beherbergen sichtlich zugedröhnte Bewohner. „Ich bin Osama Bin Laden, nieder mit Bush!“ ruft uns ein etwa 50 Jahre alter Mann entgegen und zeigt uns mit seinem Lächeln auch seine letzten Zähne. In seiner Hand hält er einen kleinen Plastikbehälter an dem er regelmäßig schnüffelt. Die kleine Gruppe freut sich sehr uns zu sehen und verschlingt das Mitgebrachte geradezu. Ein kleiner Junge nimmt mich an der Hand: „Ich zeig’ dir meine Wohnung!“ Voller Stolz präsentiert er seine Behausung: 4 Holzstangen über denen eine Plane hängt. Darunter eine kleine Matratze, auf die sich der Junge sofort wirft und ein Foto verlangt. Das ist ungewöhnlich. „Normalerweise schöpfen sie nicht sofort Vertrauen, aber heute haben sie viel geschnüffelt,“ erklärt Ana María. Fotos haben hier einen besonderen Stellenwert. Kaum jemand hat Bilder von sich selbst. Niemand besitzt einen Spiegel. Sich selbst zu sehen ist keine Selbstverständlichkeit.
Besonders am Herzen liegen Ana María die Kinder. Für sie errichtete sie zwei Kinderheime in der Nähe von Cochabamba. Die Kinder dort bekommen eine warme Mahlzeit, gehen zur Schule und spielen Fußball. Ganz wie normale Kinder. „Zu Weihnachten und zu Ostern sehen sie auch mal ihre Eltern,“ erzählt Javier, der die Kinderheime verwaltet. „Wenn es noch auffindbare Eltern gibt, leben sie in den Armenvierteln. Viele sind Alkoholiker und misshandeln ihre Kinder. Deshalb wollen viele ihre Eltern nicht mehr sehen. Nach diesen Besuchen kommen die Kinder alle gerne wieder zu uns zurück.“ Die Betreuungsarbeit endet allerdings nicht, wenn die Kinder erwachsen werden. Dann helfen die Betreuer des Kinderheimes „El Arca de Rescate“ den Jugendlichen bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. Stolz erzählt Javier, dass es eines der Kinder schon bis auf die Universität geschafft hat. „Ein anderer ist Mechanikerlehrling und wird von seinem Chef sehr gelobt.“ Kleine Erfolgsstorys die Mut machen. Den braucht man auch, um die Arbeit fortzusetzen. Denn die Armenviertel wachsen schnell. Die Problematik wird nicht kleiner, sondern größer.
Für ihre Arbeit wurde Ana María 2005 mit dem „World Children Honorary Award“ ausgezeichnet, einem Preis der jedes Jahr in Schweden Menschen verliehen wird, die sich besonders für Kinder einsetzen. Unter den Nominierten fanden sich auch prominente Vertreter wie Nelson Mandela und seine Frau Grace Machel wieder. Für Ana María war es nicht der erste Preis den sie bekam. Dennoch gibt jeder Preis neue Motivation. Und er bringt Menschen ins Rampenlicht, die sonst kaum wahrgenommen, am Rande der Gesellschaft ihr gutes Werk vollbringen.
Autor: Johannes Wahlmüller
Im Rahmen des FM5-Festes wird ein Teil des Erlöses diesem Projekt gespendet. Eine Initiative von Kultas.
Ich gehöre zu den Personen die von Anfang an dabei waren. In FM5 steckt nicht nur viel Zeit sondern auch ganz persönliches von mir. Im Moment habe ich mich ans Doktorat gemacht. Ich gehöre wohl zu den Personen, die nie Zeit haben...
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