2008-01-23 16:20:08
Cristian Mungius Drama 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage zeigt einen Aspekt der kinderreichen Ceausescu-Ära, der viel zu oft tabuisiert wird: das Thema Abtreibung.
Von 1965-1989 bestimmte das Regime rund um den Diktator Nikolai Ceausescu und seiner Frau Elena das Leben der rumänischen Bevölkerung. Eine brutale und menschenverachtende
Politik regelt das Leben des von Armut gezeichneten Volkes. Im Jahr 1965, zu einer Zeit in der in Europa und den USA die ersten Bewegungen für das Recht auf Abtreibung aufkamen, erließ der Diktator ein Gesetz zur Förderung von Kinderreichtum und das Verbot auf Abtreibung.
Tales from the Golden Age
Cristian Mungius 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage ist der erste Film eines großen Projektes mit dem Titel Tales from the Golden Age. Ziel dieses Projektes ist es, das Leben der rumänischen Bevölkerung zu zeigen, ohne direkte Referenz auf den Kommunismus. Der Regisseur möchte die menschliche Sicht auf das Leben im realen Sozialismus lenken. Ein Leben, das für die Menschen zwangsweise normal war.
Die Geschichte, die Christian Mungiu erzählt, hat sich wahrscheinlich tausend Mal im sozialistischen Rumänien der späten 1980er Jahre abgespielt. Die Studentin Gabita (Laura Vasiliu) wird schwanger. Sie möchte das Kind nicht, wartet jedoch viel zu lange, um etwas gegen die ungewollte Schwangerschaft zu unternehmen. Ihre Zimmerkollegin Otilia (Anamaria Marina) muss ihr bei der späten und gefährlichen Abtreibung beistehen, die illegal von einem Pfuscher durchgeführt wird.
Der Alltag, so trist und grau
Im Studentenheim herrscht Hochbetrieb. In einem Zimmer findet ungeniert Handel mit westlichen Gütern statt. Haarsprays, Make-up, Haarfärbemittel und Zigaretten werden zwischen den Mädchen gehandelt. Mittendrin steht Otilia, die noch das letzte Geld für die Abtreibung ihrer Zimmerkollegin aufbringen muss.
Für die Abtreibung selbst wird ein Hotelzimmer besorgt. Das ist nicht so einfach in den späten 80er Jahren und schon gar nicht für eine Studentin vom Land. Doch Otilia hat Glück, sie bekommt gerade noch ein Zimmer für drei Tage. So lange würde der ganze Prozess höchstens dauern, meint der Engelmacher Mr. Bebe (Vlad Ivanov). Dieser lässt sich die Abtreibung schlussendlich durch Sex mit Otilia bezahlen, denn für 3000 Lei alleine, würde er sich nicht straffällig machen wollen.
Direkt nach Vollzug des Aktes im doppelten Sinne lässt Otilia ihre Zimmergenossin alleine im Hotel zurück, um zu einer Geburtstagsfeier im Elternhaus ihres Freundes zu gehen. Teilnahmslos sitzt sie an der Tafel und lässt die Feierlichkeiten über sich ergehen. Nicht einmal die schnippischen Kommentare gegenüber der faulen Jugend und den Wehrdienstverweigern scheinen sich zu interessieren. Zurück im Hotel findet die junge Frau ihre Freundin vor, die mittlerweile eine Fehlgeburt erlitten hat.
Depressiver Aufschwung
Regisseur Mungiu schafft es mit 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage die repressive Stimmung der rumänischen Gesellschaft in den 1980er Jahren festzuhalten. Immer wieder sieht man Otilia, die sich ängstlich umblickt, aus Furcht vor der unsichtbaren, aber doch vorhandenen Macht des Staates. Der Schwarzmarkt blüht. Vom Geld für die Abtreibung ihrer Freundin kauft sich Otilia unverblümt ein Päckchen Kent Zigaretten, das fast so viel wie eine Nacht im Hotel kostet.
Die Kamera folgt den beiden Frauen stumm und schafft es, ohne kommentierend zu wirken, deren Leben wieder zu geben. Mungiu arbeitet mit wenigen Schauplätzen, zeigt einfühlend einen Tag im Leben der zwei jungen Frauen. Besonders wichtig scheinen dem Regisseur lange, dramaturgisch und psychologisch ausgefeilte Dialoge, die die Handlung äußerst lebendig wirken lassen.
Der Film 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage kann sich vor allem in der europäischen Filmszene mit zahlreichen Auszeichnungen rühmen. Als Gewinner der Goldenen Palme 2007 ist Cristian Mungiu bislang der erste rumänische Regisseur, der diese Auszeichnung erhielt. Besonders in Frankreich verzeichnete der Film große Erfolge und wird demnächst Einzug in die französischen Klassenzimmer halten. Und das ist auch gut so.
Filmstart in Österreich: 24. Januar 2008
We are all in the gutter but some of us are looking at the stars. (Lord Darlington, Lady Windermere's Fan)
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