Musikalische Stilwechsel scheinen gerade in zu sein, wie die beiden neuen Werke von Black Rebel Motorcycle Club ("Howl") und Supergrass ("Road To Rouen") beweisen.
Radikale Stilwechsel bergen immer die Gefahr, dass sich alt eingesessene Fans von der Band abwenden könnten, aber auch die Chance, neue Hörer zu gewinnen. Oder auch Bewunderung dafür, dass eine Band zu überraschenden Wandlungen fähig ist. Ich persönlich empfinde letzteres, da es beweist, dass eine Band nicht in ihrem Muster, in ihrer musikstilistischen Schublade gefangen ist – so geschehen bei den jüngsten Alben von Black Rebel Motorcycle Club (kurz B.R.M.C.) und Supergrass.
BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB - HOWL
„Whatever Happend To My Rock´n Roll?“, sangen sie einst, nun hier kommt die Antwort: Die schwarzen Rebellen haben ihre Motorräder und Gitarrenverstärker in die Ecke gestellt und sich stattdessen mit Akustikklampfe, Mundharmonika und großen Stimmen für ein Ständchen auf der Holzveranda versammelt. Die großen Stimmen stammen vom B.R.M.C.-Ur-Kern Peter Hayes (Gitarre) und Robert Turner (Bass), wovon letzterer sich neuerdings nach seinem bürgerlichen Namen Robert Levon Been nennt. Drummer Nick Jago, der für kurze Zeit aus der Band war und glatt als Jared Leto-Double durchgehen würde, komplettiert das Trio.
Anstelle ihres hypnotischen Seventies-Psychedelic-Rock, der ihre ersten beiden Alben dominierte und allenfalls noch streckenweise, etwa im Titeltrack „Howl“ aufkeimt, widmet sich das Trio nun ruhigeren, großteils akustischen Klängen mit viel Gewicht auf die beiden Gesangsstimmen, die streckenweise von Gospelchören noch aufgefettet werden. Stilistisch offeriert das Album astreine „rootsy“ Blues-, Country- und Gospelsongs, jedoch völlig frei von jeglichem Truckercountry-Kitsch, beste Beispiele „Ain´t No Easy Way“, die wundervolle Gospelnummer „Devil´s Waitin´“ und, herzzerreißend schön, „Promise“. Sicher, stellenweise röhrt die Mundharmonika schon etwas zu oft und man sehnt sich doch wieder mal nach der „Elektrischen“, was prompt mit dem überraschend aufbäumenden „Gospel Song“ und „Weight Of The World“, einem der besten B.R.M.C.-Songs
ever, dankend erfüllt wird. Mit „The Line“ und dem anschließenden Hidden Track stehen am Schluss zwei Gänsehaut-Nummern, die Hayes und Been die Gelegenheit geben, ihre warmherzig-flehenden Stimmen noch einmal voll auszufahren, wozu ich mir gerne das Bild zweier den Mond anheulenden Wölfe imaginiere. „Howl“, das ist B.R.M.C. mit weniger Coolness, aber mit umso mehr Gefühl und Lebendigkeit.
Nick Jago, Robert Been, Peter Hayes
SUPERGRASS - ROAD TO ROUEN
Nicht ganz so drastisch, aber doch deutlich hörbar hat sich auch bei Supergrass ein musikalischer Wandel vollzogen. Anstatt high (auf Super-Gras) zu „Allright“ zu tanzen, lehnt man sich nun entspannt zurück und genehmigt sich stattdessen lieber ein Gläschen französischen Rotwein. Die Band hat sich zur Produktion von „Road To Rouen“ in die Normandie zurückgezogen, die Akustikgitarre, Melancholie und Experimentierfreudigkeit ausgepackt und die Kreativität fließen lassen. Das Ergebnis: Supergrass sind reifer, „erwachsener“ geworden und haben den stets in ihrer Musik vorhandenen Spaßfaktor hinter sich gelassen. Jetzt mag sich bei eingefleischten Supergrass-Fans vor Schreck die Kehle zusammenziehen, doch das Resultat braucht sich absolut nicht zu verstecken. Nebst vermehrtem Einsatz von Akustikgitarren finden viele andere „neue“ Klangfarben Einzug. Der Eröffnungstrack „Tales Of Endurance (Parts 4, 5 & 6)“ wird durch Bläsersätze zerpflückt und erinnert ab dem Rhythmuswechsel in der Hälfte des Songs sehr an Franz Ferdinand´s „Take Me Out“. Die Single „St. Petersburg“ kommt als lässig swingende Nummer daher, begleitet vom schön-melancholischen Streicherarrangement. „Roxy“, einer der flotteren und besten Titel des Albums bricht in der Mitte fast vollkommen ab und bäumt sich langsam durch Streichereinsatz wieder zum orchestralen Finale auf. Die ultrakurze Instrumentalnummer „Coffee and Pot“ mit seinen amüsanten „Hey“-Shouts und Bossa Nova-Rhythmus teilt das Album – wie eine Art kurze Werbepause – in zwei Hälften.
„Road To Rouen“ ist stilistische Vielfalt pur. Während der Titeltrack astreiner 70er-Jahre Funkrock ist, zehren andere Songs sehr von beatelesken oder Pink Floyd´schen Einflüssen („Sad Girl“, „Roxy“, „Low C“,). „Kick In The Teeth“ ist in diesem Mosaik die einzige Nummer, die noch nach den „alten“ Supergrass klingt.
Mit „Fin“, einem, wie der Titel schon vermuten lässt, wunderschön-kitschigen Finalsong lösen die Jungs von Supergrass die Leinen und segeln auf ruhiger See in Richtung Sonnenuntergang.
So ernst hat man Supergrass selten dreinblicken sehen...
Foto: (c)