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Schwerpunkt: Der Verein gegen Tierfabriken

Balluch: "Amoklauf der Behörden"

2010-01-03 16:55:02

  • Martin Balluch

Martin Balluch, Obmann des VGT und international anerkannter Tierethiker im FM5-Interview über "Staatsterror" und den Prozess im März.

Was bedeutet der Begriff "Tierrechte" für Sie? Kann man sich darunter ein Equivalent zu den Menschenrechten vorstellen?

De facto gibt es ein ungeheueres Vollzugsdefizit im Tierschutz, weil Tiere als Sachen gelten und kein Vollzugsorgan zur Rechenschaft gezogen werden kann, wenn es gesetzwidrige Tierquälereien ignoriert. Generell wird der Begriff "Tierrechte" als Synonym für die Forderung verwendet, alle Tiere inklusive der Menschen nicht als Objekte, sondern als Subjekte zu behandeln. Aber in der Tierrechtsphilosophie gibt es verschiedene Strömungen und daher auch verschiedene konkrete Interpretationen dieses Begriffs. Tendenziell gibt es im VGT keine utilitaristische, sondern eher eine kantianische Interpretation. Das heißt, alle Tiere sollen als Zweck an sich und nicht als Mittel zum Zweck für andere behandelt werden.

Auf welche Art versuchen Sie Ziele durchzusetzen?


90 Prozent unserer Arbeit ist Bewusstseinsbildung. Wir versuchen die Menschen über die vorhin erwähnten Aspekte und insbesondere die alltägliche Tierausbeutung in unserer Gesellschaft aufzuklären. Man möchte nicht meinen, welche Informationsdefizite diesbezüglich noch bestehen. Die Tierindustrie ist sehr geschickt darin, die wahren Zustände mittels offensiver Werbepropaganda und dem Konzept des Firmengeheimnisses zu verschleiern.

Arbeitet der Verein in Fragen der Gesetzgebung direkt mit Parteien zusammen oder versuchen Sie diese über Bürgerinitiativen zu erreichen?


Die restlichen 10 Prozent unserer Arbeit investieren wir in sogenannte konfrontative Kampagnen - wie ich sie in meinem Buch "Widerstand in der Demokratie" beschrieben habe. Wir suchen uns real umsetzbare Ziele aus, die bereits Mehrheiten bzw. signifikante Minderheiten des Wahlvolkes hinter sich haben. Dann erzeugen wir immer stärkeren Druck auf Politik und/oder Wirtschaft, bis sich dieser Mehrheitswille, wie in einer Demokratie eigentlich vorgesehen, durchsetzen kann. Es ist diese Aktivität, die von einer mächtigen Clique als Bedrohung aufgefasst wird und zu der unfassbaren Repression geführt hat, die wir jetzt erleben.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit anderen Tierschutzorganisationen?

Die Zusammenarbeit mit anderen Tierschutzorganisationen ist sehr gut.Wenn man bedenkt, wie leicht man sich in politischen Dingen zerstreiten kann, sehe ich große Reife in der Tierrechtsszene. Natürlich gibt es Konflikte, aber in den wesentlichen Dingen gibt es eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen den Gruppen.

Was sind Ihre nächsten Ziele? Stehen neue Kampagnen an?


Bis 2007 haben wir große Erfolge gehabt. Doch am Tag vor Beginn der nächsten konfrontativen Kampagne (Anm.: die Umsetzung von Tierschutz in die Bundesverfassung) kam es zum großen Polizeizugriff gegen den Tierschutz. Seitdem hat es aufgrund des massiven Staatsterrors - und ich verwende diesen Begriff wohlüberlegt und nicht salopp - keine weiteren konfrontativen Kampagnen mehr gegeben.

Im nächsten Jahr wird es zum Monsterprozess kommen. Ich hoffe, dass sich AktivistInnen für Kampagnen finden werden. Aber ich bezweilfe das. Terror kann man nicht einfach ignorieren. Gewalt und Bedrohung sind real. Man kann sie nicht wegfantasieren. Gewalt als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele funktioniert, leider. Deshalb wird es solange einen Stillstand geben, solange wir nicht den Amoklauf der Behörde in den Griff kriegen.

Der Prozeß
im Fall des "Anti-Mafia"-Paragraphen 278a beginnt diesen März. Welche Folgen erwarten Sie sich im Fall einer Verurteilung und was bedeutet das für den Verein und die Zivilgesellschaft?

Sollten wir verurteilt werden, dann bricht die Rechtssicherheit für politischen Aktivismus, soziale Bewegungen und NGOs völlig zusammen. Dann wäre bewiesen, dass man mittels des Paragraphen jede Person oder Gruppe terrorisieren kann. Sollte es soweit kommen, dann müsste das ein Startsignal für eine breite Front gegen Staatsterror sein, die letztendlich in eine Umkehr der momentanen Marschrichtung und in die Umsetzung obiger Forderungen münden könnte.

In gewissem Sinn wäre das besser als ein Freispruch. Denn dieser könnte uns in falscher Sicherheit wiegen. Es würde dann so wirken, als hätte der Rechtsstaat gewonnen und den Missbrauch verhindert. Die dadurch entstehende Sicherheit wäre aber trügerisch, weil die Mächtigen arbeiten schon heute an weiteren Terrorgesetzen gegen ihre BürgerInnen für morgen.

Zur Person:
Martin Balluch ist Obmann des VGT, Verfasser von Büchern und Artikeln zum Thema Tierrechte und -schutz. Er studierte in den 80ern Mathematik, Astronomie und Physik in Wien, wobei er mit einem Doktor in Physik in Heidelberg abschloss. Seinen zweiten Doktortitel erhielt er 2005 in Philosophie. Seine Arbeit ist als Buch "Die Kontinuität von Bewußtsein" erschienen.

Balluch engagiert sich seit 1985 für Tierrecht und lebt seit 1989 vegan. Seit seiner Rückkehr nach Wien 1997 ist er zu einem der führenden Köpfe der österreichischen Tierrechtsszene avanciert und wurde vom Nationalrat als Sachverständiger für Tierschutzaufgaben konsultiert. Er hält außerdem Vorträge und Podiumsdiksussionen zum Thema Tierrechte ab - so auch am 18. Jänner in der Veterinärmedizinischen Universität in Wien (weitere Infos hier). Er ist Herausgeber des Vereinsmagazines des VGT, Tierschutz konsequent, und moderiert jeden Freitag  von 11 bis 11:30 das Tierrechtsradio auf Radio Orange 94.0.



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