2010-04-11 20:29:01
Am Vorplatz des MuseumsQuartier liegt die „BikiniBar“. Eine Skulptur des niederländischen Künstlers van Lieshout. Ein Hieb gegen die Werbeästhetik oder einfach nur sexistisch?
Für Julia, Brad, Karo, Nathan und Nobuhiro
Eine Werbung für die Bademode einer großen Modekette könnte so aussehen: Ein übergroßer Frauenkörper (9,5 x 6 x 3 Meter vielleicht) aus Plastik, mitten auf einem frequentierten Platz. Die Figur liegt auf dem Rücken, hat tolle Titten und sich durch den "Bikinistoff" abzeichnende, noch tollere Brustwarzen. Lange, lange, lange Beine und ein schönes Gesicht.
Nicht, wie wir es von den an den Fassaden herunterhängenden, übergroßen Vöslauer-Schönheiten gewohnt sind, die in die Stadt grinsen und uns ein V für ein F verkaufen (Vreiheit!), sondern ein (lasziv) liegender (Fast-)Akt zum Angreifen.
Get wet everybody!
Und da passiert es, bevor eine Modekette oder sonst jemand auf die Idee kommen kann: ein Künstler interveniert im öffentlichen Raum. Schafft Kunst gegen das, was nur in meinem Kopf war:
Am Vorplatz des MuseumsQuartier liegt die "BikiniBar". Eine Skulptur des niederländischen Künstlers van Lieshout. Es handelt sich um eine übergroße Frauenfigur im Bikini, die "begehbar" ist, in die man also hineingehen kann, den Innenraum (als Bar) nutzen kann.*
Ganz schön trashig. Nicht nur der Gedanke dieser Nutzung**, auch das Material. Fiberglas. Senkrecht nach oben stehende, pralle Fiberglastitten, mit großen Fiberglaswarzen, dann eine Fiberglastaille, eine Fiberglashüfte. Doch keine Beine, keine Arme, kein Kopf. Extremitäten, die nicht wie bei einem griechischen Torso aus Stein "sauber abgetrennt" und damit emotionslos fehlen, sondern "raw", als grenzüberschreitende Körperteilentfernungen, denn man sieht die Muskelstränge, das Fleisch. Rot.
Brutal. Was es ja sein muss, wenn es eine Aussage zur Ausschlachtung des weiblichen Körpers sein sollte. Wenn es die Reduktion des weiblichen Körpers auf das in einer Welt des Frauenhandels, der Prostitution, der medialen und realen sexuellen Ausbeutung der Frau "Notwendige" hinaus schreien möchte.
Und nicht brutal. Denn das Material lässt keine vollkommene Ernsthaftigkeit zu. Die Figur liegt da wie ein Post-Pop-Witz. Und die Beschaffenheit des Werkes kann die Aussage sein. Oder muss sie sogar sein. Eine erste Unsicherheit tut sich auf. Ist die subversive Kraft gar nicht da? Habe ich sie mir nur gewünscht? Ist das Werk am Schluss nur sexistisch?
Ich denke an Mel Ramos, der mit seinen Pin-Up-Girls nichts anderes getan hat, als Werbeästhetik zu kopieren und als Kunst zu definieren. Zugegebener Maßen mit Kunstfertigkeit. Und mit einer Legitimation, die auf Warhol verweist. Trotzdem kann ich Warhols Überidentifikation mit Waren, in Gestalt der hübschen Campbells- und Coca-Cola-Dosen, mehr Konsum- und Ästhetikkritik zuschreiben als Ramos.
Aber das ist ein anderer Schuh.
Ich nehme erste kritische Worte anderer wahr: "Diese Brutalität! ... Diese Frauenfeindlichkeit! ..." Doch ich stehe "drüber": Abgetrennte Körperteile? Eine wehrlose, kopflose Frau? So etwas kann mich nicht schockieren. Meine Güte, passt doch, da hat jemand einen kulturellen Patzen gegen längst konventionalisierte Weiblichkeitsdarstellungen hingerotzt! Sich der Materialien und Formen des Alltags bedient um dann doch etwas ganz anderes zu sagen, einen Schlag gegen die im öffentlichen Raum immer wieder sich manifestierende Imagination von Weiblichkeit getan. Und mit dem Titel "Bikini-Bar" auch noch unsere schamlose Parallelisierung von Frauen und Konsum thematisiert. Oder was bekommt Mann in einer "Tittenbar"?
Ich überlege weiter den Vorwürfen entgegen: Ist diese Figur in ihrer Wirkung wie ein Plakat, auf dem steht: "Verstümmelt unsere Frauen!" Wie ein Megaphon, durch das gerufen wird: "Lasst sie kopflos (werden)!" ? Ist dieses Werk in seiner Abbildung die Aussage? Muss es denotativ sein?
Dann sehe ich eine Email von Frau K. in meinem Posteingang. Betreff: empört, bestürzt:
Liebe Künstlerinnen, Freundinnen und Freunde, Schwestern und Mütter und Väter, ... ich glaube mich auf eine Menschenfresser-Insel versetzt ... Van Lieshout sagt zu seiner Skulptur: "BikiniBar is the only female body you can enter without permission." Wann hat schon jemals ein Schlächter und Vergewaltiger Erlaubnis eingeholt? ...
"Die BikiniBar ist der einzige weibliche Körper, in den man ohne Erlaubnis eindringen darf." Ach, van Lieshout, hättest du bloß den Mund gehalten. Deine Worte sind wie eine Peitsche, die das Frau-Sein auf mich schwingt.
Doch keine Angst, sie hallen nicht in mir, weil ich nicht leer bin, wie deine Figur. Deine Skulptur ist womöglich wirklich nur ein Scherz. Man kann darüber lachen oder bestürzt sein. Oder man kann sie, wie meine Freunde B., N. und N. meinen, einfach nur schlecht finden.
Ich jedenfalls stehe vor dem Eingang in die Figur und finde meinen Zugang nicht mehr. Wie schön, denke ich abschließend, hat Pedro Almodóvar das Eindringen in den weiblichen Körper als Rückzug aus der Welt, als Einswerden, in seinem Film "Hable con ella" gezeigt.
Das Werk ist klüger als der Autor. Hat Heiner Müller gesagt. Das kann mich trösten.
*Die "BikiniBar" ist - anders als in anderen Städten – in Wien nicht begehbar. Stattdessen können BesucherInnen durch Sichtfenster in das möblierte Innere des Körpers schauen.
** Die beiden anderen Skulpturen im Innenhof des MQ (BarRectum und Darwin) werden als Bar und Infostand genutzt.
Atemfrequenz: 14 Atemzüge pro Minute; Atemzugvolumen: 398ml; Herzfrequenz: 81; stystolischer Blutdruck: 120 mm Hg; Nervenstrang im Rückenmark: 45 cm; 5 Liter Blut (davon Blutplasma 55%, Erythrozyten, Thrombozyten, Leukozyten 45%); pro Körperzelle 46 Cromosome; 8 Schneide-, 4 Eck-, 8 Backen- und 11 Mahlzähne.
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