2008-02-07 17:49:38
Gefährlich aufgedrehte Spieluhr aus Koblenz.
Man sollte sie besser nicht außer Acht lassen.
Wie der frühere Uhrmacher Antoine Favre-Salomon, werkeln und feilen Aydo Abay und seine Jungs schon seit Jahren behutsam an ihren alternativ angestrichenen Songs.
Fleißig arbeiten sie am eigenen Triebwerk, ohne überdrüssig geworden zu sein.
Genug haben sie hingegen vom weitläufigen Panorama, dass sie auf der letzten Platte thematisch behandelten und musikalisch vertonten.
Ausreichend die Aussicht vom Stand über den Dingen, die uns bewegen und doch nicht loslassen, einfach überdrüssig vom „Revue passieren lassen“.
Ein Blick auf das Cover von Aerial View unterstreicht diesen Eindruck. Nach dem Hochflug folgt nun der Tiefflug. Der Fuß muss wieder den Boden berühren.
Tiefer, schneller, weiter
Tempo Tempo, das neue Album von Blackmail, ist kein Schnellschuss geworden, wie man vielleicht laut Titel prophezeien könnte. Die ersten Annäherungsversuche sind aber von einigen kleinen Unsicherheiten geprägt. Aerial View wusste mit famosen Songs, dezenten Elektronikspielchen und weit ausholenden Bewegungen recht schnell zu überzeugen, am neuen Album muss man aber etwas mehr nagen, bis sich der Schutzmantel aus warmen Gitarrenwänden, komplex ausführenden Harmonien und rhythmisch raffinierter Eingängigkeit löst, die nur Blackmail so formschön und druckvoll hinbekommen. Noch immer näheren sie sich Richtung Pop, ohne ihn je wirklich zu treffen oder ihn sich zu schnappen. Erst dadurch gewinnen die Arrangements jedoch an Stärke, Tiefe und Vielseitigkeit.
Tempus Fugit
Der stoisch zwischen Laut/Leise-Dynamik hin und her pendelnde Opener False Medication will schon gleich mit Stakkato-mässigen Riffs zur Zielgeraden hinausschießen. Fühlt sich an als wäre man medikamentös falsch behandelt worden. Zu Risiken oder Nebenwirkungen vielleicht doch mal den Arzt fragen, wie es uns im Fernsehen immer gesagt wird? Hätten wir den Beipackzettel bloß nicht weggeschmissen. Hilft jetzt alles nichts...
Gewisse Dinge aus der Vergangenheit lassen sich nicht so leicht ausmerzen. Auch die textlich aufgeworfene Frage Is There A Cure To Be Found? muss wohl vorerst mit Nein beantwortet werden.
Was Blackmail seit Aerial View eingeführt haben, die effektvollen Männerchöre, sind auch schon im ersten Songs des Albums wiederzufinden.
Prekär kreisen Gitarre und Schlagzeug anschließend um einen herum, bis das wuchtig aufwirbelnde Mine Me I auf den Weg geschickt wird.
Dazwischen durchtrunken von langsamen, zeitlupenartigen Parts, um anschließend doch noch nachzuladen. Eine herrlich coole Angelegenheit, auch der entwaffnende Schlagabtausch gegen Ende des Songs von Sänger Aydo Abay.
Auch wirklich Neues mischt sich zum Altbekannten: Violinenklänge, die arabesk anmutenden Melodien spielen.
(Feel It) Day By Day formt sich weiter zu einer befreienden Hymne mit sägenden Noise-Gitarren, die sich aus der Katharsis speist und uns den Druck von den Schultern nimmt.
You feel it day by day, just let it go away - um ihn wirkungsvoll selbst zu erzeugen.
Hier übernehmen die Chöre den markantesten Part im Refrain, der sich festzusetzen weiß. Besonders der heavy gespielte Schlussteil macht Spaß und zeugt von großer Spielfreude.
You have to move along with the headlights
Tapsig und zaghaft gibt sich The Good Part, das umschlungen wird von akustischen Gitarren, hingegen drängt es It’s Always A Fuse To Live At Full Blast mit prägnantem Bass, viel Groove und erneut orientalischem Flair wüst nach vorn, um später in ein heftiges Instrumental-Stück abzugleiten.
Eingängigkeit schreibt sich Tempo Tempo an bestimmten Fällen auf die Stirn, etwa in Shshshame oder der Beziehungskiste Speedluv, einem gemächlichen Song mit verliebter Melodie, der innerlich scheinbar zu bersten droht, von wilden Zuckungen durchzogen ist und schließlich in weite Sphären mündet.
No time for hide and seek
Give me love and give me speed
In ein waberndes Soundgeflecht wirft sich U Sound, und mit dem Song auch die beste Gesangslinie der ganzen Platte. Mit rasantem Rhythmus hält es den Song nicht lange auf ruhigen Stühlen. Do you know how it feels this time? fragt uns Abay. Another stich inside my mind heißt die Antwort. Auch fette Industrial-Beats mischen den Song auf, bevor er sich endgültig verabschiedet.
Der etwas unscheinbare Mentalist oder das fragwürdige Vergnügen Swinging Exit Pleasure, dass erst mit weiblichen Chorälen die nötige Aufmerksamkeit auf sich lenkt, geben sich nicht die Mühe kurz vor Schluss ein furioses Finale in die Wege zu leiten, dass mit So Long Goodbye nicht ganz so aussieht wie man es sich gewünscht hätte.
Dringlichkeit besteht immer
Blackmail haben auf Tempo Tempo Spaß an den Arrangements, geben ihnen meist am Ende wiederentdeckte Dringlichkeit und Härte.
Auch der nölende Schmelz in der Stimme von Sänger Aydo ist geblieben.
Wie schon Aerial View ist das Album wuchtig in Szene gesetzt, klingt dabei aber noch ein Stück erdiger.
Vielleicht kann man von einer kleinen Hinwende zurück zu den Anfängen sprechen.
Eine große Weiterentwicklung ist es auch diesmal nicht, aber im Zuge der durchweg fabelhaften Songauswahl wird ihnen das niemand groß ankreiden.
Eine brodelnde Welt des Sehnens beschreiben Blackmail auch weiterhin gekonnt. Sie halten das Tempo.
"Fill the air with poems, so thick
even bombs can't fall through."
(Peter Levitt)
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