Früher oder später fühlt sich auf der Uni jeder und jede dumm. Weil es immer Leute gibt, die scheinbar alles wissen.
Daher die Antwort auf die Frage: Sind wir dumm?
Ab und an beschleicht das Gefühl jeden. Besonders auf der Universität: dort zählt bekanntlich nur Wissen. Ich bin dumm. - Zumindest im Vergleich zur Konkurrenz. Denn um Konkurrenz geht es dabei.
Neulich sprach ich mit Freunden darüber – alle Sozialwissenschaft-Studenten: Über das Gefühl des eigenen Unvermögens, das einen in manchen Seminaren beschleicht. Über Leute, die den Mund kaum zukriegen, und wenn er offen ist, fremde Worte und große Namen spucken. Beispiele? Bitte.
In der Philosophie: Hegel sagt dies, Kant schreibt das; am Besten noch mit genauer Werkangabe. In Politikwissenschaft sind Marx, Foucault und Bourdieu nur einige hinter denen man sich versteckt, mit denen man sich panzert.
Einwurf: Aber gerade in der Wissenschaft muss man doch den eigenen Wissensprozess transparent machen. Quellen gehören nunmal zitiert. So zu tun, als sei es der eigenen Weisheit entsprungen, gehört auch nicht zur feinen Art.
Natürlich. Ist schon wahr – aber auch nicht. Denn darum geht’s oft gar nicht. Meist ist wohl auch simple Angeberei dabei. Und der Konkurrenzgedanke; auf Kosten anderer. Zurück zu meinen Freunden. Einer meinte ihm wäre aufgefallen, dass er oft Leute in Seminaren trifft, die genau damit argumentieren, was sie im Seminar im Semester davor gelernt haben. Die hat er nämlich selbst auch besucht. Den Eindruck, den sie damit erwecken: Unglaublich belesen zu sein. Man selbst fragt sich dann, wie es möglich ist all die Werke dieser großen Denker (Denkerinnen eher weniger) in so jungem Alter schon zu kennen. Bei schwierigen Texten brauche ich nämlich eine Stunde für zehn Seiten; das Kapital von Marx habe ich nach über einem Jahr beinahe ausgelesen. Teil eins. Von drei. Also entweder diese Leute lesen den ganzen Tag oder - . Oder was?
Generalismus und Tellerrand
Oder sie kennen die Texte und Denker auf die sie sich berufen selbst nur oberflächlich, wissen das aber zu verbergen. Auf der Uni liest man ja eine Menge Ausschnitte von Texten und hört viel über bestimmte Leute. Das gibt schon eine Menge her um schlau und belesen zu klingen. Mir selbst ist es unangenehm mich auf Texte und Menschen zu berufen, über die ich nur wenig weiß. Zumindest denk ich mich so. Vielleicht bin ich auch ein Namenspucker.
Oder sie sind Fachidioten. Leute, die sich auf ein Thema spezialisieren und das dann immer wieder in die Diskussion werfen. Generalismus und ein weites Interessenfeld erscheinen mir da besser. Der Blick über den Tellerand, Neugier und offenes Interesse sind mir wichtig. Und seine Schwächen zu kennen. Vor kurzem musste ich meinen Mitbewohner fragen, wieso eine Steckdose zwei Löcher hat. So genau wusste er das dann auch nicht.
Die Gefahr des Generalismus: man hat das Gefühl nur oberflächliches Wissen zu haben. Über alles nichts, dafür über nichts alles zu wissen. Nun, man muss sich wohl entscheiden.
Konstruktiver Schluss
Genug. Zu leicht sollte man das Konkurrenzproblem nicht nehmen. Immerhin nimmt es vielen von uns das Selbstvertrauen. Aber das darf es nicht. Für alle, die sich oft von dem vermeintlichen Wissen der anderen erschlagen fühlen, und beginnen an sich selbst zu zweifeln. Blödsinn, ihr müsst das anders sehen. Triffst du jemanden, der dir in einem bestimmten Bereich überlegen wirkt, dann denk daran, dass es andere Bereiche gibt in denen du sicher mehr Ahnung hast. Und sei dir deiner Schwächen bewusst und nutze die Chance von der Person zu lernen. Frage nach. Oft zerbröckelt das Wissen schnell und man erkennt die Schwächen des anderen. Oder man lernt.
Klingt nach Religionslehrer, oder? - Egal.
Und für alle, die selbst dazu neigen sich größer zu geben: Seid selbstkritisch und selbstreflexiv. Auch wenn die Uni und die Wissenschaft diese Verhalten fördert. Verdammt, wir sind jung! Wir müssen noch nicht jede Zeile von Hegel, Kant, Marx, Foucault oder sonst wem kennen. Druck werden wir später immer noch genug kriegen. Wir müssen ihn uns nicht auch noch selbst machen.
Nun interessiert es mich natürlich auch wie ihr das seht? Kennt ihr das und wie geht ihr damit um?