Immer öfter gelangen nicht heimische Tier- und Pflanzenarten nach Österreich. Viele befürchten sie könnten einheimische Arten verdrängen. Fremdenfeindliche Hysterie oder reale Gefahr?
19. Juli 2006. Süddeutsche Zeitung. „Invasion – Angriff der Aliens“ lautet die Überschrift des Artikels. Der reißerischen Überschrift folgt der Text. Eine einzige Katze, die in Australien sämtliche Zaunkönige ausrottet, Malaria-Mücken, die als blinde Passagiere in Flugzeugen nach Europa kommen oder der Riesenbärenklau in Deutschland, der zusammen mit Sonnenlicht Hautverbrennungen verursachen kann. Schlimm genug, doch alle drei Arten sind in den beschriebenen Lebensräumen außerdem eines: Aliens, Ausländer, Invasoren oder in der Fachsprache – Neobiota. Als Neobiota gelten alle Arten, die in einem Gebiet nicht einheimisch sind und erst nach 1492 durch direkte oder indirekte Mithilfe des Menschen in dieses Gebiet gelangt sind. Seit nunmehr 50 Jahren rückt das Thema immer mehr ins Interesse der Ökologen und Naturschützer.
Artensterben
Die Sorge gilt der Artenvielfalt. Die neuen Arten könnten die eingesessenen verdrängen und damit die Biodiversität (biologische Vielfalt) verringern, deren Erhaltung in der Biodiversitäts-Konvention 1992 beschlossen wurde. Beispiele, die diese Befürchtungen belegen gibt es. Besonders isolierte Lebensräume, wie Inseln oder Seen, sind gefährdet. Seit dem Film „Darwin's Nightmare“ des Österreichers Hubert Sauper ist das Beispiel Viktoriasee weltbekannt. Zahlreiche einheimische Fischarten starben hier aus, nachdem Nilbarsche ausgesetzt wurden – zur Steigerung des Fischertrags.
Die Lage in Österreich
So dramatisch ist die Lage in Mitteleuropa nicht. Wegen der kalten Winter können viele eingeschleppte Arten meist nicht länger als einen Sommer überleben. „In Österreich sind die Neobiota sicher nicht das größte Problem. Die allgemeine Lebensraumzerstörung durch Siedlungen und Straßenbau ist weit gravierender. Allerdings gibt es lokal oder in Schutzgebieten wie Nationalparks sehr wohl Probleme“, so Wolfgang Rabitsch von der Abteilung Naturschutz im Umweltbundesamt. Von den etwa 45.000 Tierarten in Österreich sind rund 500 nicht heimisch. Bei den 4060 Arten an Farn- und Blütenpflanzen kommen immerhin 1110 nicht aus Österreich, darunter prominente Beispiele wie die Robinie. Allerdings sind davon aus Sicht des Naturschutzes nur 17 problematisch.
Seit einigen Jahren interessieren sich auch die Medien mehr für das Thema. Das liegt einerseits am generellen Interesse für den Naturschutz und die Folgen des Klimawandels. Andererseits lassen sich Parallelen zu menschlichen Problemen herstellen.
Wolfgang Rabitsch vom Umweltbundesamt: „Ich kann mich erinnern als wir unsere Studie 'Neobiota in Österreich' veröffentlichten. Die Kronen Zeitung schrieb damals in etwa: Jetzt kommen die auch noch.“ Ähnlich bei der Spanischen Wegschnecke, die in Österreich erstmal 1972 auftrat und andere Schneckenarten verdrängte. Der Kurier titelte 1983 „Ort von roten Schnecken überfallen“ und die Neue Zeit befürchtete die „Schneckeninvasion des Jahrhunderts in der Steiermark“.
Naturschutz und das Fremde
Sogar in der Wissenschaft spielt die Angst vor dem Fremden teilweise eine Rolle. Naturschutz wird dabei als Heimatschutz missverstanden, der obendrein wirtschaftliche Probleme mit ökologischen vermischt. Selbst in der Fachliteratur werden negativ besetzte Ausdrücke wie Invasor oder Eindringling verwendet. Hintergrund: Die fremden Arten verkörpern die beängstigenden Seiten der Natur. Das Fremde, das Unkontrollierbare und den Konkurrenzkampf.
Wolfgang Holzner, Professor am Zentrum für Umwelt- und Naturschutz an der Wiener Universität für Bodenkultur, plädiert daher im Sammelband „Aliens – Neobiota in Österreich“ (Böhlau, Wien 2005) für einen pragmatischen Umgang mit dem Problem: „Individuen bestimmter Pflanzenarten können unter bestimmten Situationen bestimmten Menschen Probleme verursachen. Dies trifft genauso gut für heimische wie exotische Arten zu. Die Suche nach einem Sündenbock und seinem 'Herkunftsnachweis' lenkt nur von der Lösung des Problems und der eigentlichen Ursache ab.“
Auch die Süddeutsche irrt
Den Beweis wie verinnerlicht die Unterscheidung in „gute“ und „böse“ Ausländer auch in der Neobiota-Debatte bereits ist, liefert die Süddeutsche Zeitung. Im eingangs erwähnten Artikel darf das Beispiel von der eingeschleppten Miniermotte nicht fehlen. Diese befällt in Österreich die verbreitete und beliebte Rosskastanie. Um die Geschichte vom bösen Ausländer erzählen zu können, der die wehrlosen Inländer angreift wird allerdings ein wichtiges Detail verschwiegen: Auch die Rosskastanie ist hier nicht heimisch. Erst Ende des 16. Jahrhunderts kam sie nach Mitteleuropa. Sie stammt wie die Miniermotte ursprünglich vom Balkan – der Schädling ist ihr lediglich gefolgt.