2010-02-15 11:55:18
Der Hype ist wohl gerechtfertigt. Helene Hegemanns kontroversielles Debüt erzählt vom Erwachsenwerden. Und von der Unmöglichkeit, erwachsen zu werden.
Dass in deutschsprachigen Feuilletons der letzen Wochen die
Auseinandersetzung mit Axolotl Roadkill oft genau neben den Nachrufen auf
Jerome Salinger zu stehen kommt, ist natürlich Zufall. Das Ableben des
amerikanischen Autors wird nur wenige Tage nach der Veröffentlichung von
Hegemanns Erstling bekannt. Und doch täte man gut daran, Axolotl Roadkill in
der Tradition von The Catcher in the Rye, Salingers einzigem großen Roman, zu
verstehen. Wie The Catcher in the Rye (veröffentlicht 1951) handelt Axolotl
Roadkill vom Erwachsenwerden, vom aufreibenden Versuch, mit einer Welt
zurechtzukommen, die sich wahlweise phony (Salinger) oder linksresignativ
(Hegemann) auftut.
Fruchtblase und Schwanzlurch
Wie Hegemanns Protagonistin Mifti ist auch Salingers Holden
Caulfield ein verängstigt protestierender Schulabbrecher, der im labilen Rausch
der Großstadt untertaucht, um nicht eintauchen zu müssen in das Leben der
anderen. "Sie bestellen Sitzbälle, um ihre Rückenmuskulaturen zu stärken, haben
eine Ausbildung zur Landschaftsgärtnerin absolviert, buchen einen
Pauschalurlaub, dekorieren ihre Wohnung jahreszeitengemäß, und legen sich einen
Vierbeiner zu, dessen Exkremente zuerst in einer Plastiktüte verstaut und
danach entsorgt werden müssen," beschreibt Mifti (verknappt) die Welt, der sie sich
verweigert. Wie Salinger bemüht auch Hegemann die Biologie, um die unersättliche Sehnsucht nach der immerwährenden Kindlichkeit zu
vermitteln. Holdens Nachname Caulfield spielt auf caul an, die
Fruchtblasenmembran, die neugeborene Säugetiere kurz nach der Geburt noch
schützend bedeckt. Hegemanns Axolotl, der mexikanische Schwanzlurch, den Mifti
in einem Plastiksack mit sich herumschleppt, macht sich eine ähnliche Metaphorik zunutze. Denn ein Axolotl kann nie ganz erwachsen werden; obwohl
geschlechtsreif, bleibt es immer im Larvenstadium, wegen eines
Schilddrüsendefekts kommt es nie zur Metamorphose.
Nichterwachsenwerdenwollen
„Ich weiß komischerweise genau, was ich will: nicht
erwachsen werden,“ sagt Mifti an einer Stelle. Und dieses
Nichterwachsenwerdenwollen in der späten Postmoderne, wo ohnehin niemand mehr
erwachsen wird, und wo selbst ihr Vater noch in seiner „kindlichen
Allmachtsphase“ feststeckt, wird für Mifti zur zentralen Herausforderung.
Dieses Nichterwachsenwerdenwollen fordert ihr einerseits das brutal-brachiale
Drogen- und Sexdelirium ab, das Axolotl Roadkill solange detailliert intensiv
zu beschreiben versucht, bis die Sprache zu versagen droht. Dieses
Nichterwachsenwerdenwollen verlangt aber auch gleichzeitig den zynischen
Kommentar zu den nur scheinbar echten Rauschzuständen, denn Mifti weiß, dass ein Drogenjunkie schließlich ebenso klischeehaft ist wie ein pendelpauschaler
Vorstadtbewohner.
Berlin is here to mix everything with everything
Diese doppelzüngige Komplexität macht die Stärke von Axolotl
Roadkill aus; das Bestehen auf der schamlosen Konstruktion von Wirklichkeit,
auch wenn sie sich noch so unvermittelt grob darstellt; das
„pseudoechauffierte“ Plaudern über alles, „was mir jemals zugestoßen ist und
traumatisierte Belastungsstörungen hinter sich herzieht.“ Diese
Doppelzüngigkeit erklärt auch die Leichtigkeit, mit der sich Hegemann an Texten
des Bloggers Airen bedient hat. Denn auch wenn sich der konservative Feuilleton
über Hegemanns unbeschwerten Ideenklau empört,
ist doch genau das das Prinzip des Romans. Finden Mifti und ihr Halbbruder Edmond:
„Berlin is here to mix everything with everything, Alter!“ – „Ist das von dir?“
– „Berlin is here to mix everything with everything, Alter? Ich bediene mich
überall, wo ich Inspiration finde und beflügelt werde.“ – „Es ist also nicht
von dir?“ – „Nein. Von so 'nem Blogger.“ Und wahrscheinlich ist sogar das von so 'nem Blogger.
Axolotl Roadkill
von Helene Hegemann
erschienen im Ullstein Verlag, 2010
Broschiert, 208 Seiten, 15,40 Euro
a map of the world that does not include utopia is not even worth glancing at (o.w.)
Newsfeed von Leopold Lippert abonnieren
sehr
sehr schöne rezension!
[antworten]
Ja,
finde ich auch. Super.
[antworten]